Zwei Tage vor der offiziellen Eröffnung der
Biennale in Venedig konzentrieren sich die Kunstkritiker heute auch auf die Kunst. Das scheint möglich, denn eine Ausstellung "so
übermütig, überschießend", hat man in Venedig lange nicht gesehen, freut sich Hanno Rauterberg in der
Zeit. Sinnfragen und Aktivismus bleiben laut Rauterberg außen vor, dafür gibt's
viel Busen: "So wie bei der Künstlerin
Werewere Liking aus Kamerun, die einen Ochsen gemalt hat, der sich das
Menstruationsblut einer ausgelassen tanzenden Frau ins Maul fließen lässt. Währenddessen zeigt
Tabita Rezaire aus Paris eine Frau mit drei Busen, umschwirrt von Planeten, wobei die Erdkugel just dort gelandet ist, wo sich üblicherweise die Vulva befindet." Überhaupt werden in vielen Arbeiten die "
Überreste des Globalen Nordens" in neues Leben verwandelt, bemerkt Rauterberg und diese "Rückkehr zum Wundersamen" freue nicht nur die Progressiven, sondern auch die Anti-Modernisten: "Pietrangelo Buttafuoco ist einer von ihnen; viele halten ihn für einen rechtspopulistischen Dunkeldenker. Im Vorwort des Ausstellungskatalogs schwärmt er von einer organischen,
vitalistischen, endlich wieder authentischen Kunst."
Jörg Häntzschel stutzt in der
SZ indes beim Anblick des
deutschen Pavillons: Aus 3,2 Millionen winzigen Kacheln hat
Sung Tieu den Pavillon zu einer originalgetreuen
Replik des Plattenhauses in Berlin-Lichtenberg umgebaut, in dem sie kurz nach der Wende als Kind vietnamesischer Vertragsarbeiter aufwuchs. Häntzschel stellt schockiert fest: In all den Jahren seit dem Mauerfall spielte die
DDR hier nie eine Rolle: "In den beiden Seitenräumen des Gebäudes verfolgt Sung Tieu das Thema weiter. Ihre Mutter ist als Protagonistin der beiden Räume so anwesend-abwesend, wie sie, so kann man es sich vorstellen, in den ersten Jahren ihrer Berliner Existenz war: Sie ist präsent in den
Glasabgüssen ihrer Gliedmaßen, die nach langen Jahren in einer Großwäscherei von Rheuma und anderen Krankheiten gezeichnet sind; in Form von Skulpturen, die die Maße ihres Körpers in minimalistische, präzise berechnete Skulpturen übersetzen, als Abstraktion, die nicht avancierter künstlerischer Stil ist, sondern eine Metapher dafür, wie kalt mit Menschen umgegangen wird, wenn sie in ein kaltes Land kommen."
"Der Deutsche Pavillon ist
noch deutscher geworden", meint denn auch Boris Pofalla in der
Welt, denn auch im Werk von
Henrike Naumann geht es um die DDR: Das Grün, mit dem Naumann den Pavillon streichen ließ, "soll die typische Wandfarbe
sowjetischer Kasernen sein. Davor sind Dioramen gehängt, die auf zwei Dinge Bezug nehmen: den seltsam technoid-spätpostmodernen Einrichtungsstil in Ostdeutschland der frühen 1990er und den sozialistischen Realismus der DDR-Staatskunst vor der Wende. Naumanns Künstlergroßvater Karl Heinz Jakob malte 1960 'Die Mechanisierung der Landwirtschaft'. Die Künstlerin baut das heroische Wandbild mit Altkleidern und Furnierholz nach, als bühnenhafte Assemblage. Es war ihr wichtig, sagt bei einer Führung die Ausstellungskuratorin
Kathleen Reinhardt, die als Direktorin das Georg-Kolbe-Museum in Berlin leitet, die
sächsische Volkskunst in den Pavillon hineinzubringen." Für die
Zeit besucht Tobias Timm den deutschen Pavillon.
Während im
russischen Pavillon indes zu
dystopischem Techno getanzt und davor von Pussy Riot protestiert wird, geht es im
israelischen Pavillon stiller zu,
beobachtet Jonathan Guggenberger in der
taz. Die Biennale-Kuration habe verhindert, dass
hebräische Schriftzeichen nach außen hin sichtbar sind, erzählt
Belu-
Simion Fainaru, der im Pavillon seine "melancholisch-verrätstelten" Arbeiten zeigt: "Eine rückwärts laufende Uhr an der Wand, ein beschriftetes
Ei im Wasserglas, eine schwarze Rose, eingefroren in einer offenen Tiefkühltruhe. Im Hauptraum zwischen rohen Ziegelwänden ein Wasserbecken, in das es immer wieder Tropfen aus einer Sprinkleranlage regnet - eine unheimliche Reminiszenz an die Gaskammern von
Auschwitz. 'Rose of Nothingness' heißt die Ausstellung, die hinter dem stillen Boykott, aber auch unter ihrer eigenen symbolischen Schwere verschwindet."
Weitere Artikel: Katharina Rustler blickt sich für den
Standard im von
Florentina Holzinger bespielten österreichischen Pavillon um. Florian Illies verneigt sich in der
Zeit ein letztes Mal vor
Georg Baselitz, der spätestens in den Siebzigern, als er seine Bilder auf den Kopf stellte, zur Legende wurde. Die
Zeit erscheint heute außerdem mit einer Kulturbeilage mit Tipps zum Sommer: Unter anderem freut sich Tobias Timm auf die im Juli beginnende
Tomas-
Saraceno-Ausstellung "Ancestral" Future im Münchner Haus der Kunst und Christoph Siemes besucht im Rahmen der Manifesta zwölf umgenutzte Kirchen im Ruhrgebiet.
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Die 'Urzelle' des Bauhauses -
Karl Peter Röhl und sein Freundeskreis" im
Ostholstein-Museum in Eutin (
taz), die Ausstellung "#ShotbyAdams" mit Fotografien von
Bryan Adams im
Landesmuseum Darmstadt (
FR) und die Ausstellung "Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland" im
Museum Barberini in Potsdam (
NZZ).