Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

3745 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 375

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.05.2026 - Kunst

Olaf Metzel: "Deutsche Kiste". 1997. Foto: Leonie Felle

Die Skulpturen des Bildhauers Olaf Metzel wirken wie ein Antidot gegen die sieben Todsünden des Nationalsozialismus, bemerkt Stefan Trinks (FAZ) in der Ausstellung "Oder etwa nicht?" in der Nürnberger Kongresshalle. Metzel, der in seinen Arbeiten immer wieder Fragen nach Migration, Machtmissbrauch und Menschenrechten stellt, ist der seltene Fall "eines am politischen Zeitgeschehen interessierten Künstlers, der Geschichte als Material begreift, das sich unter dem Druck gesellschaftspolitischer Kräfte jederzeit verformen kann. Seine genuine Kunst aber ist, Historie in starke Form umzuprägen, ohne je Plattitüden zu schaffen", stellt Trinks etwa mit Blick auf die "auf das rohe Mauerwerk gehängten Henkersknoten aus pechschwarz patinierter Bronze" fest: "Bei Metzel reicht schon das bloße Hängen dieser drei massigen Seile des Todes auf rote, wie gehäutet wirkende Ziegelmauern aus, um Kaskaden von Assoziationen des Schreckens auszulösen: Die Fleischerhaken von Berlin-Plötzensee entern das innere Auge, an denen die Regimegegner barbarisch wie Vieh aufgehängt wurden. Dennoch erzeugt Metzel keine Geisterbahn des 'shock and awe'. Seine totenstille Arbeit gleicht eher einem mittelalterlichen Andachtsbild der Arma Christi, der Folterwerkzeuge des Herrn in der Passion."

Janiva Ellis: "When God Splits the Atom", 2025. Installationsansicht: "Geneva", Kunsthalle Basel. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Hieronymus Bosch hätte an den Bildern von Janiva Ellis seine Freude gehabt, ist sich Dietrich Roeschmann (Monopol) sicher, nachdem in der Ausstellung "Geneva" in der Kunsthalle Basel in den Gemälden der amerikanischen Malerin den Spuren der Gewalt in der Geschichte der Malerei gefolgt ist: "Ellis' Bilder atmen eine Atmosphäre latenter Bedrohung. Sie ist überall präsent, legt sich schwer über das wüste Land, durchdringt die Trümmer und die derangierten Körper, die mal an Francis Bacons bleiche Kadaver erinnern, mal an traurige Comic-Superhelden, deren zarte Seelen für die meisten unsichtbar bleiben hinter all den beeindruckenden Muskelbergen, die für das Gute arbeiten."

Die österreichische Medien- und Performancekünstlerin Valie Export ist im Alter von 85 Jahren in Wien gestorben: Einen ersten Nachruf schreibt Katharina Rustler, die im Standard an die Ikone der feministischen Avantgarde erinnert: Zeitlebens zeigte sie "männliche Dominanz auf und hielt unserer Gesellschaft einen Spiegel vor. In ihren Performances und filmischen Werken rebellierte sie gegen weibliche Stereotype - und wurde für ihre Aktionen skandalisiert." Etwa mit ihrer Performance "Tapp- und Tastkino" von 1968: "Für die erstmals in München aufgeführte Aktion stattete sich die Künstlerin mit einer tragbaren Theaterbühne vor ihrem Oberkörper aus. Gemeinsam mit ihrem damaligen Partner Peter Weibel - den sie im selben Jahr an einer Hundeleine durch die Wiener Innenstadt führte - forderte sie Passanten dazu auf, das 'Kino' zu besuchen: Also mit ihren Händen in das kleine Theater einzudringen und ihre nackten Brüste anzufassen."

Weitere Artikel: Das Metropolitan Museum und die für ihre Sammlung deutscher und österreichischer Kunst berühmte Neue Galerie in New York fusionieren, meldet der Tagesspiegel mit dpa. Wiebke Hüster denkt in der FAZ über das wechselvolle Verhältnis von Natur und Kunst nach. Besprochen werden außerdem die große Francesco-de-Zurbaran-Ausstellung in der Londoner National Gallery (FR, mehr hier) und die Schau "Internal Review" im Frankfurter Synnika Space, in der der Künstler Oliver Hardt Kunstfreiheit in den USA und Deutschland untersucht (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.05.2026 - Kunst

