Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.03.2026 - Film

Das Seilziehen um die Leitung der Berlinale ist beendet: Tricia Tuttle bleibt im Amt, muss aber künftig ein "beratendes Forum" und "Empfehlungen" akzeptieren, fernerhin gibt es künftig einen "Verhaltenskodex" für alle Kulturveranstaltungen des Bundes (hier die Details aus den Agenturen). "Weimer hat geredet, Tuttle hat gesiegt", jubelt Andreas Kilb in der FAZ. "Der kurze, unüberlegte Coup, den der Kulturstaatsminister in der vergangenen Woche ... gegen die Festivalchefin inszeniert hat, ist zusammengebrochen" - nicht nur wegen der flächendeckenden Solidarität, "sondern auch, weil sein Erfolg das Ende der Berlinale als internationales A-Festival bedeutet hätte. Jüdische Perspektiven, jüdische Filme und jüdisches Leben kann man auch anders schützen als durch Vorzensur, und Hetze lässt sich nicht durch Maulkörbe verhindern, sondern nur durch freie Rede und Gegenrede."

Mag ja sein, kommentiert Jan Küveler in der Welt, dass man Szenen wie auf der letzten Berlinale nicht in aller Konsequenz wird verhindern können: "Es bleibt trotzdem richtig, egal, wie man es dreht: Die Berlinale darf Antiisraelismus und Antisemitismus nicht weglächeln und sich windelweich wegducken, sie muss ihn offensiv angehen, dabei auf Einladungen ästhetisch überzeugender Filme aus dem Nahen Osten zugleich aber auch dann nicht verzichten, wenn zu befürchten ist, dass in einer möglichen Preisrede nicht nur Mami und Papi gedankt wird." Man wird sehen müssen, wie die Berlinale sich künftig dem eigenen Selbstverständnis nach als Ort des Dialogs aufstellen wird, kommentiert Tim Caspar Boehme in der taz: "Wenn die Berlinale als Konsequenz ihres Verständnisses von offenem Dialog in Kauf nehmen sollte, dass sie in der Öffentlichkeit das Bild vermittelt, vorgetragenen Judenhass unter dem Schutz der Meinungsfreiheit einfach stehenzulassen, wäre das verheerend."

Dass Weimer glaubt, mit diesen Maßnahmen die "gesellschaftliche Akzeptanz des Festivals" zu stärken, hält Andreas Busche im Tagesspiegel für blanken Hohn, "schließlich hat der Kulturstaatsminister in den vergangenen Wochen mit seiner Kommunikationsstrategie einen erheblichen Beitrag zum Verlust ebendieser Akzeptanz geleistet. ... Der Umgang mit diesen Debatten - der Eiertanz der Jury um die komplizierte Gaza-Frage, die zum Auslöser der Proteste wurde, die vorauseilende Empörung auf allen Seiten, die Argusaugen der Regierung - hat das Image der Berlinale nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen." Die Zeit hat mit Volker Schlöndorff gesprochen, der sich von der Kontroverse um die Berlinale an die kulturpolitischen Auseinandersetzungen um Herbert Achternbuschs "Das Gespenst" in den frühen Achtzigern und an Michael Verhoevens Anti-Vietnam-Film "o.k.", der in den Siebzigern einen ganzen Berlinale-Jahrgang in den Abbruch trieb, erinnert fühlt. 

Weitere Artikel: Für die FR unterhält sich Daniel Kothenschulte mit İlker Çatak, dessen Berlinalegewinner "Gelbe Briefe" heute in die Kinos kommt (Besprechungen in Perlentaucher, FAZ, und SZ). Marian Wilhelm spricht für den Standard mit den Dardenne-Brüdern über deren neuen Film "Junge Mütter", der von Schwangerschaften in der Jugend erzählt - "ein eindrückliches Filmerlebnis", schreibt dazu Lukas Foerster im Perlentaucher. Im Filmdienst resümiert Denis Sasse die Jugendfilm-Sektion der Berlinale. Besprochen werden Maggie Gyllenhaals "The Bride!" (taz) und Daniel Chongs Pixar-Animationsfilm "Hoppers" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.03.2026 - Film

Andreas Kilb hält in der FAZ wenig davon, dass Kulturstaatsminister Wolfram Weimer angekündigt hat, heute in einer Aufsichtsratssitzung über den "Verhaltenskodex, die personelle Formation und organisatorische Fragen" der Berlinale diskutieren zu wollen: "Unabhängige Jurys und unzensierte Dankreden gehören - anders als demonstrativ gezeigte Nationalflaggen - zum Standard internationaler Filmfestivals. ... Wenn die Festivalchefin, die im Amt bleiben will, damit ihre institutionelle Unabhängigkeit verknüpft und der Kulturstaatsminister genau diese Institution von oben ummodeln will, sitzen sich keine einverständigen Partner, sondern zwei streitende Parteien gegenüber. Und wenn sich Weimer und Tuttle am KBB-Verhandlungstisch nicht einigen, droht der Berlinale der größte anzunehmende Eklat: der Abgang ihrer international renommierten Leiterin auf Druck der Politik." Hier unser Resümee zu den beiden Gesprächen, auf die Kilb sich bezieht.

