Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.06.2026 - Kunst

Candice Breitz, Stills from Love Story, 2016, Courtesy Goodman Gallery, Kaufmann Repetto + KOW, © Candice Breitz

Durchaus lohnenswert findet Nikolas Ender in der FAZ die Ausstellung "#Ifeelyou" im Bonner Kunstmuseum, die in verschiedenen künstlerischen Formaten fragt, wie und ob Empathie in unserer "reizüberfluteten Aufmerksamskeitsökonomie" noch möglich ist. Besonders interessant findet Ender das Experiment der südafrikanischen Künstlerin Candice Breitz, die zunächst auf großen Bildschirmen Hollywood-Stars wie Julianne Moore über Flucht sprechen und in Folge dann Mamy Maloba Langa von ihrer realen Flucht aus dem Kongo erzählen lässt: "Der Zuschauer hört Fragmente aus den Erzählungen fünf weiterer Geflüchteter, unterschiedlich erzählt, zweimal; einmal im Hollywood-Stil, ein zweites Mal im Original. Breitz konfrontiert das Publikum so geschickt mit den Bedingungen des eigenen Mitgefühls: Identifizieren wir uns bereitwilliger mit einer traumatischen Erzählung, wenn sie uns von einem vertrauten, weißen Gesicht vermittelt wird? Ist unsere Empathie am Ende an Hautfarben, an vertraute Manierismen, Sprachen oder Akzente gebunden?"

Maren Hassinger, Leaning, 1980. installation. Collection of the Museum Of Modern Art, NYC. Acquired through the generosity of The Modern Women's Fund and Ronnie Heyman, 2018. Courtesy of Susan Inglett Gallery, NYC

Darum, Verbindungen zu schaffen, geht es auch im Werk von Maren Hassinger, bemerkt Veronica Esposito (Guardian), die sich die Retrospektive der amerikanischen Bildhauerin im Berkeley Art Museum angesehen hat. Immer wieder sind Knoten in ihren Arbeiten präsent: "Sie finden sich in Werken wie 'Untitled Rope' und 'Sign of the Times' - letzteres besteht aus unzähligen Streifen der New York Times, die sorgfältig verdreht und miteinander verknotet wurden, um massive Zeitungsseile zu bilden, die von einer Galeriewand herabhängen. Man sieht riesige Stücke von Drahtseilen, die kurz davor stehen, verknotet zu werden, rosa Plastiktüten, die zugeknotet wurden, um den Atem anzuhalten, und sogar Hassingers Hände, die in ihrem Video 'Birthright' aus dem Jahr 2005 mühelos einen Knoten nach dem anderen knüpfen."

Weiteres: Die NZZ berichtet von der Art Basel. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Tausendmal Berlin" im Hamburger Bahnhof (Tsp, mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2026 - Kunst

Pieter van der Heyden nach Pieter Bruegel d. Älteren. Geduld (Patentia), 1557, Kupferstich. Foto: Städel Museum, Frankfurt a.M.

Mit großer Begeisterung studiert FAZ-Kritiker Stefan Trinks die Druckgrafiken von Pieter Bruegel dem Älteren, die das Städel Frankfurt in einer Ausstellung zeigt. Da lohnt es sich, ganz genau hinzusehen: "Was bei allen Grafiken Bruegels verfängt ist die erstaunliche haptische Sinnlichkeit der Blätter. Nicht nur in den Allegorien der 'Fünf Sinne' nach Vorlagen des Manieristen Frans Floris, wo etwa beim TACTUS ein Falke schmerzhaft in die Hand der weiblichen Personifikation des Tastsinns hackt, sondern auch in Bruegels Kupferstich der 'Schule von Athen' nach Raffael tritt die polysensuale Kraft der Grafik deutlich zutage: Die Philosophenanhäufung in samtigen Schwarztönen schwitzt geradezu vom angestrengten Denken."

"Da ist was los!" ruft auch Lisa Berins freudig in der FR: "Überall schlüpfen groteske Kreaturen aus Eiern und Ritzen, ziehen Fratzen, scheinen Zwielichtiges im Sinn zu haben. Längst haben sie die surrealen Landschaften eingenommen. Dazu tosende Meere, Rauchsäulen, Kampfszenen. Und die Menschen(...) - sind verloren! Ein merkwürdiges, echsenartiges Wesen schleicht durch ein Bild, es ist offensichtlich wehrhaft, denn es trägt ein Messer am Hut. Da liegt ein riesiger gestrandeter Fisch, der kleinere Fische ausspuckt, die kleinere Fische ausspucken, die kleinere Fische ausspucken."

