Silke van Dyk und Tine Haubner analysieren die Kehrseiten des Community-Kapitalismus, diskutieren seine Bedeutung angesichts neoliberaler Krisen und fragen nach solidarischen Alternativen. Nachbarschaftshilfe, Freiwillige Feuerwehr, Pflegepatenschaften, Tafeln, Flüchtlingshilfe oder Crowdsourcing: Unbezahlte Arbeit hat viele Gesichter, ist gern gesehen und findet nicht nur im Privathaushalt statt. Der demografische Wandel und der Umbau des Sozialstaats haben Sorgelücken entstehen lassen, sodass immer häufiger das Engagement von Vereinen, Initiativen, Nachbarschaften oder digitalen Netzwerken in Anspruch genommen wird. Öffentliche Aufgaben oder professionelle Tätigkeiten werden an die Zivilgesellschaft delegiert, soziale Rechte in soziale Gaben überführt. Die Autorinnen beschreiben diese Entwicklung mit dem Begriff "Community-Kapitalismus" und fragen: Wie verändert sich das Verhältnis von Markt, Staat, Familie und Zivilgesellschaft? Erleben wir eine Informalisierung von Arbeit und Sorge im Gewand neuer Gemeinschaftlichkeit? Welche Rolle spielen hier soziale Bewegungen? Und was bedeutet das für unser Verständnis von sozialen Rechten?
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 19.10.2021
"Community" ist ein Begriff, bei dem einem warm ums Herz wird. Community ist aber auch eine Idee, mit der sich neueste Formen des Kapitalismus bestens arrangieren können. Die Autorinnen des Bandes analysieren, wie bestimmte Funktionen der "Care-Arbeit" mit sanftem gesellschaftlichem Druck immer mehr ins Zivilgesellschaftliche transferiert werden. Tania Martini folgt ihrem kritischen Ansatz mit großem Interesse. Die beiden plädieren - und hier ist sich die Rezensentin mit ihnen einig - zwar nicht gegen Engagement oder Gemeinsinn, und sie wissen auch, dass das gloriose Sozialstaatsmodell der Siebziger nicht einfach in die Gegenwart gerettet werden kann. Aber sie bestehen auf der "autonomiestiftenden Funktion sozialer Institutionen und sozialer Rechte". Die Idee universell gültiger und garantierter Regeln hält Martini übrigens auch für nützlich gegen die neuesten Formen des Plattformkapitalismus, der seine Entlassungen gern auch mal mit dem "Interesse der Community" begründet. Das vorliegende Buch bildet für Martini eine triftige und originelle linke Position in dieser Debatte ab.
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