"Ein Festival, das nur im Konsens funktioniert, ist uninteressant", kommentiert Valérie Catil in der taz. Die Berlinale hat ohnehin schon mit schwindender Relevanz zu kämpfen, doch "wenn sie dann auch noch zu einem Staatsfestival verkommt, wo Minister vorschreiben, welche Filme und Reden legitim sind, ist es wohl ganz aus mit ihr." Sollte Tuttle aber im Amt bleiben, hätte sie diesbezüglich nun immerhin einen starken Trumpf in der Hand", ist David Steinitz in der SZ überzeugt: "All die Künstler, die zuletzt den deutschen Kulturstaatsminister scharf angegriffen haben, als er unter Verdacht stand, Tuttle abschütteln zu wollen, müssen jetzt ihren Lippenbekenntnissen Taten folgen lassen: Wer kommendes Jahr einen neuen Film fertig hat, sollte seine Solidarität bekräftigen, indem er ihn nicht nach Cannes und Venedig gibt, sondern zu Tuttle auf den roten Teppich kommt."

Und: Jafar Panahi bei Jon Stewart in der Daily Show



Weitere Artikel: Patrick Heidmann spricht für die taz mit den Dardenne-Brüdern über deren neuen Film "Junge Mütter" - ein Film, den man "an Schulen zeigen" sollte, schreibt Martine Knoben in der SZ, und zwar "als Begleitung zum Sexualkundeunterricht, schließlich geht es um Teenager-Schwangerschaften". Außerdem spricht Patrick Heidmann für die FR mit Maggie Gyllenhaal, die mit der Fantasy-Horror-Sause "The Bride" zum zweiten Mal einen Film als Regisseurin vorlegt. Jörg Taszman freut sich im Filmdienst, dass das altehrwürdige Kino International in Berlin nach zwei Jahren Sanierung sogar früher als erwartet (das geht in Berlin also auch!) wieder eröffnen kann.

Besprochen werden İlker Çataks Berlinale-Gewinner "Gelbe Briefe" (NZZ) und Morgan Nevilles Kino-Doku "Man on then Run" über Paul McCartneys Zeit unmittelbar nach der Trennung der Beatles (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.03.2026 - Film

Tricia Tuttle will an ihrem Posten als Berlinale-Leiterin festhalten. Das meldet die dpa, die ein Gespräch mit Tuttle geführt hat, das sich bei AOL.de in voller Länge findet (und ein Paradebeispiel für "schönstes", mehrfach autorisiertes Pressemitteilungsdeutsch ist). Den von Bild im Vorfeld gestreuten Gerüchten, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wollte sie absägen, erteilt sie eine klare Absage: "Ich habe keine solche Signale erhalten. ... Als ich am Dienstagabend mit dem Staatsminister sprach, stellte ich mir die Frage, ob ich in einem Umfeld, in dem meine Führungsrolle und die Integrität der Berlinale öffentlich ernsthaft in Zweifel gezogen wurden, weiterhin effektiv arbeiten könnte. Wir diskutierten die Möglichkeit meiner einvernehmlichen Kündigung. ... Die breite Resonanz unterstrich, dass es in der Debatte nicht um eine einzelne Preisverleihung, eine Festivalwoche oder eine Person ging, sondern um das allgemeine Prinzip, dass kulturelle Einrichtungen darauf vertrauen können müssen, innerhalb demokratischer und rechtlicher Rahmenbedingungen agieren zu können."

