In der Nacht wurden die Oscars verliehen. Mit sechs Auszeichnungen - darunter die zentralen Kategorien "Bester Regisseur", "Bester Film" und "bestes adaptiertes Drehbuch" - ist Paul Thomas Andersons "One Battle After Another" (unsere Kritik) an Ryan Cooglers "Blood & Sinners" (unser Resümee) mit vier Auszeichnungen vorbeigezogen. Letzterer war mit 16 Nominierungen ins Rennen gegangen - historischer Rekord. Und man will es eigentlich nicht glauben, aber tatsächlich: Es ist Paul Thomas Andersons erster Oscarsegen - auch wenn er seit mittlerweile Jahrzehnten regelmäßig in den wichtigsten Kategorien dauernominiert war. Hier alle Auszeichnungen und Nominierungen auf einen Blick.
Hollywood scheint aus seiner Trump-Schockstarre erwacht. Andersons und Coogler "Filmen war gemein, dass sie temporeiche Erzählung mit politischenThemen verbanden und großeZuschauererfolge im Kino erzielt hatten", freut sich Maria Wiesner in der FAZ. Geben sich die Oscars in Sachen Politik sonst eher (und im letzten Jahr: sehr demonstrativ) bedeckt, war es diesmal "anders", nicht zuletzt wegen ConanO'Briens von der Kritik im Allgemeinen gelobten Moderation: Der einstige Talkshowmaster setzte zahlreiche Spitzen ab. "Der Name Trump fiel nicht, einige Spitzen konnte man trotzdem als gegen den Präsidenten gerichtet verstehen. So spielte O'Briens Late-Night-Kollege JimmyKimmel, der die Oscars für Dokumentarfilmer präsentierte, unter anderem auf die kurzfristige Absetzung seiner Show 2025 an, als er sagte: 'Es gibt einige Länder, deren Führer die Meinungsfreiheit nicht unterstützen. Ich darf nicht sagen, welche.' Filmemacher DavidBorenstein, der danach den Oscar für seinen Dokumentarfilm 'Mr. Nobody Against Putin' entgegennahm, warnte seine amerikanischen Landsleute vor der Gleichschaltung von Medien und mahnte die Bürger, etwas dagegen zu tun, wenn 'eine Regierung Menschen auf den Straßen unserer Großstädte ermordet' - ein kaum verhohlener Hinweis auf die ICE-SchüsseinMinneapolis."
"Der große Gewinner im Hintergrund" ist das Filmstudio WarnerBros., das Andersons und Cooglers Filme produziert hat, meint David Steinitz in der SZ: "Es unterstreicht fulminant seinen Ruf als Heimat von großen Autorenfilmern mit reichlich Boxoffice-Power." Ja, eben jenes Studio, um das sich Paramount und Netflix gerade einen Bieterstreit zugunsten von ersterem geboten haben. "Der Oscar-Erfolg ist ein starkes Argument für die gerade anstehenden Verhandlungen, um so viele Jobs und so viel Eigenständigkeit wie möglich in die Zukunft zu retten." Einen großen Verlierer gab es auch: "Das Ping-Pong-Drama 'Marty Supreme'", informiert Tobias Sedlmaier in der NZZ: "Neun Nominierungen, null Gewinne. Und Hauptdarsteller TimothéeChalamet dürfte von der Veranstaltung vor allem der Spott über seine flapsige Opern- und Ballettschelte in Erinnerung bleiben." Der Tagesspiegelbringt eine Strecke mit den extravagantesten Kostümen des Abends.
Die im Filmbusiness übliche politische Blödheit manifestierte sich selbstverständlich auch.
Javier Bardem says "no to war and free Palestine" at the #Oscars, earning a huge round of applause from everyone in the room.
Weiteres: Volker Schmidt resümiert in der FR einen Abend mit WimWenders und WolfgangNiedecken. Besprochen werden die Amazon-Serie "Scarpetta" mit NicoleKidman und JamieLeeCurtis (Welt, taz), MagdalenaChmielewskas bei der Diagonale in Wien gezeigter Film "Teresas Körper" (Standard) und TaylorSheridans auf Paramount gezeigte Serie "The Madison" mit Michelle Pfeiffer (FAZ).