Rembrandt - Self-Portrait with Dishevelled Hair

Rembrandt noch einmal ganz neu entdecken, geht das überhaupt? Ja, freut sich Alexander Cammann in der Zeit. Im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel widmet sich eine Schau ausschließlich Rembrandt-Werken des Jahres 1632 und damit dem Beginn der Weltkarriere des Malers. Zu sehen ist unter anderem, wie der Künstler sich selbst ins Bild setzte: "Mit seinen zahllosen Selbstporträts betrieb er geschicktes Selbstmarketing: Schaut her, das bin ich, der Neue! Zu Beginn der Ausstellung sieht man nebeneinander frühe Varianten des wilden Lockenschopfs über dem umschatteten Gesicht oder blass-rosige Jünglingswangen über weißem Halstuch, mal eigenhändig, mal Werkstatt, mal Kopie. 1632 auch hier der stolze Bruch: Ein Selbstbildnis aus einer Privatsammlung in Tokio zeigt Rembrandt plötzlich mit Schnurrbart, Barett und vornehmer weißer Halskrause - seht her, jetzt bin ich ein echter Bürger der Grachtenstadt!"

Eine "Museum Meile Mitte" soll in Berlin entstehen, und zwar "im unwirtlichen Gebiet zwischen Hauptbahnhof, Humboldthafen und Naturkundemuseum", der sogenannten Eurocity, verkündet Birgit Rieger im Tagesspiegel. Auf die Beine gestellt wird das Projekt von Futurium, Hamburger Bahnhof, Medizinhistorischem Museum und Museum für Naturkunde, deren Chefs das Konzept nun erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt haben. Rieger zeigt sich eher skeptisch: "Zu entdecken gibt es genug. Da haben sie recht. Vor allem die Berliner muss man aber erst mal darauf bringen, hier zu bummeln. Das Gebiet, halb im Osten, halb im Westen gelegen, war Sperrzone in der DDR, der Spandauer-Schifffahrtskanal eine tödliche Grenze; danach war es Nachwende-Brachland und jetzt gentrifizierte Wohngegend." Und zwar eine ganz besonders öde, wie Stefan Trinks in der FAZ klarstellt. Und jetzt Museumsmeile? Vor allem die Beteiligung des Immobilienriesen CA Immo, der über die Jahre für so manche Hauptstadtbausünde verantwortlich war und eben auch für die grässliche Eurocity, stößt ihm sauer auf: "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss zubetoniert ist, werdet ihr merken, dass man ohne Kulturorte keinen neuen Stadtteil vermietet."

Weitere Artikel: "So aufsehenerregend wie alltäglich" ist laut FAZ-lerin Ursula Scheer ein Fall wiederaufgetauchter NS-Raubkunst, der zur Zeit Schlagzeilen macht. Ein dem jüdischen Kunsthändler Jacques Goudstikker gestohlenes Gemälde hing jahrzehntelang im Haus der Enkelin eines niederländischen Nazikollaborateurs: Jetzt soll es restauriert werden. Für die taz berichtet Sophie Jung von dem Fall. In der Zeit stellen eine ganze Reihe von Autoren Kunstwerke vor, die unser Leben verändern können. Peter Richter besucht für die SZ den (sehr) Deutschen Pavillon auf der Venedig-Biennale.

Besprochen werden Jiyoon Chungs Ausstellung "Dead End" in der Galerie Anton Janizweski, Berlin (Tagesspiegel) und die Schau "Celebrating Womanhood. Kulturerbe am Kilimandscharo" im Stuttgarter Linden-Museum (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.05.2026 - Kunst

Kurt Schwitters: "Merzz. 53. Red Bonbon" 1920, Solomon R. Guggenheim Museum. Bild: Wikipedia, gemeinfrei

Von der Ursonate über Collagen, Grafiken und Texte bis hin zu Malereien und Skulpturen ist der ganze Kurt Schwitters derzeit im Zentrum Paul Klee in Bern zu erleben, freut sich Maria Becker (NZZ), die hier sogar eine Rekonstruktion des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Merzbaus, den Schwitters als ganz private "Zelle" für sich geschaffen hatte, betreten darf: "Ein verwirrendes Gebilde aus Wand- und Deckenreliefs tut sich auf, eine künstlerische Tropfsteinhöhle, in der die Dinge wie von allein gewachsen scheinen. Das Ganze hat einen eigentümlich privaten Charakter, als habe der Künstler den Bau nur für sich gemacht. Schwitters hat mit dem Merzbau um 1923 in seiner Wohnung in Hannover begonnen und arbeitete immer wieder daran." Den Begriff "Merz" hatte Schwitters als Gegenstück zu "Dada" entworfen: "Gewonnen aus einem Zeitungstextschnipsel in einer seiner Collagen, konnte Merz für vieles stehen: Commerz, Schmerz, ausmerzen. Die negativen Assoziationen des Begriffs sind gewollt und werden in der Kunst gleichsam neutralisiert. ... Er war der Auffassung, dass eine neue Kunst aus den Scherben der Welt wachsen könne."