Ist es nicht seltsam, über welche Medien Tuttle und Weimer in dieser Debatte an die Öffentlichkeit herantreten? In der Rheinischen Post sprach Weimer kürzlich mit Blick auf "Aktivisten-Aggressivität" davon, dass "über den Verhaltenskodex, die personelle Formation und organisatorische Fragen der Berlinale" zu diskutieren sei, "damit solche Vorkommnisse und Aktionen künftig unterbleiben". Einen solchen Verhaltenskodex gibt es längst und er ist geradezu erschöpfend detailreich durchformuliert, kommentiert Tobias Timm auf Zeit Online. "Was also möchte Wolfram Weimer bei der Berlinale bitte noch durchregeln?" Was der Regisseur Abdallah Alkhatib auf seiner Dankesrede sagte, mag diskussionswürdig sein - aber an sich legal. "Wie genau also soll ein Verhaltenskodex aussehen, der eine solche freie Meinungsäußerung auf einer Preisverleihung verbietet? Darf in Dankesreden die Regierung nicht mehr kritisiert werden?" (Soll sie unbedingt, aber es ist schon erstaunlich, wie schnell die jetzigen Verteidiger der Meinungsfreiheit vergessen haben, dass die ganze Debatte mit einem Boykottaufruf gegen israelische (und dann auch schnell jüdische) Künstler losging.)

Besprochen wird eine Andrzej-Wajda-Ausstellung im Filmmuseum Düsseldorf (FD).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.03.2026 - Film

Offenbar ist der ganze Filmbetrieb einem (gezielt?) von Bild gestreutem Gerücht aufgesessen: In einem (verpaywallten) Gespräch mit der Rheinischen Post stellt Kulturstaatsminister Wolfram Weimer die Auseinandersetzungen um die Leitung der Berlinale nun so dar, dass Tricia Tuttle selbst ihre Position infrage stellte. Den Anlass dazu bot nicht nur die während des Festivals vergiftete Atmosphäre, sondern auch die Aufregung am Ende des Festivals rund um Abdallah Alkhatibs preisgekrönten Film "Chronicles from the Siege": "Tricia wirkte von den Reaktionen tief getroffen. Sie sagte mir und auch meinem Amtschef am Dienstag, sie könne in dieser vergifteten Atmosphäre und ihren politischen Spannungen die Berlinale kaum weiterführen. Wir sprachen offen über die schwierige Situation. ... Die Solidaritätsadressen für Tricia tun ihr sicher gut und ermutigen sie wieder." Doch "die hier und da hörbare Verharmlosung von Israel-Hass und Aktivisten-Aggressivität sind schwer erträglich. ... Mitte der Woche ist eine Aufsichtsratssitzung mit Tricia Tuttle geplant. Alle Beteiligten wollen meiner Einschätzung nach rasch zu guten Ergebnissen kommen."

Zu den vielen Unterstützern Tricia Tuttles gehört auch der Filmemacher Andres Veiel, der im Interview mit der Zeit fürchtet, bald könnte überhaupt niemand mehr mit irgendwem reden: Ein Festival habe geradezu die Aufgabe, "Filme, die auch kontrovers sind, zu zeigen und darüber zu sprechen oder auch zu streiten. Auf der Preisverleihung der Berlinale behauptete der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib, dass Israel in Gaza einen von der Bundesregierung unterstützten Genozid begehe. Ich teile das so nicht, aber wir müssen das im Sinne der Meinungs- und Kunstfreiheit aushalten. Wir haben ein Strafrecht, wir haben im Strafgesetzbuch den Paragrafen 130 zu Volksverhetzung, der sehr klar Grenzen setzt, übrigens auch, wenn man einen Völkermord leugnet. Und wenn man sich im Rahmen der gesetzlich definierten Kunstfreiheit nicht mehr äußern kann, dann geht es nicht mehr nur um die Berlinale, sondern um etwas Größeres."

Michael Martens berichtet in der FAZ von Aufregungen in der postjugoslawischen Welt: Igor Šeregis serbisch-kroatische Culture-Clash-Komödie "Svadba" ("Die Hochzeit") nimmt so ziemlich jeden Nationalismus und jedes gegenseitig gepflegte Klischee der jugoslawischen Nachfolgestaaten aufs Korn - und erreicht damit grenzüberschreitend ein riesiges Publikum: "Über den Film ärgern sich unterdessen nicht nur Nationalisten hüben wie drüben, sondern auch Teile der Kirche. Ob es damit zusammenhängt, dass ein katholischer Bischof in dem Film als korrupt und sein orthodoxes Gegenüber als nationalistisch dargestellt wird? ... Eine katholische Pfarrei in der bosnischen Stadt Novi Travnik rief sogar zum Boykott des Werks auf. Gott sieht alles - nur nicht 'Svadba', lautete die Botschaft des Pfarrers, der um das Heil seiner verirrten Schäfchen besorgt war: 'Es bleibt mir nichts, als für sie zu beten.' Da wird der gute Mann einiges wegzubeten haben, denn auch in bosnischen Kinos ist 'Svadba' ein Hit."