Am kommenden Montag wäre der Komiker JerryLewis hundert Jahre alt geworden. Seine "Figuren entkommen nicht", schreibt Patrick Holzapfel, der ihn in einem Essay für den Filmdienst würdigt. "Mal sind sie gefangen, mal wiederholt sich alles bis zum Gehtnichtmehr." Und er "spielt Narzissten, die ihr eigenes Echo lauter hören als sich selbst. Für das Kino hat Lewis die aberwitzige Gleichzeitigkeit von Gefühlen erfunden, der ein einzelner Körper nicht mehr standhalten kann. Es gibt Szenen, in denen die von ihm gespielten Figuren zugleich weinen, lachen, jubeln, sich ärgern, verzweifeln, sich fürchten, sich angezogen und abgestoßen fühlen, springen und sich vergraben wollen. Sein Körper ist der überforderte Körper. Er zeigt ihn meist gehend, weil der Gang bereits viel verrät. Überempfindsam und tollpatschig. Elegant und vulgär. Aber es ist eben auch der Körper, der sich kontrolliert und optimiert, denn "dieser so grenzenlose Körper agiert kaum zufällig. ... Mehr als um die Erfahrung einer sich zersetzenden Wirklichkeit, wie etwa bei Buster Keaton, geht es bei Lewis um die Fragmentierung des eigenen Körpers oder vielmehr der Wahrnehmung dieses Körpers."
In der NZZerinnert Tobias Sedlmaier an "The Day the Clown Cried", Lewis' zwar abgedrehte, aber nie fertiggestellte und entsprechend mythenrumankte Holocaust-Komödie. Auf Youtube gibt es einen Arte-Videoessay über Lewis auf Französisch, zu dem man sich englische Untertitel zuschalten kann:
Weitere Artikel: In der WamS porträtiert Jan Küveler SandraHüller, deren Hollywood-Debüt, der Science-Fiction-Film "Der Astronaut" mit RyanGosling als Co-Star, demnächst in den deutschen Kinos anläuft. Pamela Jahn verneigt sich in der NZZ vor der hohen Kunst des Castings, die in diesem Jahr auch erstmals mit einer eigenenOscar-Kategorie gewürdigt wird. Marian Wilhelm empfiehlt im Standard die Diagonale-Retrospektive zum österreichischen Dokumentarfilm der Neunziger. Im Filmdienstschreibt Tilman Schumacher einen Nachruf auf den Dokumentarfilmer FrederickWiseman (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden Gore Verbinskis Action-SF-Film "Good Luck, Have Fun, Don't Die" (NZZ, Standard, FAZ) und GuyRitchies auf Amazon gezeigte Serie "Young Sherlock" (NZZ).
Selbstbewusster Hang zur Abstraktion: "Der Tod wird kommen" von Christoph Hochhäusler ChristophHochhäuslers in Brüssel gedrehter Auftragskillerinnen-Thriller "Der Tod wird kommen" weckt in Perlentaucher Lukas Foerster Erinnerungen an die Klassiker von Jean-Pierre Melville und andere Vermählungen des französischen Kriminalfilms mit dem französischen Autorenfilm. Der Film "entfaltet sich als heißkalter Neo Noir mit entschiedenem, selbstbewußtem Hang zur Abstraktion; Brüssel bleibt, von Berliner-Schule-Stammkameramann ReinholdVorschneider mit fast schon altmeisterlicher Souveränität eingefangen, ein durchweg unlesbarer Raum, mal verschwindet die Stadt hinter Glasfassaden, mal verliert sich der Blick im tristen Gewerbegebiet-Niemandsland. ... Die Stadt, in der 'La Mort viendra' spielt, ist von ihrer eigenen Geschichte hoffnungslos abgeschnitten. ... Das Gesellschaftliche dringt derweil an den Rändern in "La Mort viendra" ein, fastosmotisch, über Erinnerungen und Echos, über das Ungesagte, über Blicke." Weitere Kritiken auf critic.de und im Tagesspiegel.
