Maria Stepanova

Der Absprung

Roman
Cover: Der Absprung
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783518431979
Gebunden, 141 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja. Wie schreiben, wenn die Wörter im Mund zerfallen? Was tun, wenn das eigene Land nur noch für Tod und Zerstörung steht? Die Schriftstellerin M., seit einigen Monaten im europäischen Exil, bricht ins Nachbarland auf - ein Festival hat sie zu Lesungen eingeladen. Die Reise ist voller Pannen: der vorgesehene Anschlusszug existiert nicht, das Ladekabel des Telefons geht verloren. Auf dem Grenzbahnhof in F. wartet niemand, der Kontakt zu den Veranstaltern ist abgebrochen. Die Lage erfüllt sie mit Erleichterung. M. durchstreift die Stadt, und was ihr begegnet, sind lauter Freiheitsversprechen: ein Escape Room, ein Wanderzirkus, eine flüchtige Bekanntschaft - und am Ende die langersehnte Chance, ihre Identität loszuwerden und zu verschwinden. Aber kann das gelingen?

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.11.2024

Nicht oft fragen sich Flüchtlinge, wieviel von der Gewalt und Gemeinheit ihrer Heimat in ihnen selbst steckt. Bei der russischen Autorin Maria Stepanova und ihrer Heldin M., die eine sehr ähnliche Lebensgeschichte teilen, ist das anders, erzählt Rezensentin Sonja Zekri. Sie leiden unter dem "Untier", von dem sie doch auch ein Teil sind. Und unter den Fragen, die man ihnen stellt. Das ändert sich erst, als M. durch Zufall in einer fremden Stadt strandet, wo niemand sie kennt. Plötzlich "unsichtbar", wird die Frau zur Abenteurerin, die einem Fremden folgt und sich einer Akrobatentruppe anschließt, so Zekri, die die literarische Finesse bewundert, mit der die preisgekrönte Lyrikerin Stepanova in ihrem Debütroman den Kontrollverlust der Heldin auf manchmal durchaus fantastische Weise illustriert. Zum Fürchten ist das nicht, lernt sie, denn wer die Heimat verliert, "dem stehen alle Wege offen".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.11.2024

Rezensentin und Slavistin Philine Bickhardt scheint bei der Lektüre von Maria Stepanovas Roman ganz dicht dran zu sein an der Protagonistin und ihrer Reise: Auf dem Weg von Berlin nach Dänemark anlässlich eines Literaturfestivals geht für die Schriftstellerin M. - Bickhardt sieht hier eine Referenz auf die Hauptfigur "N." in Nabokovs Roman "Pnin" - zunächst alles schief: Züge fallen aus, das Handy-Ladekabel geht verloren, der Kontakt zu den Festivalleuten bricht dadurch ab. Dann jedoch beginnt M., diese Abgeschnittenheit als neue Freiheit zu sehen, tritt sogar vorübergehend in einen Zirkus ein; und dieser "Absprung" ist für die Kritikerin klar als eine Absetzungsbewegung von Russland und seiner Rolle in der Gegenwart zu lesen: So gehe es im Subtext auch immer um den Angriff auf die Ukraine, Russland tritt dabei in Form verschiedener Meeresungeheuer, als Leviathan und somit letztlich auch als "staatliche Allmacht im Hobbes'schen Sinne" auf, wie Bickhardt deutet. Wie die Erzählerin sich nicht nur durch ihr Abtauchen, sondern auch durch die witzige und ironische Sprache gegen eine Vereinnahmung des Russischen durch die "Lügner" und "Okkupanten" wehrt, beeindruckt die Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2024

Einen denkenden, schwebenden, viele Zwiespälte aushaltenden Roman von Maria Stepanova hat Rezensentin Sieglinde Geisel da vor sich: Stepanova hat Russland verlassen und lebt im Berliner Exil, so auch ihrer Protagonistin M., die mit ihr auch ansonsten vieles gemeinsam zu haben scheint. Der Einfluss des "Untiers" reicht aber bis ins Exil, die Frage, ob M. selbst Teil dieses Ungeheuers ist, quält sie ebenso wie die Schwierigkeit, eine Sprache zu finden für die Erlebnisse und Geschichten zwischen Zugpannen und zersägten Zirkusfrauen, erzählt Geisel. Sie fühlt sich an ein "Spiegelkabinett" erinnert, denn Stepanova verwebt Lektüreeindrücke "von Pinocchio bis Parzival" mit verschiedenen Erzählperspektiven und einer leichten Ironie. Für die Kritikerin ein Roman, der gerade in der Verbindung von ernsthaftem Thema und spielerischer Erzählweise den spannungsreichen Zustand des Exils deutlich macht, an dem ein Untier schuld ist, von dem man selbst ein Teil ist.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 04.11.2024