Weiteres: Silvia Bahl denkt im Filmdienst ausführlich über Pepa Lubojackis Dokumentarfilm "If Pigeons Turned to Gold" nach, der bei der Berlinale 2026 den Caligari-Preis gewonnen hat.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.02.2026 - Film

Kino der Zustände: "The Chronology of Water" von Kristen Stewart




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Thomas Abeltshauser ist sich in der taz uneins über "The Chronology of Water", die Adaption von Lidia Yuknavitchs Memoir "In Wasser geschrieben", mit der die Schauspielerin Kristen Stewart ihr Debüt als Regisseurin feiert. Die vielfältigen Traumatisierungen der Protagonistin vermittelt Stewart in einem assoziativen Bilderreigen, einem "Kino der Zustände. Lidia erscheint nicht als eine Figur mit klaren Zielen, sondern als Körper, der reagiert, sich betäubt, verletzt und erinnert. ... Szenen wirken wie Splitter, die keinen festen Zusammenhang bilden. Als Zuschauer bleibt man oft auf Distanz, weniger aus Gleichgültigkeit, denn aus Orientierungslosigkeit." Andererseits hat Stewart "ein außergewöhnliches Gespür für physische Präsenz", findet Abeltshauser. Insgesamt wirkt der Film auf ihn "unfertig, überladen und gelegentlich auch selbstverliebt. Doch er besitzt eine Dringlichkeit, die sich nicht ignorieren lässt".

Die Berlinale ist in den letzten Tagen "schwer beschädigt worden", diagnostiziert Tobias Sedlmaier in der NZZ, und zwar durch diverse "Interventionen von Gesinnungsterror. ... Es dominierte ein einziges Thema, wie so oft, wenn es gegen Israel geht. Über Film wurde kaum noch gesprochen." Aber "ein Filmfestival, da hat der Jurypräsident Wim Wenders vollkommen recht, ist kein Ort für Realpolitik, kein entscheidungsfähiges Parlament. Filme retten nicht die Welt, sondern fördern im besten Fall den Denkprozess. Der Gaza-Konflikt wird sich wegen der Berlinale nicht bessern, aber er könnte besser verstanden werden - durch die Kraft der Filme. Solange dem Filmfestival die Politik von außen übergestülpt wird, gewinnt niemand."

Weitere Artikel: Auf critic.de schreibt Lukas Foerster ausführlich über die Filme von Preston Sturges, die er für eine Reihe im Berliner Zeughauskino kuratiert hat. Paula Ruppert empfiehlt auf Artechock die neue Ausgabe des Festivals "Mittel Punkt Europa" in München. Philipp Bovermann spricht für die SZ mit Josh Safdie, dessen mehrfach oscarnominiertes Tischtennisdrama "Marty Supreme" (hier unsere Kritik, dort die von critic.de) aktuell im Kino zu sehen ist.

Besprochen werden Kevin Williamsons Horrorfilm "Scream 7" (Perlentaucher), Mamoru Hosodas Anime "Scarlet" (critic.de), Jim Jarmuschs "Father Mother Sister Brother" (critic.de, Artechock), Tumpal Tampubolons "Crocodile Tears" (Artechock), Isa Willingers Dokumentarfilm "No Mercy" über Filmemacherinnen, die kompromisslos ihrer Vision folgen (FAS) und die deutsche Netflix-Serie "Kacken an der Havel", für die man laut Elmar Krekeler in der WamS "eine gewisse humoristische Unerschrockenheit braucht".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.02.2026 - Film

In der Causa rund um die Berlinale, ihre Leiterin Tricia Tuttle und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ist nach der Sondersitzung von gestern vieles offen. Anders als Bild vorab vermeldete (unser Resümee), wurde sie dort nicht abgesägt - aber auch nicht vollmundig im Amt bestätigt, weitere Gespräche zur Zukunft des Festivals sind angekündigt. "Die Ablösung ist also zumindest aufgeschoben, offen ist nun aber auch, ob sie überhaupt im Raum stand", fasst Bert Rebhandl im Standard die knappe Pressemitteilung von gestern zusammen, "oder ob Tuttle selbst eine Weiterarbeit von stärkerer Rückendeckung durch die deutsche Politik abhängig machen will. ... In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob der provinzielle Widerstand gegen eine international exzellent vernetzte und auch in den globalen Diskursen heimische Direktorin sich als mächtiger erweist als das nahezu einhellige Votum der Branche: Tricia Tuttle hat offensichtlich die Unterstützung der Kultur in Deutschland. Und dazu muss sich der politische Beauftragte für Kultur nun verhalten." Dass es womöglich doch Tuttle selber ist, die hinschmeißen will, hält auch Andreas Busche im Tagesspiegel für immer wahrscheinlicher.