Philipp Bovermann sieht es in der SZ nicht ein, die USA nur wegen Trumps Idiotien als verloren anzusehen und führt zur Bekräftigung die diesjährigenOscarnominierungen an, die auch in diesem Jahr wieder "zuverlässig Bilder vom Zustand Amerikas" zeigen - insbesondere in RyanCooglers rekordnominiertem, antirassistischen Vampirsplatter-Film "Blood & Sinners", in dem ganz schön die Hölle los ist (unser Resümee). "Was dieser Film mal eben präsentiert, auf eine genial unterhaltsame und beiläufige Weise, ist eineradikale Infragestellung der ideellen Grundfesten der amerikanischen Nation, der Konzepte von Ungleichheit, Privatbesitz, Naturbeherrschung und Aufklärung." Und "das in einem Genrefilm, mit großem Budget produziert durch ein Major-Studio, unter Beteiligung einiger der herausragendsten Filmkünstler des Planeten. Man vergleiche das mit der in Deutschland derzeit wieder so wild wuchernden Angst vor allem, was das Land und seine kulturellen Glaubensbekenntnisse auch nur ein wenig herausfordert. So schnell könnte man gar nicht gucken, wie 'Blood & Sinners' in den Filmfördergremien hierzulande entkernt worden wäre."
Weitere Artikel: Eine Gruppe KI-Investoren wünscht sich von Hollywood unter dem Stichwort "optimistic storytelling" weniger dystopische Filme über KI, sondern mehr Pioniergeist und Aufbruchstimmung, berichtet Helmut Martin-Jung in der SZ. In Hollywoodfilmen gibt es keine tollenVisagen oder wenigstens hübsch schrägenCharaktergesichter mehr, stattdessen sieht man überall nur noch Sixpacks, makellose Zähne und Gloss, stellt Marie-Luise Goldmann in der Welt nach diesemYoutube-Videoessay fest. Auf Artechockärgert sich Rüdiger Suchsland, dass diese Woche mit Mona Fastvolds"The Testament of Ann Lee", Christoph Hochhäuslers "Der Tod wird kommen", Richard Linklaters "Nouvelle Vague" und IsaWillingers Dokumentarfilm "No Mercy" in dieser Kinowoche gleich vier hochkarätige Filme ums Publikum buhlen und sich damit wohl gegenseitig kannibalisieren werden. Die Welt hat Jan Küvelers Porträt des Schauspielers GuillaumeMarbeck online nachgereicht, der in Richard Linklaters "Nouvelle Vague" (unsere Kritik) Jean-LucGodard spielt. Volker Schmidt resümiert in der FR einen Abend in Frankfurt zu Ehren von WimWenders. David Steinitz plaudert für die SZ mit HapeKerkeling, der für einen neuen Kinofilm wieder in die Rolle des Horst Schlämmer geschlüpft ist.
Besprochen werden Mona Fastvolds "The Testament of Ann Lee" (Artechock, Welt, unser Resümee), RichardLinklaters "Nouvelle Vague" (Artechock, unsere Kritik), SimónMesaSotos "Un Poeta" (Artechock), VolkerKoepps poetischer Dokumentarfilm "Chronos" über Osteuropa (FAZ), die Claude-Lanzmann-Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin (taz), WalterAigners Dokumentarfilm "Die Wolle. Der Mensch. Das Schaf" (FAZ), SebastianBrauneis' vorerst nur in Österreich startende Arbeitsmarktsatire "AMS" (Standard) und GoreVerbinskis Actionkomödie "Good Luck, Have Fun, Don't Die" (SZ).
Eine sakralgleiche Feier des Kinos: Amanda Seyfried als Sektengründerin in "The Testament of Ann Lee" Mona Fastvolds "The Testament of Ann Lee" hat bereits bei den Filmfestspielen in Venedig und in Berlin für Aufsehen gesorgt, jetzt läuft der Film auch hierzulande an. AmandaSeyfried spielt in dem Musical-Historienspektakel die Gründerin der Shaker, einer Abspaltung der Quäker, die im 18. Jahrhundert in die USA übersiedelte und sich durch ekstatischeTänze, einer strengen Sex-Askese und der Überzeugung von der Gleichberechtigung von Mann und Frau auszeichneten. "Die Besonderheit des Films besteht darin, dass er sich weder an einem zeitgeistigen Update versucht, das Lee zur feministischen Pionierin stilisiert, noch dem im Kino gegenwärtig populären Trend erliegt, bei kontroversen Themen mit Ironie auf Sicherheitsabstand zu gehen", schreibt Michael Kienzl auf critic.de. Der Film "ist in jeder Hinsicht ein immersivesSpektakel, das uns ganz in die Glaubenswelt der Shaker wirft."