Es ging Anish Kapoor immer um die Dunkelheit, die "konkrete Leere", weiß Alexander Menden (SZ), aber in der Retrospektive, die das Duisburger Lehmbruck Museum dem indisch-britischen Künstler nun ausrichtet, muss man bei einigen Objekten schon mehrfach hinschauen, um die optische Form überhaupt zu entziffern, staunt Menden. So ist das Objekt, "When I am pregnant" aus dem Jahr 1992 frontal fast gar nicht zu erkennen: "Man muss seitlich zur Wand stehen und den Blick an ihr entlangwandern lassen, um zu erkennen, dass das, was von vorn wie ein Lichtfleck wirkte, in Wirklichkeit eine weiche Auswölbung ist. Eine ähnliche Wirkung erzielen die schwarzen, programmatisch 'Non-Objects' (Nichtobjekte) titulierten Formen, die erst im vergangenen Jahr entstanden. Ihre Konturen sind ebenfalls schwer erfassbar - eine Illusion, die durch die Beschichtung mit Vantablack erzielt wird, einem lichtabsorbierenden Pigment aus Kohlenstoffnanoröhrchen."

Weitere Artikel: Ein wenig nervt es Andreas Platthaus (FAZ) schon, dass die Ausstellung "Cling" in der Pariser Monnaie de Paris ihr Thema, Comics, die vom Geld erzählen, links liegen lässt, um mit viel Pomp alles an Comicautoren zu versammeln, was Rang und Namen hat. In den Niederlanden ist das von den Nazis aus der Sammlung des jüdischen Kunsthändlers Jacques Goudstikker geraubte Gemälde "Porträt eines jungen Mädchens" des niederländischen Malers Toon Kelder im Haus von Nachfahren des SS-Kollaborateurs Hendrik Seyffardt aufgetaucht, meldet der Tagesspiegel mit AFP

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Renoir und die Liebe" und "Renoir-Zeichnungen" im Musée d'Orsay in Paris (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.05.2026 - Kunst

Barbara Loftus ist die Tochter einer Holocaustüberlebenden, in den Arbeiten, die in der Ausstellung "Barbara Loftus. Eine Enterbung/A Disinheritance" im Haus am Lützowplatz gezeigt werden, verarbeitet sie das Schicksal ihrer Mutter Hildegard, die 1938 noch nach England fliehen konnte, wie Christian Schröder im Tagesspiegel weiß: "Als Loftus 1996 zum ersten Mal nach Berlin kam, fand sie die ehemalige Wohnung ihrer Mutter mithilfe zweier Berliner Freunde und einer alten Straßenkarte. Sogar einige Reste der damaligen Tapete hingen noch dort. Hildegard Basch, Jahrgang 1915, hatte sich als Jugendliche den Wandervögeln angeschlossen. Auch das illustriert Loftus in ihren Bildern. Junge Männer und Frauen, bepackt mit Rucksäcken, stapfen durch eine Felslandschaft. Über ihnen leuchtet ein Caspar-David-Friedrich-artiger Regenbogen. Sie kochen Suppe auf dem Lagerfeuer, Romantik mischt sich mit Neuer Sachlichkeit."

Weiteres: Larissa Kikol interviewt den Graffiti-Künstler Paradox Paradise für Monopol. Philipp Meier schreibt für die NZZ den Nachruf auf den Galeristen Bruno Bischofberger

Besprochen wird: Die Ausstellung "Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt" im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.05.2026 - Kunst