Andreas Kilb glaubt in der FAZ immer weniger daran, dass Weimer Tuttle absetzen will. Das legen "sowohl sein Nichtkommentar zum Bild-Gerücht als auch die abwiegelnde Presseerklärung" nahe. "Wahrscheinlicher ist, dass Tuttle selbst das Handtuch werfen und der Kulturstaatsminister sie halten will, in welcher Funktion auch immer." Sollte Tuttle gehen, "hätte nicht die freie Rede über das Kino gewonnen, sondern jene, die sie zerstören wollen, die Aktivisten, die Gesinnungsprüfer, die Prediger der falschen Eindeutigkeiten. Nicht Wim Wenders und İlker Çatak, sondern Tilda Swinton und Abdallah Alkhatib. Politische Bekenntnisse sind das sicherste Mittel, um den Eigensinn von Kunstwerken zu zerstören."

"Tragikomisch" findet David Steinitz in der SZ das Gebaren von Tilda Swinton, für ihn "ein Beispiel aus den äußeren Grenzregionen der Debattenhysterie": Die Schauspielerin "unterzeichnete zunächst den Aufruf, der der Berlinale Zensur vorwarf, obwohl sie selbst erst im vorigen Jahr völlig ungehindert während des Festivals ihre sehr, sehr israelkritische Meinung geäußert hatte. Nun hat Swinton am Mittwoch den nächsten offenen Brief unterschrieben. In dem heißt es von ihr und anderen Künstlern: 'Wir verteidigen die Berlinale als das, was sie ist: ein Ort des Austauschs.' Also was jetzt? ... Mit genau diesem Salat aus Empörung haben Promis wie Swinton, die glauben, Tuttle verteidigen zu müssen gegen die böse deutsche Politik, die Festival-Chefin überhaupt erst in die Lage gebracht, in der sie jetzt ist."

Dirk Knipphals spricht in der taz mit Daniel Kehlmann, der in einer Verlautbarung des PEN Berlin eine mögliche Entlassung Tuttles als "größte Katastrophe der deutschen Kulturpolitik seit der Hausdurchsuchung bei Heinrich Böll im Jahr 1972" bezeichnet hat.

Dass ein politisches Statement bei einem Filmereignis mit würdigem Auftreten kompatibel sein kann, zeigt unterdessen die Hommage der Schauspielerin Golshifteh Farahani an Jafar Panahi und das iranische Volk bei der Verleihung der "Césars" in Paris: "Mein ganzes Herz ist woanders, in einem Land, dessen Sterne zu Staub und Blut zermahlen und zum Schweigen gebracht wurden."


Abseits der Berlinale-Debatte: Für seine Rolle als manischer Tischtennisspieler in Josh Safdies "Marty Supreme" (unsere Kritik) könnte Timothée Chalamet endlich den seit langem anvisierten Oscar erhalten, ist Tobias Sedlmaier in der NZZ überzeugt. Josef Lederle beschäftigt sich im Filmdienst mit Filmen über Jugendliche, in deren Religion die christliche Religion eine wichtige Rolle spielt. Besprochen wird Kevin Williamsons Horrorsause "Scream 7" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.02.2026 - Film

Nach der gestern von Bild gestreuten Meldung, derzufolge Kulturstaatsminister Wolfram Weimer offenbar plant, Tricia Tuttle abzusetzen, hat sich binnen kürzester Zeit eine breite Solidaritätsbewegung für die Berlinale-Leiterin gebildet. Nach dem Festival hatte Weimer noch lobende Worte für das Krisenmanagement von Tuttle und Wenders während des Festivals gefunden. Den Stein des Anstoßes soll angeblich das kurz darauf herumgereichte Bild gegeben haben, das Tuttle im Rahmen einer Premiere mit dem Filmteam von "Chronicles from the Siege" zeigt, welches Kufiya trägt und demonstrativ die Palästinaflagge hisst. "In Regierungskreisen heißt es aber, dass Tuttle selbst der Motor für die Trennung sei", merken Andreas Busche und Christian Tretbar im Tagesspiegel an.

