Die Bürgerlichkeit einer Gesellschaft und ihrer Diskurse ist nicht allein dadurch gegeben, daß kapitalistisch gewirtschaftet wird. Sie bildet sich vielmehr im politischen und kulturellen Selbstverständnis aus, das den innengeleiteten Privatmenschen zum Garanten der sozialen Ordnung macht. Reitz verfolgt die Herausbildung dieses Musters in der Formationsphase der bürgerlichen Gesellschaft vom späten 18. bis ins frühe 19. Jahrhundert. Entgegen der marxistischen Ableitung politisch-kultureller Strategien aus Klasseninteressen, aber auch entgegen der geisteswissenschaftlichen Abstraktion von Problemen der Vergesellschaftung weist Reitz nach, wie die Grundformen des bürgerlichen Lebens diskursiv gebündelt werden, um das vorstaatliche Individualverhalten neu unter Kontrolle zu bringen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 13.09.2003
Tilman Reitz' ideengeschichtliche Untersuchung "Bürgerlichkeit als Haltung" hat Rezensent Ralf Grötker im Großen und Ganzen überzeugt. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Verschränkung von Privatmensch, Bürger, und der Gesellschaft im 18. und 19. Jahrhundert. Als Kern des bürgerlichen Modells macht Reitz dabei die Trennung des Bereichs privater Anschauungen und Einstellungen von der Sphäre öffentlich relevanter Entscheidungen aus. Obwohl es schon eine Fülle von Studien zur Entstehung bürgerlicher Privatheit gebe, notiert der Rezensent, gelinge es dem Verfasser, dem Thema einen "lohnenswerten neuen Aspekt" abzugewinnen. Bedauerlich findet er allerdings, dass es sich Reitz oft zu leicht macht, wenn er gesellschaftliche Gegebenheiten als "opak" klassifiziert. Zudem hätte er sich gewünscht, dass Reitz Einführung, Überleitung und Schluss für zusammenfassende Betrachtungen genutzt hätte.
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