Nach der gestern von
Bild gestreuten Meldung, derzufolge Kulturstaatsminister
Wolfram Weimer offenbar plant,
Tricia Tuttle abzusetzen, hat sich binnen kürzester Zeit eine breite
Solidaritätsbewegung für die Berlinale-Leiterin gebildet. Nach dem Festival hatte Weimer noch lobende Worte für das Krisenmanagement von Tuttle und Wenders während des Festivals gefunden. Den Stein des Anstoßes soll angeblich das kurz darauf herumgereichte Bild gegeben haben, das Tuttle im Rahmen einer Premiere mit dem Filmteam von "Chronicles from the Siege" zeigt, welches
Kufiya trägt und demonstrativ die
Palästinaflagge hisst. "In Regierungskreisen heißt es aber, dass
Tuttle selbst der Motor für die Trennung sei",
merken Andreas Busche und Christian Tretbar im
Tagesspiegel an.
Annähernd 1.800 Unterschriften weist eine
Stellungnahme der Deutschen Filmakademie auf: "
Kunstfreiheit bedeutet nicht Zustimmung zu einzelnen Positionen, sondern die Verteidigung des Rechts, sie zu äußern. Eine
politische Einflussnahme auf die inhaltliche Gestaltung eines Filmfestivals würde fundamentale Prinzipien gefährden, für die die Berlinale seit Jahrzehnten steht." Ein
offener Brief zur Zukunft der Berlinale wurde im Originaldokument von über 600 Menschen aus der Branche unterzeichnet, hinzu kommen über 300 Folge-Unterschriften. "Ein internationales Filmfestival ist kein diplomatisches Protokoll, sondern ein schützenswerter Ort unserer Demokratie", heißt es darin. "Seine Stärke liegt darin,
unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und vielfältige Stimmen sichtbar zu machen. ... Wenn aus einzelnen Wortmeldungen oder symbolischen Deutungen personelle Konsequenzen abgeleitet werden, entsteht ein problematisches Signal: Kulturinstitutionen geraten unter politischen Erwartungsdruck."
"Wenn Tuttle entlassen werden sollte oder hinschmeißt, wäre die Berlinale
als internationales Festival am Ende", ist Dunja Bialas auf
Artechock überzeugt. "Wer von internationalem Rang würde sich nach Carlo Chatrian und Tricia Tuttle noch für den Job hergeben, der direkt dem Kulturstaatsminister untersteht? Wenn einem jeden Moment der Abtritt nahegelegt werden kann, wie Chatrian durch Claudia Roth, oder gar der Rauswurf trotz aller Dementi öffentlich diskutiert wird, wie jetzt bei Tuttle? Wenn sich der Eindruck verfestigt, beim größten deutschen Festival gebe es keine Meinungs- und keine Kunstfreiheit mehr? Und wenn sich der kulturfördernde Staat nun tatsächlich in die inhaltliche Ausrichtung einmischt? Die
Autonomie der Kulturveranstaltungen ist bislang, sofern sie demokratisch sind und nicht gegen gewisse Grundsätze verstoßen, unantastbar."
Sollte Tuttle hinwerfen oder abgesägt werden, wäre dies "eine Katastrophe", findet auch Katja Nicodemus in der
Zeit und lobt, wie Tuttle das Festival während schwerer Anfechtungen von außen "entschieden und mit Haltung" manövriert hat. "Nach dieser 76. Ausgabe der Berlinale hätte es für Wolfram Weimer nur eine einzige mögliche Reaktion auf Tricia Tuttles Arbeit gegeben: Ihr für die vergangenen Festivaltage zu danken, ihr einen
Gutschein für drei Wochen Wellness zu überreichen und sie anzuflehen, um alles in der Welt zu bleiben." Auch Daniel Kothenschulte
lobt in der
FR Tuttles diplomatisches Auftreten während des Festivals: "Ihre Abberufung ... wäre das Ende des Festivals, wie wir es kennen."
Tom Shoval, Regisseur des von Tuttle im Rahmen der Berlinale zweimal gezeigten Dokumentarfilms
"A Letter to David" über die Hamas-Geisel
David Cunio,
zeigt sich auf
Instagram entsetzt: Tuttle "entschied sich dafür, den Film zu präsentieren und erklärte sich solidarisch mit David und Ariel, die sich zu diesem Zeitpunkt noch in Gefangenschaft befanden. ... Ein Jahr später, als David zurückkehrte, zeigte sie den Film einmal mehr, nun mit einem neuen Schluss. Sie traf die Familie in Tränen. Wir fühlten uns wie eine Familie. Tricia Tuttle ist wahrlich ein
Vorbild für eine kulturelle Leitungsposition. Sie ist eine Visionärin mit einer kosmopolitischen, fortschrittlichen künstlerischen Perspektive. ... Ich stehe völlig überzeugt hinter ihr."
"
Weimer ist ausnahmsweise zuzustimmen",
kommentiert hingegen Tim Caspar Boehme in der
taz. "Israel, das mit bloß einem Film vertreten war, wurde" bei der Preisverleihung "von Rednern in rein kritischer Absicht erwähnt. Bei alledem blieb Tuttle auf der Bühne eine Reaktion schuldig. Eine Woche zuvor hatte sie zur Premiere von Alkhatibs Film für ein Foto inmitten seiner Crew mit vielen Kufiyas und
neben einer palästinensischen Flagge posiert. Dass sie bei dem Termin zugegen war, mag zu ihrem Job gehören. Dass ihrerseits ein Kommentar zu Alkhatibs Worten ausblieb, kann man jedoch kaum als ausgleichende Vermittlung bezeichnen. Eine solche
politische Schlagseite, die schon während der Berlinale zu beobachten war, steht dem Festival nicht gut zu Gesicht." Für die Berlinale wäre es gut, wenn Tuttle bleiben würde, meint Jan Küveler in der
Welt. Aber er nimmt es ihr schon
ein wenig übel geschwiegen zu haben, als der palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib davon faselte, "Deutschland sei Partner eines vermeintlichen 'Völkermords in Gaza'": "Palästinensische Stimmen sollen selbstverständlich gehört werden. Palästinensische Filme sollen
selbstverständlich prämiert werden, so sie denn preiswürdig sind. Aber ebenso selbstverständlich stehen Institutionen des deutschen Staates - und die Berlinale ist eine maßgebliche - in der Pflicht und Verantwortung, unverbrüchliche Überzeugungen zu vertreten, notfalls offensiv. Dazu gehört an vorderster Stelle die Solidarität mit Israel, der Einspruch gegen
Völkermord-
Fantasien und die Bekämpfung jeglicher Träume, den israelischen Staat von der Karte zu tilgen".
Weiteres: Daniel Kothenschulte
spricht in der
FR mit
Jim Jarmusch über dessen neuen, beim Filmfestival Venedig ausgezeichneten und
im Standard besprochenen Film "Father Mother Sister Brother". Besprochen werden
Josh Safdies "Marty Supreme" (
Perlentaucher,
FR,
Standard,
taz,
Welt),
Baz Luhrmanns mit neuem Archivmaterial aufbereiteter Konzertfilm "Epic:
Elvis Presley in Concert" (
taz,
NZZ) und die
Mubi-Serie "Blossoms Shanghai" von
Wong Kar-
wai, der zwar "einer der bedeutendsten lebenden Kinoregisseure" ist, dessen Serie
FAZ-Kritiker Andreas Kilb aber trotzdem nur "wenig berührt".