Annähernd 1.800 Unterschriften weist eine Stellungnahme der Deutschen Filmakademie auf: "Kunstfreiheit bedeutet nicht Zustimmung zu einzelnen Positionen, sondern die Verteidigung des Rechts, sie zu äußern. Eine politische Einflussnahme auf die inhaltliche Gestaltung eines Filmfestivals würde fundamentale Prinzipien gefährden, für die die Berlinale seit Jahrzehnten steht." Ein offener Brief zur Zukunft der Berlinale wurde im Originaldokument von über 600 Menschen aus der Branche unterzeichnet, hinzu kommen über 300 Folge-Unterschriften. "Ein internationales Filmfestival ist kein diplomatisches Protokoll, sondern ein schützenswerter Ort unserer Demokratie", heißt es darin. "Seine Stärke liegt darin, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und vielfältige Stimmen sichtbar zu machen. ... Wenn aus einzelnen Wortmeldungen oder symbolischen Deutungen personelle Konsequenzen abgeleitet werden, entsteht ein problematisches Signal: Kulturinstitutionen geraten unter politischen Erwartungsdruck."

"Wenn Tuttle entlassen werden sollte oder hinschmeißt, wäre die Berlinale als internationales Festival am Ende", ist Dunja Bialas auf Artechock überzeugt. "Wer von internationalem Rang würde sich nach Carlo Chatrian und Tricia Tuttle noch für den Job hergeben, der direkt dem Kulturstaatsminister untersteht? Wenn einem jeden Moment der Abtritt nahegelegt werden kann, wie Chatrian durch Claudia Roth, oder gar der Rauswurf trotz aller Dementi öffentlich diskutiert wird, wie jetzt bei Tuttle? Wenn sich der Eindruck verfestigt, beim größten deutschen Festival gebe es keine Meinungs- und keine Kunstfreiheit mehr? Und wenn sich der kulturfördernde Staat nun tatsächlich in die inhaltliche Ausrichtung einmischt? Die Autonomie der Kulturveranstaltungen ist bislang, sofern sie demokratisch sind und nicht gegen gewisse Grundsätze verstoßen, unantastbar."

Sollte Tuttle hinwerfen oder abgesägt werden, wäre dies "eine Katastrophe", findet auch Katja Nicodemus in der Zeit und lobt, wie Tuttle das Festival während schwerer Anfechtungen von außen "entschieden und mit Haltung" manövriert hat. "Nach dieser 76. Ausgabe der Berlinale hätte es für Wolfram Weimer nur eine einzige mögliche Reaktion auf Tricia Tuttles Arbeit gegeben: Ihr für die vergangenen Festivaltage zu danken, ihr einen Gutschein für drei Wochen Wellness zu überreichen und sie anzuflehen, um alles in der Welt zu bleiben." Auch Daniel Kothenschulte lobt in der FR Tuttles diplomatisches Auftreten während des Festivals: "Ihre Abberufung ... wäre das Ende des Festivals, wie wir es kennen." Tom Shoval, Regisseur des von Tuttle im Rahmen der Berlinale zweimal gezeigten Dokumentarfilms "A Letter to David" über die Hamas-Geisel David Cunio, zeigt sich auf Instagram entsetzt: Tuttle "entschied sich dafür, den Film zu präsentieren und erklärte sich solidarisch mit David und Ariel, die sich zu diesem Zeitpunkt noch in Gefangenschaft befanden. ... Ein Jahr später, als David zurückkehrte, zeigte sie den Film einmal mehr, nun mit einem neuen Schluss. Sie traf die Familie in Tränen. Wir fühlten uns wie eine Familie. Tricia Tuttle ist wahrlich ein Vorbild für eine kulturelle Leitungsposition. Sie ist eine Visionärin mit einer kosmopolitischen, fortschrittlichen künstlerischen Perspektive. ... Ich stehe völlig überzeugt hinter ihr."

"Weimer ist ausnahmsweise zuzustimmen", kommentiert hingegen Tim Caspar Boehme in der taz. "Israel, das mit bloß einem Film vertreten war, wurde" bei der Preisverleihung "von Rednern in rein kritischer Absicht erwähnt. Bei alledem blieb Tuttle auf der Bühne eine Reaktion schuldig. Eine Woche zuvor hatte sie zur Premiere von Alkhatibs Film für ein Foto inmitten seiner Crew mit vielen Kufiyas und neben einer palästinensischen Flagge posiert. Dass sie bei dem Termin zugegen war, mag zu ihrem Job gehören. Dass ihrerseits ein Kommentar zu Alkhatibs Worten ausblieb, kann man jedoch kaum als ausgleichende Vermittlung bezeichnen. Eine solche politische Schlagseite, die schon während der Berlinale zu beobachten war, steht dem Festival nicht gut zu Gesicht." Für die Berlinale wäre es gut, wenn Tuttle bleiben würde, meint Jan Küveler in der Welt. Aber er nimmt es ihr schon ein wenig übel geschwiegen zu haben, als der palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib davon faselte, "Deutschland sei Partner eines vermeintlichen 'Völkermords in Gaza'": "Palästinensische Stimmen sollen selbstverständlich gehört werden. Palästinensische Filme sollen selbstverständlich prämiert werden, so sie denn preiswürdig sind. Aber ebenso selbstverständlich stehen Institutionen des deutschen Staates - und die Berlinale ist eine maßgebliche - in der Pflicht und Verantwortung, unverbrüchliche Überzeugungen zu vertreten, notfalls offensiv. Dazu gehört an vorderster Stelle die Solidarität mit Israel, der Einspruch gegen Völkermord-Fantasien und die Bekämpfung jeglicher Träume, den israelischen Staat von der Karte zu tilgen".