Dieser auf Analogmaterial "gedrehte Film ist eine sakralgleiche Feier des Kinos", schwärmt Tobias Ostermeier in der taz und sieht "Seyfried staunend zu, wie sie sich in ihrem Spiel der so charismatischen wie leidgeprüften und aufopferungsvollen Heilsgestalt verausgabt. Immer wieder werden die Shaker von gewalttätigen Mobs angegriffen, die in Ann Lee und ihrem Treiben nichts anderes als Hexerei sehen. Es bleibt ein Rätsel, warum der Film und Seyfried im Speziellen für ihre sensationelle Darbietung keine Oscarnominierung erhielt." Der Film wurde nicht nur analog gedreht, sondern lässt auch anderweitig altes Kinohandwerk wieder auferstehen, freut sich Daniel Kothenschulte in der FR: "In den Naturkulissen wurden virtuelle Hintergründe als Matte-Paintings eingefügt, nicht digital, sondern indem durch bemalte Glasplatten gefilmt wurde. Diese bei Walt Disney und Alfred Hitchcock beliebte, aber heute gänzlich ausgestorbene Technik wiederzusehen, bricht den Realismus höchst subtil." Weitere Besprechungen in FAZ und Zeit.
Ein Clip aus dem Film vermittelt einen Eindruck von der (auf Shaker-Hymnen basierenden) Musik und den kraftvoll-körperlichen Choreografien des Films, von denen alle Kritiker schwärmen:
Außerdem startet diese Woche ChristophHochhäuslers neuer Thriller "Der Tod wird kommen", für den der Berliner Regisseur erstmals in Brüssel und auf Französisch drehte. "Nach einem gemeinsam mit seinem Stammkoautor UlrichPeltzer geschriebenen Drehbuch ist der Film seine Interpretation des Polar, des französischen Kriminalfilms zwischen Genre- und Autorenkino" und das in deutlicher Nähe zu den Klassikern von Jean-Pierre Melville, schreibt Jens Balkenborg in der taz. Der Plot? Eine Auftragskillerin (Sophie Verbeeck) geht auf Hatz im Gangstermilieu: "Mit ihr etabliert Hochhäusler eine Heldin, die den bewaffneten Haufen selbst- und machtverliebter Typen aufmischt. Tez ist undurchschaubar und will lieber die laute Beretta anstatt des Modells mit dem Schalldämpfer. ... Unterfüttert von stimmungsvollen Synthesizerteppichen von Nigji Sanges und eingefangen in dynamischgleitendenBildern von Reinhold Vorschneider, spinnt Hochhäusler ein doppelbödiges Intrigen- und Verwirrspiel."
Weitere Artikel: Fabian Tietke empfiehlt in der taz eine Filmreihe im Berliner Sinema Transtopia mit Raritäten des chinesischen Dokumentarfilms der Achtziger und Neunziger. Der SchriftstellerJeromeCharyn ist in der Zeit sehr enttäuscht von "Marty Supreme" (unsere Kritik), der dem Tischtennisspieler MartyReisman, mit dem er selbst einmal ein Match gespielt hat, leider nicht gerecht wird. Sandra Kegel (FAZ) und Christian Mayer (SZ) gratulieren LizaMinnelli zum 80. Geburtstag. Ihre aus diesem Anlass veröffentlichte Autobiografie besprechen NZZ und Welt. Timo Posselt hat Minelli für die Zeit Sprachnachrichten schicken dürfen und dafür von ihr Sprachnachrichten zurückerhalten.
Besprochen werden RichardLinklaters "Nouvelle Vague" (FR, unsere Kritik, weitere Besprechungen hier) und SimónMesaSotos "Un Poeta" (critic.de).