Genervt vom politischen Getöse rund um die Biennale, kann Sophie Jung (taz) insbesondere beim Besuch des amerikanischen und des russischen Pavillons nur den Kopf schütteln. Während im ersten "der Bildhauer Alma Allen seine Kringelwürste aus hochpolierter Bronze" überraschend "gleichgültig" abgelegt hat, geht es im russischen Pavillon ziemlich "schräg" zu: "Umgeben von wuchtiger Blumendeko, führte ein einsamer Musiker aus Sibirien seinen Kehlkopfgesang auf. In der oberen Etage welken noch mehr Blumen in einfachen Plastikkübeln vor sich hin, von einer zusammengezimmerten Bar aus werden Drinks mit billigem Finsbury-Gin ausgeteilt. Zwei Langhaarige holen auf unwillig mit Handtüchern bedeckten Pappkartons einen dunklen Ambient-Sound aus ihren Laptops. Das soll also das berüchtigte Performance-Programm sein, verantwortet von Anastasia Karneeva, der kompromittierten Tochter eines russischen Rüstungsunternehmers? Man hatte vielleicht putinistische Propaganda und Oligarchenprunk vermutet, aber doch nicht so einen Trash. (...) Das ist nicht feige, wird einem an diesem desolaten Ort mit gintonicbeklebtem Boden klar, das ist perfide. They don't give a shit."

Jonathan Guggenberger hat für die FAZ am Rande der Protesten von Pussy Riot vor dem russischen Pavillon mit der russischen Exilkünstlerin Nadya Tolokonnikova gesprochen, die die Proteste anleitete. Hineinzugehen habe sie "'nicht gepackt', sagt sie, 'aber ich bin vor der Tür gestanden, mit einem T-Shirt der Ukrainischen Verteidigungsarmee.' Gegen Vorwürfe italienischer Agitationsjournalisten, sie wolle russische Kunst zensieren, wehrt sie sich mit müdem Lächeln und sagt in deren Kamera: 'Ich bin nicht hier, um zu zensieren, ich bin hier, um eine Alternative zu zeigen, die Kunst von denen, die Russland zensiert.'"

Die Künstlerin Sung Tieu hat den deutschen Pavillon mit winzigen Kacheln als DDR-Plattenbau nachgebaut (mehr hier). Gleichzeitig ist das Mosaik eine Anspielung auf jene Häuser in Rostock-Lichtenhagen, die zum Ziel rassistischer Gewalt wurden, wie Tieu im Tagesspiegel-Interview mit Nicola Kuhn erklärt: "Ich beziehe mich auf das Fliesenmosaik des dortigen Sonnenblumen-Hauses. Anfang der 1990er Jahre stand es im Mittelpunkt der Gewalttaten gegen vietnamesische Vertragsarbeiter*innen der DDR, die dort lebten. Auch in der Gehrenseestraße gab es den Versuch, den Wohnblock zu stürmen, aber die Nachbarschaft hielt die ausländerfeindlichen Angreifer auf. Schon Hans Haacke bezog sich 1993 auf die Pogrome mit seinem Pavillon. Ich mache dies jedoch aus der Perspektive der Betroffenen. 1992 war ich bereits in Deutschland, 1994 bin ich in die Gehrenseestraße gezogen. Ich trage während der Biennale-Eröffnungstage Kleidung mit Zeitungsartikeln über Rostock-Lichtenhagen und rechtsradikale Gewalt in der Gehrenseestraße - zwei Wohnblocks, die auch viel Polizeigewalt zu spüren bekommen haben."

Außerdem: In der Welt berichtet Boris Pofalla von der Biennale und ist sich nicht ganz sicher, was er von Florentine Holzingers österreichischem Beitrag halten soll. Ob das feministisch ist? "Da steht sie stundenlang nackt mit Tauchermaske im Wassertank, lässt einen Jetski im Kreis fahren, Frauen kopfüber in einer Glocke schwingen und menschliche Abwässer live recyceln." Für die SZ macht Jörg Häntzschel einen Gang durch die von der verstorbenen Künstlerin Koyo Kouoh kuratierte Hauptaustellung " In Minor Keys". Auf den Bilder und Zeiten - Seiten der FAZ besichtigt Jan Nicolaisen Skulpturen in öffentlichen Parks in Paris. Besprochen wird die "Richard Prince"-Ausstellung in der Albertina in Wien (FAZ).
Stichwörter: Biennale 2026