Weiteres: Daniel Kothenschulte spricht in der FR mit Jim Jarmusch über dessen neuen, beim Filmfestival Venedig ausgezeichneten und im Standard besprochenen Film "Father Mother Sister Brother". Besprochen werden Josh Safdies "Marty Supreme" (Perlentaucher, FR, Standard, taz, Welt), Baz Luhrmanns mit neuem Archivmaterial aufbereiteter Konzertfilm "Epic: Elvis Presley in Concert" (taz, NZZ) und die Mubi-Serie "Blossoms Shanghai" von Wong Kar-wai, der zwar "einer der bedeutendsten lebenden Kinoregisseure" ist, dessen Serie FAZ-Kritiker Andreas Kilb aber trotzdem nur "wenig berührt".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.02.2026 - Film

Besprochen werden Jim Jarmuschs beim Filmfestival in Venedig ausgezeichneter Film "Father Mother Sister Brother" (taz), Baz Luhrmanns mit neuem Archivmaterial aufbereiteter Konzertfilm "Epic: Elvis Presley in Concert" (Welt), Alina Gorlovas, Yelizaveta Smiths und Simon Mozgovyis vorerst nur in Österreich startende Ukraine-Doku "Militantropos" (Standard), Josh Safdies Tischtennisdrama "Marty Supreme" mit Timothée Chalamet (FAZ, Tsp) und eine Miniserien-Adaption vom "Herr der Fliegen" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.02.2026 - Film

Dass ausgerechnet Künstler, Intellektuelle und Journalisten vor der Komplexität des Nahostkonflikts kapitulieren und stattdessen Parolen, Schwarzweißdenken, Bekenntniszwang und moralische Erpressung bringen, ärgert Jürgen Kaube in der FAZ mit Blick auf die eben zu Ende gegangene Berlinale sehr. Dies umso mehr, da Tilda Swinton als Aushängeschild des Offenen Briefs geradezu scheinheilig auftrete: Der politische Furor, den sie von Wenders und dem Festival verlangte, findet sich in den letzten Jahren ihres Schaffens nämlich auch nicht. "Irgendwie gibt man Swinton offenbar die falschen Drehbücher, oder diejenigen mit den politisch einschlägigen haben nicht das Geld, den Star zu bezahlen. Swinton kennt also den Unterschied zwischen Film und Politik, sie macht ihn ständig. Womöglich verschafft ihr das ein schlechtes Gewissen, und sie kompensiert es durch umso energischere gesinnungsethische Forderungen an Filmfestivals. Es ist ja so leicht, politisch zu sein, es kostet nur eine Unterschrift. So gesehen wäre der offene Brief ein Ablassbrief. ... Fast könnte man von Bußheuchelei sprechen. Oder von Solidaritätsdarstellung, moralischem 'method acting'."

Weiteres: Am Rande der Berlinale wurde die nunmehr um die Heimkehr von David Cunio aus der Hamas-Geiselhaft ergänzte Fassung von Tom Shovals vor einem Jahr auf der Berlinale uraufgeführtem Dokumentarfilm "A Letter to David" (unsere Kritik) gezeigt, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt. Philipp Bovermann plauscht in der SZ mit Jim Jarmusch, dessen in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten "Father Mother Sister Brother" diese Woche in den Kinos startet, unter anderem über die faszinierende Welt von Bibern und Pilzen und dass man jede Abrechnung aus Hollywood mindestens zweimal mit der Lupe durchsehen sollte.

