Anti-Karl-May-Diskussionen überfallen den Menschen periodisch wie die Grippe. Obwohl der "herrliche sächsische Lügenbold" (Hermann Kant) schon vor über 100 Jahren in die "ewigen Jagdgründe" einging, bringt er nach wie vor Gemüter zum Kochen und Tastaturen zum Glühen. Im Sommer 2022 ging der Streit um den Schöpfer von Winnetou und Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef in eine neue Runde. Auslöser war die Verlagsrücknahme von Begleitpublikationen zum Kinderfilm "Der junge Häuptling Winnetou". Auch wenn der Film bis auf den Titel mit Karl May so viel zu tun hat wie eine Mozartkugel mit "Don Giovanni", brauchte es nur wenige Mausclicks, bis auch der Autor ins Kreuzfeuer geriet. Über Nacht schossen Karl-May-Spezialisten wie Pilze aus dem Boden. Sie fanden Überraschendes heraus: Rassist, gar Antisemit, ja sogar Inspirator und Ideenlieferant der SS, von Hitler und Himmler, sei der 1912 Verstorbene gewesen. Karl-May-Biograf Thomas Kramer, der seit Jahrzehnten zu May forscht und arbeitet, ist diesen Vorwürfen sachlich und unaufgeregt, dafür mit viel Humor nachgegangen. Sein Urteil fällt eindeutig aus.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 13.11.2023
Endlich mal ein differenzierter Zugriff auf Karl May, freut sich Rezensent Jörg Scheller über Thomas Kramers Essay. Kramer erschließe das Werk Mays vor allem über Vergleiche: Wie zeigen sich antisemitische Stereotype etwa bei Marx, wie bei May, wie passt das alles in den zeitlichen Kontext, wie verhält sich die Faszination mit den Helden zu heutigen Superhelden? Einem vorschnellen Abgesang auf Mays eher christlich-missionarische denn rassistische Abenteuergeschichten können weder Autor noch Kritiker etwas abgewinnen, umso zufriedener ist letzterer, dass Kramer eine abwägende und ausgewogene Quellenkritik vornimmt, ohne "kulturchauvinistisch-orientalistischen Kitsch" zu entschuldigen. Ein Buch, das einen wichtigen Beitrag zur Versöhnung von europäischer Moderne mit postkolonialen Theorien leisten wird, da ist sich Scheller sicher.
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