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.05.2026 - Kunst

Nach dem Rücktritt der Biennale-Jury stimmen die Besucher über den beliebtesten Pavillon ab, und da steht die Gewinnerin wohl schon fest, glaubt Jörg Häntzschel in der SZ: Es dürfte Florentina Holzinger werden, die den österreichischen Pavillon unter dem Titel "Sea Word Venice" mit gefiltertem Besucher-Urin flutet, um auf Umweltverschmutzung aufmerksam zu machen: "'Jemand hat gekackt', erklärt eine der Mitarbeiterinnen im Klofrauenkittel den Umstehenden. Nun schwappt hinter der Panoramascheibe im Raum mit der Filteranlage die braune Brühe schon 20 Zentimeter hoch. Zwei Mitarbeiter versuchen verzweifelt, die Fontäne zu stoppen, die aus einem Ventil im harten Strahl gegen das Glas prasselt. Sie kämpfen mit herumzuckenden Schläuchen, ringen miteinander, spritzen sich gegenseitig voll, fallen in die Pampe, klopfen verzweifelt an die Scheibe." Ansonsten gibt's auch  viel "achtsame" Autokratenkunst, etwa aus dem Oman, lässt uns Häntzschel noch wissen. Für die taz besucht Beate Scheder den österreichischen Pavillon, für die NZZ berichtet Philipp Meier aus Venedig.

Dem FAZ-Kritiker Stefan Trinks erscheint die diesjährige Biennale nicht zuletzt dank Holzinger wie ein barockes Theatrum Mundi, das "die Welt und ihre Verwerfungen in der Kunst spiegelt". Und so unpolitisch wie uns Hanno Rauterberg gestern in der Zeit weismachte, ist die gezeigte Kunst offenbar auch nicht: "Zur Eröffnung treten im polnischen Pavillon nicht weniger als fünf Kulturminister, vier davon Frauen, mit scharfen Worten gegen den blutigen Usurpator aus Moskau an. Politphrasenfrei undiplomatisch schildern die Ministerinnen der drei baltischen Länder, Polens und Moldaus die Vergangenheit unter russischer Okkupation, bezeichnen Putin als Mörder und als Eliminator der Kultur, schließen die Verteidigung der Freiheit mit jener der Kunst gleich und warnen vor der Soft Power russischer Propaganda. Die lettische Ministerin trägt ein weißes T-Shirt mit dem Thomas-Mann-Titel 'Tod in Venedig' auf Englisch, darunter der Dogenpalast in Blutrot neben einem Kremlturm." 

Bild: Georg Baselitz, Die goldene Kittelschürze (detail), 2025. Oil and gold paint on canvas. 300 × 215 cm. © Georg Baselitz 2026. Photo: Stefan Altenberger

In der Welt nehmen heute nicht nur Freunde und Weggefährten wie Tracey Emin, Max Hollein oder Daniel Richter Abschied von Georg Baselitz. Cornelius Tittel besucht abseits des Biennale-Trubels die Schau "Eroi d'Oro" in der venezianischen Fondazione Giorgo Cini - die letzte Ausstellung, die Baselitz, den Tod vor Augen, noch selbst inszenierte. "Goldene Helden - hat er die Gruppe seiner letzten Bilder betitelt. Es sind gigantische Zeichnungen, mit dem harten Duktus einer Tuschfeder auf golden grundierten Leinwänden aufgetragen, die seine Frau Elke und ihn selbst zeigen. Wie Helden sehen sie nicht aus, altersschwach, allein und nackt, wie sie da sitzen (er) und stehen (sie). (…) Diese Bilder goldener Helden, die keine sind, sind radikal subjektivistisch und zugleich eine Metapher für die Conditio humana. Sie sind formalistisch und sprengen doch die Form. Sie sind neu, nie gesehen und nie zuvor gemalt, und doch der Kunstgeschichte verpflichtet."

Weitere Artikel: Die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) und die von ihr eingesetzte, unabhängige Kommission zur Klärung NS-verfolgungsbedingter Ansprüche teilten diese Woche mit, das Gemälde "Thunersee mit Blüemlisalp und Niesen" von Ferdinand Hodler an die Erben und Erbinnen der früheren Besitzerin Martha Adrianna Nathan zu restituieren, meldet Nicolas Freund in der SZ. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Maria Lassnig und Edvard Munch: Malfluss = Lebensfluss" in der Hamburger Kunsthalle (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.05.2026 - Kunst