Auf spielerische Weise authentisch: Richard Linklaters "Nouvelle Vague" Kann das gutgehen? Ein amerikanischer Regisseur dreht einen Film über die Dreharbeiten eines französischen Films, bei dem wiederum die Liebe zum amerikanischen Kino in jeder Sekunde mitläuft? Es kann, jubeln die Kritiker, und feiern RichardLinklaters "Nouvelle Vague", in dem es - stilecht in Schwarzweiß - um die Produktion von Jean-LucGodards Spielfilmdebüt "Außer Atem" geht, mit dem die französische Neue Welle international so richtig zündete (hier unser Resümee zur Weltpremiere des Films in Cannes). Es "ist ein aufregender Clash der Kinogeschichte", schwärmt Fritz Göttler in der SZ. "Linklater hat die Leute der Nouvelle Vague mit jungen, relativ unbekannten Akteuren besetzt", aber "es sind alle dabei. ... Die Ähnlichkeit mit den Originalen ist selten vollkommen, aber der Ernst, mit dem alle bei der Sache sind, berührt und verleiht dem Film eine sagenhafte Lässigkeit, eine spielerische Authentizität."
Lukas Foerster ist im Perlentaucher ebenfalls begeistert. "Dass das Ergebnis wunderschön leichtfüßig und großzügig geraten ist und nicht etwa pedantisch besserwisserisch und steril, liegt" nicht zuletzt "am Linklater Touch, der alles, was er berührt, in ein hangout movie verwandelt. 'Außer Atem' entstand, wenn wir Linklater glauben können, primär nicht am Set oder gar am Schreibtisch, sondern in einem Pariser Bistro zwischen den Drehpausen, wo Jean-Luc, Jean, Jean-Paul und die anderen wertvolle Drehzeit mit Sprücheklopfen und gutmütig genervten Geldgebern auf die Nerven gehen (Jean-Luc), beziehungsweise Flirten (Jean und Jean-Paul) totschlugen; und dabei durch eine Laune des Cine-Gottes genau in die richtige Stimmung versetzt wurden, um wie nebenbei ein Meisterwerk herunterzukurbeln."
Der Film steckt voller historisch verbriefter Bonmots, die Godard bekanntlich am laufenden Meter von sich gab. Doch "Linklater lässt beides, die Worte und die Bilder, nicht wie historische Fakten, sondern wie filmische Einfälle aussehen", schreibt Andreas Kilb in der FAZ und dankt dem Regisseur, "keine Dokufiction, sondern ein wahres Märchen über die Entstehung von 'Außer Atem'" gedreht zu haben. Bei "all der Zitiererei bildet der Film auch ab, wie sehr Godard und Konsorten bereits an der eigenen Mythosbildung arbeiteten", hält Barbara Schweizerhof in der taz fest. Zugleich "lässt Linklaters Entspanntheit genug Raum für jene Art von 'Fun', die den 'kulturellen Moment' gut trifft." Johanna Adorján erzählt in der SZ von ihrer Begegnung mit GuillaumeMarbeck, der Godard spielt.
Außerdem: Rüdiger Suchsland spricht für den Filmdienst mit der Regisseurin MonaFastvold über deren Film "The Testament of Ann Lee". In der SZ fasst Kathleen Hildebrand ein Interview zusammen, das der Hollywood Reporter mit dem inhaftierten HarveyWeinsteingeführt hat. Besprochen wird die Wim-Wenders-Ausstellung im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt (FR).
Superkraft oder Downer? "Mein neues altes Ich" blickt auf die Menopause Ein Drittel aller Frauen geht ohne größere Beschwerden durch die Wechseljahre. Aber zwei Drittel haben mittlere bis schwere Probleme dabei. Auch weil sie selber zu diesen zwei Dritteln zählte, war es der dänischen Filmemacherin LouiseUnmackKjeldsen ein Anliegen, mit dem Dokumentarfilm "Mein neues altes Ich" auf diesen Umstand aufmerksam zu machen. Wie sehr das Reden über die Menopause an ein Tabu rührt, wurde ihr auch bewusst, als sie ihren Film vor ein paar Jahren zum ersten Mal TV-Sendern pitchte: "Damals fanden einige Sender das Thema zu nischig", erzählt sie im Standard-Gespräch. "Man hat mich sogar gefragt, wer sich das ansehen will und wie man mit dem Inhalt Männererreichen soll. Da hat sich in diesen wenigen Jahren wirklich viel verändert."