Maria Stepanova tut in diesem großartigen Buch nur so, als schreibe sie autofiktional, so Rezensentin Cornelia Geißler. Zwar geht es um eine Schriftstellerin mit Namen M., die vor einem "Untier" (Zitat Stepanova) aus ihrem Heimatland geflohen ist wie die Autorin, die seit dem russischen Angriff auf die Ukraine in Westeuropa lebt. Aber die Geschichte, die der Autorin auf einer Bahnodyssee in Richtung eines Literaturfestivals folgt, nimmt bald, lesen wir, surreale Abzweigungen. Am Ende eines Kapitels, beschreibt Geißler, fällt M. aus ihrer Geschichte heraus und landet in einer anderen, in der sie eine Draufgängerin wird, ihren Namen aufgibt und schließlich beim Zirkus landet. Ein toller, kurzer Roman ist das laut Rezensentin, voller Metaphern, die man nicht unbedingt leicht versteht, schon der märchenhaft anmutende Begriff "Untier" verweist auf die Literaturgeschichte zurück. Geißler möchte nach Beendigung der Lektüre gleich zurückblättern und die vielen Spuren aufgreifen, die Stepanova unterwegs gelegt hat, die vielen Anspielungen auf andere Werke oder den "gelben Hund in der Nähe", verrät uns die begeisterte Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 31.10.2024

Maria Stepanova zeigt dem Rezensenten Georg Dotzauer, was es bedeutet, von sich selbst loskommen und verschwinden zu wollen. Die Protagonistin ihres Romans hat auffällige Ähnlichkeit mit der Autorin, hält er fest, beide leben im Berliner Exil und sinnieren über den russischen Angriffskrieg sowie über "zahlreiche Phantasmagorien des Sich-Entziehens", erst recht, als die Figur mit leerem Handy-Akku strandet, wie Dotzauer erzählt. Russland als Leviathan taucht als eine von vielen mythologischen Figuren auf, daneben spielen auch die dem Kritiker schon von Stepanova vertrauten Themenkomplexe wie Exil, Gewalt und Verbannung eine wichtige Rolle. Die Fragen nach der eigenen Verwicklung und den Möglichkeiten, sich gegen den "Horror der Sprachlosigkeit" zu wehren, machen dasBuch für Dotzauer sehr aktuell und unbedingt lesenswert.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 14.10.2024

Ganz hingerissen ist Rezensent Jörg Plath vom neuen Buch Maria Stepanovas, in dem eine Schriftstellerin, im Buch nur mit M. betitelt, sich mit Erleichterung der Fremde hingibt. M. ist, wie die Autorin selbst, aus Russland geflohen, ihre nationale Identität mit Scham behaftet, seit "das Untier" in die Ukraine eingefallen ist. Als sie aus Versehen in der Grenzstadt F. strandet, freut sie sich kurzzeitig, dem Schatten ihrer Nationalität entkommen zu können, so Plath, sie trinkt Wein in der Hotelbar und macht neue Bekanntschaften. Doch sie kann sich "dem Untier" nicht entziehen, Erinnerungsfetzen und Geschichten dringen durch die scheinbare Idylle. Der Rezensent ist höchst angetan von dieser Geschichte: auf "hochreflektierte Weise" und an die "strenge Schönheit" der Bücher J.M. Coetzee erinnernd, blickt Stepanova auf ihre Hauptfigur und flicht dabei Geheimnis- und Fantasievolles ein.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 05.10.2024

Fast märchenhaft entfremdet erzählt die russische, derzeit im Exil lebende Autorin Maria Stepanova der Rezensentin Angela Gutzeit vom Krieg Russlands gegen die Ukraine, ohne dass die Namen der Länder, Putins oder der Protagonistin, einer Schriftstellerin, die nur mit dem Initial M. bezeichnet wird, genannt werden. M. ist auf dem Weg zu einem Literaturfestival, kommt aber nie dort an, alles geht schief und sie verliert mehr und mehr den Bezug zur Realität, berichtet Gutzeit. Ihr gefällt, wie surreal Stepanova schreibt und wie geschickt sie sich mit Vorbildern wie Vladimir Nabokov und Sophie Calle auseinandersetzt - "ein großartiges Leseerlebnis", schließt sie.

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