Besprochen werden Jack Thornes Serien-Neuadaption von "Lord of the Flies" auf Sky (Welt) und der von Russo-Brüdern für Amazon produzierte Piratinnenfilm "The Bluff" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.02.2026 - Film

Zeigt, was Repression macht: "Gelbe Briefe" von İlker Çatak gewinnt den Goldenen Bären der Berlinale

Die Berlinale ist mit der Bärenverleihung am Samstagabend zu Ende gegangen. Alle feiern Sandra Hüller für ihre Auszeichnung mit dem Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin des Wettbewerbs in "Rose". Und mit İlker Çataks "Gelbe Briefe" hat zwanzig Jahre nach Fatih Akins "Gegen die Wand" wieder ein deutscher Film - und erneut einer mit türkischer Thematik - den Goldenen Bären erhalten: Çatak erzählt in Berlin und Hamburg (die Ankara und Istanbul spielen) von einem Ehepaar im Kulturbetrieb, das unter den Repressalien einer autoritären Regierung seine Existenzgrundlage verliert und zugrunde zu gehen droht. Die Kritiker sind im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit dieser Juryentscheidung - einer Entscheidung unter Jurypräsident Wim Wenders, die nochmal das große Missverständnis unterstreicht, das von Wenders' ungelenkem Statement zu politischen Filmen auf der Jury-Pressekonferenz zu Beginn des Festivals ausging. Die Auszeichnungen "schlugen denn auch die Brücke zwischen poetischem und politischem Kino", hält Valerie Dirk im Standard fest. David Steinitz spricht in der SZ mit Çatak.

Nach den Turbulenzen der letzten Tage war die Gala zwar über weite Strecken vom Bemühen um versöhnliche, klärende und inkludierende Töne geprägt. Mit einer ganz großen Ausnahme: Abdallah Alkhatib, der im Debütfilm-Wettbewerb "Perspectives" für seinen Film "Chronicles From The Siege" ausgezeichnet wurde, betrat mit Kufiya und Palästinaflagge die Bühne bewusst kämpferisch, warf Deutschland eine Komplizenschaft am "Genozid an den Palästinensern" vor und "drohte dem Publikum unverhohlen, wenn Palästina erst 'befreit' sei, werde man sich an jeden erinnern, 'der gegen uns war'", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. "Einige im Saal feierten ihn dafür mit Applaus und Geschrei." Diese Rede war "Kulturstalinismus in Reinform, die die Redefreiheit zum Mittel ihrer Unterdrückung macht", kommentiert Rüdiger Suchsland auf ArtechockFR-Kritiker Daniel Kothenschulte hat Alkhatibs Drohungen offenbar überhört oder verschweigt sie lieber geflissentlich, jedenfalls sieht er dessen Rede im Kontext eines "Klimas von Toleranz und Meinungsoffenheit" und kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum sie jemand skandalisieren wollen würde. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ als einziger Anwesender der Bundesregierung den Saal. 

Moderatorin Désirée Nosbusch fing Alkhatibs Rede kaum auf, Intendantin Tricia Tuttle ergriff unmittelbar danach nicht das Wort. Für tazler Tim Caspar Boehme "ein Indiz dafür, dass die Berlinale in ihrer Angst vor öffentlichen Diffamierungen oder Boykott, weil das Festival angeblich Zensur übe oder nicht exakt die gewünschte Form von Solidarität zeigt, die eigenen ethischen Maßstäbe aus dem Blick zu verlieren droht. ... Dass Tuttle am Ende der Veranstaltung hingegen an der Realität vorbei warme Worte wählte und allen, die auf der Gala gesprochen hatten, zugutehielt, sie hätten aus einer Haltung der 'Liebe' und 'Hoffnung' gesprochen, zeigt bedauerlicherweise, dass sie ihrer Aufgabe nicht vollständig gewachsen ist. Das muss man in diesem Fall als Scheitern bezeichnen."

Im Kommentar für die Jüdische Allgemeine stimmt Sophie Albers Ben Chamo Boehme zu: "Wieder haben sogenannte pro-palästinensische Aktivisten im Namen der Mitmenschlichkeit ihren Anti-Humanismus offenbart. ... Der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib scheint so von kaltem Hass und Rachegefühlen getrieben - was man in Interviews erleben konnte -, dass die Frage gestattet sein muss, ob er seinen Film 'Chronicles from the Siege' - abgesehen vom Abspann - eigentlich selbst gemacht hat, der mit Härte, aber vor allem Universalität, Empathie und Menschlichkeit davon erzählt, was eine Belagerung mit Menschen macht."

Schon beim Photo Call zur Premiere des Films posierte die Crew mit Kufiya und Palästinaflagge: Tuttle gesellte sich dazu.

Gerrit Bartels zitiert im Tagesspiegel Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der sich über den "Israel-Hass und die Aktivisten-Aggressivität bewussten Missverstehens" sehr ärgert. Weitere Resümees des Festivals und der Gala im Tagesspiegel, in der Welt, auf Artechock, im Filmdienst und in der SZ. Abseits des Festivals besprochen wird die deutsche HBO-Serie "The Banksters" (Welt).