Außerdem: Im Standardempfiehlt Helen Slancar das Animationsfilmfestival "Tricky Women" in Wien.
Keine Gnade! Szene aus Isa Willingers Film "No Mercy"
Alle Männer sollten sich IsaWillingers Dokumentarfilm "No Mercy" ansehen, findettazler Benjamin Moldenhauer. In ihrem Film beschäftigt sich Willinger mit der These, ob nicht Frauen die härterenFilme drehen. Doch der Film "erzählt auch davon, welche Möglichkeiten sich auftun und entfalten lassen, wenn die Beschränkungen dessen, was so als natürlich gilt, graduell (und symbolisch) aufgelöst werden und die Festschreibungen an Macht verlieren. Das erstmalige oder das Wiedersehen von Filmen, die einen anderen Blick auf Körper, Sexualität und Macht und damit auch auf Liebes- und Arbeitsbeziehungen ermöglichen. ... Man sieht in den Filmen von als Frauen sozialisierten Menschen potenziell andere Dinge als in Filmen von männlich sozialisierten Menschen. Einen Blick auf die Welt, dessen Voraussetzung nicht sozialisationsbedingte Verpanzerung, Härte- undGrößenfantasien sind. Die Erleichterung und der Druckabfall sind enorm." Hier resümierten wir bereits ein Gespräch mit Willinger über ihren Film.
"Der Tod wird kommen", der neue Film von Christoph Hochhäusler In den Filmen von ChristophHochhäusler "spürt man unentwegt den seltsamen Schmerz, einMenschzusein", schreibt Lukas Barwenczik in einem Filmdienst-Essay über die Filme des Berliner Regisseurs anlässlich des anstehenden Kinostarts von "Der Tod wird kommen". Für Barwenczik ist Hochhäuslers Kino "ein Kino über Macht. Früher schien die visuelle Dramaturgie der Enthüllung ganz einfach: Mit Kameras hat man das Verborgene sichtbar gemacht", doch heute "ist alles durchsichtig", denn "die verrauchten Hinterzimmer sind längst Glaskästen, alles ist durchschaubar und opak zugleich. ... Es ist kein Verschwörungskino, aber eine Grundparanoia lässt sich kaum verleugnen. Immer gibt es auch einen Blick von außen und einen voyeuristischen Grundton. Es ist kein Verschwörungskino, aber es passt gut in die Zeit der Epstein-Files, in der Macht zunehmend als etwas Entrücktes verstanden wird, das sich in der selbstzweckhaften Transgression gefällt."
Besprochen werden MaggieGyllenhaals "The Bride" (FAZ), AxelGerdaus und PeterWolfs Dokumentarfilm "On the Wave" über den Surfer SebastianSteudtner (SZ), die Netflix-Serie "Vladimir" (Welt) und die auf Amazon gezeigte Krimi-Serie "56 Days" (NZZ).
In der FAZ ist Bert Rebhandl sehr begeistert von "Junge Mütter", dem neuen Film der belgischen Dardenne-Brüder, die diesmal ausgehend von größeren Recherchen von einem Heim für junge Mütter erzählen. "Jean-Pierre und Luc Dardenne vertreten mit ihrem Sozialrealismus im europäischen Kino weitgehend singulär eine Position, die eigentlich auch so etwas wie einen Alltag der Filmproduktion ausmachen könnte: kleine, schmucklose Geschichten ohne symbolische Ebenen, allenfalls mit einem Sinn für das Dramatische, der sich von den langen Traditionen des exemplarischen Erzählens seit der Antike inspirieren lässt. ... Sie erzählen Geschichten aus einem Herzland Europas: aus deraltenIndustrie- undBergbaugegend in Belgien, mit der Stadt Liège als Mittelpunkt ihrer Kosmologie." Dieser "Film geht aber über eine bloße Illustration eines soziologischen Befunds hinaus: Das liegt an der Unmittelbarkeit, die vor allem die exzellentenDarstellerinnen mit sich bringen." Im Perlentaucher hat Lukas Foerster den Film besprochen.