Zwei Tage vor der offiziellen Eröffnung der Biennale in Venedig konzentrieren sich die Kunstkritiker heute auch auf die Kunst. Das scheint möglich, denn eine Ausstellung "so übermütig, überschießend", hat man in Venedig lange nicht gesehen, freut sich Hanno Rauterberg in der Zeit. Sinnfragen und Aktivismus bleiben laut Rauterberg außen vor, dafür gibt's viel Busen: "So wie bei der Künstlerin Werewere Liking aus Kamerun, die einen Ochsen gemalt hat, der sich das Menstruationsblut einer ausgelassen tanzenden Frau ins Maul fließen lässt. Währenddessen zeigt Tabita Rezaire aus Paris eine Frau mit drei Busen, umschwirrt von Planeten, wobei die Erdkugel just dort gelandet ist, wo sich üblicherweise die Vulva befindet." Überhaupt werden in vielen Arbeiten die "Überreste des Globalen Nordens" in neues Leben verwandelt, bemerkt Rauterberg und diese "Rückkehr zum Wundersamen" freue nicht nur die Progressiven, sondern auch die Anti-Modernisten: "Pietrangelo Buttafuoco ist einer von ihnen; viele halten ihn für einen rechtspopulistischen Dunkeldenker. Im Vorwort des Ausstellungskatalogs schwärmt er von einer organischen, vitalistischen, endlich wieder authentischen Kunst."

Jörg Häntzschel stutzt in der SZ indes beim Anblick des deutschen Pavillons: Aus 3,2 Millionen winzigen Kacheln hat Sung Tieu den Pavillon zu einer originalgetreuen Replik des Plattenhauses in Berlin-Lichtenberg umgebaut, in dem sie kurz nach der Wende als Kind vietnamesischer Vertragsarbeiter aufwuchs. Häntzschel stellt schockiert fest: In all den Jahren seit dem Mauerfall spielte die DDR hier nie eine Rolle: "In den beiden Seitenräumen des Gebäudes verfolgt Sung Tieu das Thema weiter. Ihre Mutter ist als Protagonistin der beiden Räume so anwesend-abwesend, wie sie, so kann man es sich vorstellen, in den ersten Jahren ihrer Berliner Existenz war: Sie ist präsent in den Glasabgüssen ihrer Gliedmaßen, die nach langen Jahren in einer Großwäscherei von Rheuma und anderen Krankheiten gezeichnet sind; in Form von Skulpturen, die die Maße ihres Körpers in minimalistische, präzise berechnete Skulpturen übersetzen, als Abstraktion, die nicht avancierter künstlerischer Stil ist, sondern eine Metapher dafür, wie kalt mit Menschen umgegangen wird, wenn sie in ein kaltes Land kommen." 

"Der Deutsche Pavillon ist noch deutscher geworden", meint denn auch Boris Pofalla in der Welt, denn auch im Werk von Henrike Naumann geht es um die DDR: Das Grün, mit dem Naumann den Pavillon streichen ließ, "soll die typische Wandfarbe sowjetischer Kasernen sein. Davor sind Dioramen gehängt, die auf zwei Dinge Bezug nehmen: den seltsam technoid-spätpostmodernen Einrichtungsstil in Ostdeutschland der frühen 1990er und den sozialistischen Realismus der DDR-Staatskunst vor der Wende. Naumanns Künstlergroßvater Karl Heinz Jakob malte 1960 'Die Mechanisierung der Landwirtschaft'. Die Künstlerin baut das heroische Wandbild mit Altkleidern und Furnierholz nach, als bühnenhafte Assemblage. Es war ihr wichtig, sagt bei einer Führung die Ausstellungskuratorin Kathleen Reinhardt, die als Direktorin das Georg-Kolbe-Museum in Berlin leitet, die sächsische Volkskunst in den Pavillon hineinzubringen." Für die Zeit besucht Tobias Timm den deutschen Pavillon. 

Während im russischen Pavillon indes zu dystopischem Techno getanzt und davor von Pussy Riot protestiert wird, geht es im israelischen Pavillon stiller zu, beobachtet Jonathan Guggenberger in der taz. Die Biennale-Kuration habe verhindert, dass hebräische Schriftzeichen nach außen hin sichtbar sind, erzählt Belu-Simion Fainaru, der im Pavillon seine "melancholisch-verrätstelten" Arbeiten zeigt: "Eine rückwärts laufende Uhr an der Wand, ein beschriftetes Ei im Wasserglas, eine schwarze Rose, eingefroren in einer offenen Tiefkühltruhe. Im Hauptraum zwischen rohen Ziegelwänden ein Wasserbecken, in das es immer wieder Tropfen aus einer Sprinkleranlage regnet - eine unheimliche Reminiszenz an die Gaskammern von Auschwitz. 'Rose of Nothingness' heißt die Ausstellung, die hinter dem stillen Boykott, aber auch unter ihrer eigenen symbolischen Schwere verschwindet."

