Aus dem Russischen von Yvonne Griesel. Zweisprachige Ausgabe Deutsch und Russisch. 41515 Wörter/слов - Reise durch die Stille zwischen Erinnerung und Krieg ist eine Sammlung von Notizen, die sich allmählich in ein Theaterstück verwandeln und dann zu tagebuchartigen Reflexionen zurückkehren. In autobiografischen Texten trauert Vera Martynov ihrer alten Welt nach, während sie in der neuen versucht, festen Boden zu finden. Sie sieht sich mit der ständigen Herausforderung konfrontiert, von Fremden und Behörden gleichermaßen auf jemanden reduziert zu werden, der tief mit der Ukraine verbunden ist: Die Familie ihrer Mutter stammt aus dem Donbass, sie selbst ist in der Südukraine aufgewachsen, aber ihr Erwachsenenleben hat sich vollständig in Moskau abgespielt.In ihrer Gesamtheit bilden die Texte eine Landschaft der inneren Welt der Künstlerin, die sich im Schatten des Krieges in der Ukraine entfaltet. Die russischen Texte erscheinen neben der deutschen Übersetzung, unterlegt mit Fragmenten in ukrainischer, englischer und französischer Sprache, und werden von handgeschriebenen Zeilen geliebter Poesie begleitet - Verse, die in den verborgenen Tiefen eines iPhones aufbewahrt werden.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 28.04.2026
Rezensent Marko Martin überlegt, ob die Aufzeichnungen der ukrainisch-russischen Künstlerin Vera Martynov aus dem Exil in Marseille mehr sind als eine um die eigene Fragilität kreisende Performance. Durchaus, stellt er fest. Die von Yvonne Griesel präzise übersetzen Notate überzeugen Martin durch ihre Rohheit und die Offenheit, mit der Martynov über Schreckensnachrichten aus der bombardierten Ukraine spricht, über die eigene Wut, die Sprachlosigkeit und taube Ohren. Dass die Autorin weiß, sie ist nicht die Erste, die eine existenzielle Krise durchlebt, macht das Buch für Martin schließlich auch lesenswert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.03.2026
Rezensentin Bettina Hartz hält Vera Martynovs "41515 Wörter" für eine kraftvolle, transformative Exilerzählung. Die Künstlerin Martynov notiert seit 2016 ihre Erfahrungen mit dem Ukraine-Krieg, der russischen Invasion 2022 und ihrer Flucht nach Marseille, wo sie Verlust, Isolation und eine gescheiterte Liebe durchsteht. Besonders beeindruckt die Rezensentin die heterogene Form aus Notizen, Gesprächen und Szenen sowie die Zweisprachigkeit der Autorin, die sich das Russische neben dem Ukrainischen als Heimat- und Exil-Sprache bewahrt. Hartz spürt hier eine leise, unbesiegbare Kraft, die aus Ohnmacht Lebendiges schafft. Dass der Verlag sich entschieden hat, das Buch zweisprachig zu drucken zeigt für sie Widerstand gegen die Vereinnahmung der russischen Sprache durch Putin und gegen die "schmerzliche Ausgrenzung" des Russischen aus der heutigen ukrainischen Kultur.
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