Außerdem: Martin Scholz spricht für die WamS mit AmandaSeyfried, die ab kommendem Donnerstag im Religions-Ekstasedrama "The Testament of Ann Lee" im Kino zu sehen ist. Jan Küveler porträtiert in der WamS den Schauspieler GuillaumeMarbeck, der in RichardLinklaters "Nouvelle Vague" Jean-LucGodard spielt. Bert Rebhandl spricht für die FAS mit dem Filmproduzenten OliverBerben, der mit GoreVerbinskis KI-Satire "Good Luck, Have Fun" die Tätigkeiten der Constantin Film auch auf den amerikanischen Markt ausweiten will. In der WamSschickt Elke Heidenreich JudiDench einen Liebesbrief.
Besprochen werden IsaWillingers Dokumentarfilm "No Mercy" über Künstlerinnen wie unter anderm VirginieDespentes, CatherineBreillat und ValieExport, die harte Stoffe auf die Leinwand bringen (Welt, mehr dazu bereits hier), MaggieGyllenhaals "The Bride!" (Standard, Tsp) und UlrichMerkls Buch "Total Strangers" über Film- und Fernsehfiguren, die sich als Autisten deuten lassen (Standard).
Für den Standardspricht Valerie Dirk mit IsaWillinger über deren neuen, auf critic.de,Artechock und im Filmdienst besprochenen Dokumentarfilm "No Mercy", in dem die Regisseurin die These vertritt, dass Frauen die härteren Filme drehen, insbesondere "wenn Frauen das Leben von Frauen direkt und unverblümt zeigen, also Erfahrungen jenseits idealisierter Fantasiebilder". Auf die Frage, ob es den zuletzt oft bemühten "femalegaze", also den spezifisch weiblichen Blick gebe, reagiert Willinger mit einem entschlossenen "Jein. Es sind meist Filme von Regisseurinnen, die weibliche Erfahrung besonders zentrieren und diese mit bis dahin nicht gesehenen Details ausstatten. Oder Filme machen, in denen die weibliche Hauptfigur nicht wie ein Fotomodel aussieht." Aber "weil wir als Menschen Empathie und Fantasie besitzen, können theoretisch auch Männer solche Filme machen, wenn sie es denn wollen."
Erzählt in fluiden Bildern: "The Chronology of Water" von Kristen Stewart Willingers oben zitierter erster Satz dürfte wohl besonders auch auf KristenStewarts Regiedebüt "The Chronology of Water" zutreffen. Auf den Film über eine sexuell missbrauchte junge Frau, die ein Kind verliert, hatten wir bereits vergangenes Wochenende hingewiesen. "Wir sehen das Blut, das toteBaby, den leblosen Leib an der Brust der Mutter", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "Es ist ein schmalerGrat, auf dem Stewart sich hier bewegt - sie hält die Balance, rutscht nicht in Mitleidsmanipulation oder Schmerzvoyeurismus ab. Später wird sie mit ähnlich kühlem Blick Sex und Körper in Ekstase einfangen. Sie weiß, wenn man stilistisch viel wagt - hier also im Schnitt wahreWunder vollbringt und die Zuschauer herausfordert -, darf man auf anderer Ebene durchaus leisere Töne anschlagen." Diesen Film zu "sehen ist wie mit dem Kopf unter Wasser gehen", schreibt Dunja Bialas auf Artechock. "Diese erzählerischeFreiheit hatte man sich von der fest im Filmbusiness verankerten Stewart nicht erwartet. Und auch nicht eine derart kraftvoll inszenierte Geschichte." Weitere Besprechungen auf critic.de und im Filmdienst.
Weiteres: Im Standardempfiehlt Valerie Dirk die Jafar-Panahi-Schau im Wiener Metro-Kino. Besprochen werden IlkerÇataks Berlinalegewinner "Gelbe Briefe" (Artechock, FD, unsere Kritik), der neue Dardenne-Film "Junge Mütter" (critic.de, Artechock, FD, unsere Kritik), TobiasSchmutzlers "Nawi - Dear Future Me" (FD), MaggieGyllenhaals "The Bride" (Welt, critic.de, FD, Artechock), DanielChongsPixar-Animationsfilm "Hoppers" (critic.de, FD) und die Netflix-Serie "Vladimir" (Welt).