Weitere Artikel: Katharina Rustler blickt sich für den Standard im von Florentina Holzinger bespielten österreichischen Pavillon um. Florian Illies verneigt sich in der Zeit ein letztes Mal vor Georg Baselitz, der spätestens in den Siebzigern, als er seine Bilder auf den Kopf stellte, zur Legende wurde. Die Zeit erscheint heute außerdem mit einer Kulturbeilage mit Tipps zum Sommer: Unter anderem freut sich Tobias Timm auf die im Juli beginnende Tomas-Saraceno-Ausstellung "Ancestral" Future im Münchner Haus der Kunst und Christoph Siemes besucht im Rahmen der Manifesta zwölf umgenutzte Kirchen im Ruhrgebiet.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Die 'Urzelle' des Bauhauses - Karl Peter Röhl und sein Freundeskreis" im Ostholstein-Museum in Eutin (taz), die Ausstellung "#ShotbyAdams" mit Fotografien von Bryan Adams im Landesmuseum Darmstadt (FR) und die Ausstellung "Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland" im Museum Barberini in Potsdam (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.05.2026 - Kunst

Die Biennale di Venezia öffnet demnächst ihre Pforten - und wird die Diskussionen um die Teilnahme Russlands nicht los. Karen Krüger berichtet in der FAZ über die scharfe Kritik, die Italiens Kulturminister Alessandro Giuli am Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco geübt hat. "Buttafuoco sei 'der untröstliche Ausdruck eines isolationistischen und bourbonischen Ancien Régime, das die Einheit Italiens nicht anerkennt', so Giuli. Bezüglich der Entscheidung, anstelle von Löwen Publikumspreise zu vergeben, sagte er: 'Ich lehne das Schema von Gewinnern und Verlierern ab. Wenn jedoch Tausende von tschetschenischen Besuchern, die von Ramsan Kadyrow geschickt wurden, für den russischen Pavillon stimmen, werden wir wissen, wer gewonnen hat: Wladimir Putin.'"

Die Teilnahme Israels können die Künstler aus anderen Ländern offenbar nicht verzeihen. Davon erzählt im Interview mit der Welt Belu-Simion Fainaru, der den diesjährigen Pavillon des Landes bespielt (siehe auch hier) - und von einer Jury von der Preisverleihung ausgeschlossen werden sollte. Fainaru hat dieser Tage wenig Freude in Venedig: "Normalerweise lernt man bei solchen Ausstellungen viele neue Leute kennen, tauscht Adressen aus, geht zusammen essen und trinken - am Ende hat man lauter neue Kontakte und Freunde. Jetzt spreche ich mit niemandem, bin völlig isoliert. Das schmerzt. Dabei bin ich von Menschen umgeben, die für andere Pavillons arbeiten. Wir sind nur ein paar Meter von denen der Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabiens entfernt. Ich würde mich wirklich freuen, mit den dort ausstellenden Künstlern zu sprechen. Die Hälfte meiner Studenten an der Universität von Haifa sind Araber, unsere Rektorin ist Araberin - ich glaube an Dialog und bin das von früheren Ausstellungen so gewöhnt. Doch wen auch immer ich hier begrüße, man dreht sich von mir weg. Mit keinem einzigen Künstler und Kurator auf der Biennale gibt es Interaktion. Ich bin allein mit meinem Team." Andernorts geht man noch einen Schritt weiter: Die Berliner Galerie Plan B hat den Künstler nach Boykottaufrufen von ihrer Künstlerliste entfernt.

Schaut sich in Venedig auch jemand die ausgestellte Kunst an? Ja, und zwar Nicola Kuhn für den Tagesspiegel. Wirklich überzeugt ist sie nicht davon, wie die Hauptausstellung das Konzept der 2025 verstorbenen Chefkuratorin Koyo Kouoh umsetzt. Allzu kitschig und flauschig geht es zu in der identitätspolitisch dominierten Schau. Da jedoch, "wo es politisch wird, fährt endlich Wind in die Betulichkeit. Walid Raad hat mit Porträts bemalte Holzpaletten aufgestellt, auf denen die Kopien verschollener libanesischer Meisterwerke zu sehen sind. Die Holzboxen sollen einst zum Transport im Libanon abgegebener Waffen gedient haben, die dann im Jugoslawienkrieg eingesetzt wurden. Könnte damit auch die geraubte Kunst verschickt worden sein?"