Das Seilziehen um die Leitung der Berlinale ist beendet: TriciaTuttle bleibt im Amt, muss aber künftig ein "beratendes Forum" und "Empfehlungen" akzeptieren, fernerhin gibt es künftig einen "Verhaltenskodex" für alle Kulturveranstaltungen des Bundes (hier die Details aus den Agenturen). "Weimer hat geredet, Tuttle hat gesiegt", jubelt Andreas Kilb in der FAZ. "Der kurze, unüberlegte Coup, den der Kulturstaatsminister in der vergangenen Woche ... gegen die Festivalchefin inszeniert hat, ist zusammengebrochen" - nicht nur wegen der flächendeckenden Solidarität, "sondern auch, weil sein Erfolg das Ende der Berlinale als internationales A-Festival bedeutet hätte. Jüdische Perspektiven, jüdische Filme und jüdisches Leben kann man auch anders schützen als durch Vorzensur, und Hetze lässt sich nicht durch Maulkörbe verhindern, sondern nur durch freie Rede und Gegenrede."
Mag ja sein, kommentiert Jan Küveler in der Welt, dass man Szenen wie auf der letzten Berlinale nicht in aller Konsequenz wird verhindern können: "Es bleibt trotzdem richtig, egal, wie man es dreht: Die Berlinale darf Antiisraelismus und Antisemitismus nicht weglächeln und sich windelweich wegducken, sie muss ihn offensivangehen, dabei auf Einladungen ästhetisch überzeugender Filme aus dem Nahen Osten zugleich aber auch dann nicht verzichten, wenn zu befürchten ist, dass in einer möglichen Preisrede nicht nur Mami und Papi gedankt wird." Man wird sehen müssen, wie die Berlinale sich künftig dem eigenen Selbstverständnis nach als Ort des Dialogs aufstellen wird, kommentiert Tim Caspar Boehme in der taz: "Wenn die Berlinale als Konsequenz ihres Verständnisses von offenem Dialog in Kauf nehmen sollte, dass sie in der Öffentlichkeit das Bild vermittelt, vorgetragenen Judenhass unter dem Schutz der Meinungsfreiheit einfach stehenzulassen, wäre das verheerend."
Dass Weimer glaubt, mit diesen Maßnahmen die "gesellschaftliche Akzeptanz des Festivals" zu stärken, hält Andreas Busche im Tagesspiegel für blanken Hohn, "schließlich hat der Kulturstaatsminister in den vergangenen Wochen mit seiner Kommunikationsstrategie einen erheblichen Beitrag zum Verlust ebendieser Akzeptanz geleistet. ... Der Umgang mit diesen Debatten - der Eiertanz der Jury um die komplizierte Gaza-Frage, die zum Auslöser der Proteste wurde, die vorauseilende Empörung auf allen Seiten, die Argusaugen der Regierung - hat das Image der Berlinale nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen." Die Zeit hat mit VolkerSchlöndorff gesprochen, der sich von der Kontroverse um die Berlinale an die kulturpolitischen Auseinandersetzungen um Herbert Achternbuschs "Das Gespenst" in den frühen Achtzigern und an Michael Verhoevens Anti-Vietnam-Film "o.k.", der in den Siebzigern einen ganzen Berlinale-Jahrgang in den Abbruch trieb, erinnert fühlt.
Weitere Artikel: Für die FRunterhält sich Daniel Kothenschulte mit İlkerÇatak, dessen Berlinalegewinner "Gelbe Briefe" heute in die Kinos kommt (Besprechungen in Perlentaucher, FAZ, und SZ). Marian Wilhelm spricht für den Standard mit den Dardenne-Brüdern über deren neuen Film "Junge Mütter", der von Schwangerschaften in der Jugend erzählt - "ein eindrückliches Filmerlebnis", schreibt dazu Lukas Foerster im Perlentaucher. Im Filmdienstresümiert Denis Sasse die Jugendfilm-Sektion der Berlinale. Besprochen werden MaggieGyllenhaals "The Bride!" (taz) und Daniel Chongs Pixar-Animationsfilm "Hoppers" (FR).
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