Weiteres: Lilli Vostry unterhält sich in der BlZ mit dem Künstler-Duo Angela Hampel und Steffen Fischer. Besprochen werden die Schau "Beeple. Regular Animals" in der Berliner Neuen Nationalgalerie (taz) und die Ausstellung "Lebt und arbeitet in Wien. Contemporary Art from Vienna" in der Kunsthalle Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.05.2026 - Kunst

Ruin und Rausch. Berlin 1910-1930, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026 © Neue Nationalgalerie - Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker 

Den Untergang der Weimarer Republik sieht FAZ-Kritiker Andreas Kilb in den Bildern der Ausstellung "Ruin und Rausch" in der Neuen Nationalgalerie Berlin heraufziehen. Es sind vor allem die Bezüge zwischen den Werken, die den Kritiker hier faszinieren: "Der 'Dialog' zwischen den Werken, ein Fetisch heutiger Museumsleute, führt hier zu überraschenden Anziehungs- und Abstoßungseffekten. Man hätte nicht erwartet, Ernst Ludwig Kirchners 'Potsdamer Platz' mit seinen durch Witwenschleier gekennzeichneten Kokotten im Zackenmuster einmal als halbe Idylle zu empfinden, aber hier, im Kontrast zu Dix' Kriegskrüppeln und dem nicht minder grausigen Nachttableau 'Die Stadt' von Jakob Steinhardt, geschieht es. Von Rudolf Bellings 'Skulptur 23' blickt man auf einen Ausschnitt aus Fritz Langs 'Metropolis', in dem die mechanische Maria zu unseligem Leben erwacht, und siehe da, der Messingkopf von 1923 passt auf den Film von 1925 wie angegossen."

Bis Januar herrschte strengste Geheimhaltung für das Projekt, Kunstwerke aus dem Khanenko-Museum in Kyjiw über die Grenze zu bringen, um sie vor der Zerstörung zu schützen, berichtet Regine Müller in der taz. Jetzt ist im Christian Schad Museum in Aschaffenburg zum ersten Mal eine Gesamt-Schau zu sehen, in der man auch schon zuvor nach Polen und in die Niederlande evakuierte Werke betrachten kann. Ein "Streifzug durch die europäische Kunstgeschichte", so Müller, "darunter ein verblüffendes Madonnenbild in Öl von Giovanni Battista Cima da Conegliano aus dem späten 15. Jahrhundert, das Maria in leuchtend blauem Gewand zeigt, das schlafende Kind mit über der Brust gekreuzten Armen auf ein weißes Kissen bettend. Das wirkt wie eine Grablegung, Marias halb geschlossene Augen blicken am Kind vorbei ins Nichts."

Besprochen werden die Ausstellung "Monalisen der Städte" in der Galerie Peter Sillem in Frankfurt (FR) und die Brancusi-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.05.2026 - Kunst

Ausstellungsansicht "Pioneer of Minimal Art". Foto: Achim Kukulies.

Georg Imdahl freut sich in der FAZ, dass die zeitlose Kunst von Anne Truitt durch die Retrospektive "Pioneer of Minimal Art" im K20 in Düsseldorf nun auch in Europa bekannter werden dürfte. Es gibt in ihren reduzierten Formen viel zu sehen: "Was sie seit den Sechzigern an Abstraktion mit Acryl auf Papier brachte, häufig in feinen koloristischen Nuancen und ungewöhnlichen Farbtönen wie Violett oder Orange, belohnt den Blick ebenso wie die strahlend weißen Monochromien auf Leinwand - Letztere taugten sogar einmal zu einem kleinen Kunstskandal in der Provinz, als jene 'White Paintings' 1975 in einer Schau des Baltimore Museum of Art von bornierten Journalisten verhöhnt wurden. Truitt setzte dem die Empfehlung entgegen, von Kunst lernen zu wollen, auch von jener, die man nicht versteht; nach wie vor ein probater Ratschlag."

Weiteres: Monopol listet auf, wer auf der Biennale Venedig welches Land vertritt. Philipp Meier ärgert sich in der NZZ, dass bei der Biennale bezüglich der vertretenen Länder mit zweierlei Maß gemessen wird. Die taz stromert über das Berliner Gallery Weekend. In der Welt schreibt Mara Delius den Nachruf auf Georg Baselitz.
Stichwörter: Truitt, Anne, K20 Düsseldorf