Auußerdem: In der FAZ ist Bettina Wohlfarth nicht begeistert von der Verhüllungsaktion "La caverne du Pont Neuf" des Streetart-Künstlers JR: Der im Sinne Christos eingepackte Pont Neuf in Paris ist für sie wenig "subversiv".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2026 - Kunst

Giovanni Antonio Bazzi detto il Sodoma, Allegoria dell'Amor celeste, circa 1504

FAZler Andreas Kilb spaziert in Turin fasziniert durch eine Ausstellung, die das Museum Accorsi-Ometto dem Maler Sodoma widmet. Der Zeitgenosse Da Vincis war seinerzeit ziemlich erfolgreich, später war er lange vergessen, ganz langsam wird er derzeit wiederentdeckt. Geschickt kombiniert Sodoma Techniken von Kollegen, einen eigenen Stil entwickelt er nie; aber dafür eine sympathische, schelmische Wendigkeit, die sich beispielsweise in einem Selbstportrait aus dem Jahr 1505 offenbart, so Kilb: "Auf seinem Kopf sitzt ein graues Barett, ein gefütterter Damastmantel umhüllt seinen Körper, seine rechte, in weiße Handschuhe gekleidete Hand hält den Knauf eines Schwertes, und sein Gesichtsausdruck ist so hochmütig, wie es einem Adligen der italienischen Renaissance zusteht. Nur dass Giovanni Antonio Bazzi, genannt Sodoma, nicht adlig war. Die Kleidung hatten ihm die Benediktinermönche des Monte-Oliveto-Klosters bei Siena geschenkt, deren Kreuzgang er mit seinen Fresken schmückte, das Schwert und die beiden Dachse zu seinen Füßen hatte er nach eigenem Gutdünken in die Szene des 'Siebwunders des heiligen Benedikt' hineingemalt, die er durch seinen Auftritt im Bild beglaubigte. So betrat er die Bühne der Kunstgeschichte: ein Geck, ein Selbstdarsteller, ein Snob."

Außerdem: Die Agenturen melden, dass der putinkritische russische Künstler Semyon Skrepetsky in Polen auf offener Straße erschossen wurde (siehe unter anderem hier). Zwei Männer wurden verhaftet, die Ermittlungen laufen. Tobi Müller trifft sich für monopol mit Robert Seethaler, der jetzt auch als Fotograf aktiv ist. Ebenfalls auf monopol spricht Oliver Koerner von Gustorf mit dem Künstler Ibrahim Mahama, der in Basel auf dem Münsterplatz eine Auftragsarbeit geschaffen hat.

Besprochen wird die Schau "Under the Milky Way. Abstraktion, Autonomie und post-vandalische Tendenzen in der Kunst der Gegenwart" im Kunstverein Hannover (taz).
Stichwörter: Sodoma, Accorsi-Ometto

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.06.2026 - Kunst

Das Werk von Anish Kapoor ist immer eine metaphysische Achterbahnfahrt, aber in den neusten Arbeiten scheint das Interesse des indisch-britischen Bildhauers an Religion noch provokativer, stellt Jonathan Jones (Guardian) in der Londoner Hayward Gallery fest. Ein "göttliches Blutbad" erlebt Jones etwa in der Arbeit "The Ritual Expiation", die gottgleiche Gestalten zeigt, die einem Massenmord vorstehen: "Sie ragen über riesige Metallwannen empor, in denen blutgetränkte Leichen und Körperteile aufgestapelt sind, und purpurrotes Blut ergießt sich durch Rinnen. Wir scheinen uns in der Welt der Menschenopfer der Azteken zu befinden. Und doch liegt Schönheit in den Gemälden, die diese abstoßenden Mordschalen umgeben. Goldregen und goldene Rechtecke tauchen aus Farbflächen auf, wie der goldene Regen in Tizians Danaë."

Einen Abgesang auf die Kunstkritik will Laura Helena Wurth im Dlf nicht anstimmen, und doch gibt es den klassischen Kunstkritiker heute nicht mehr, notiert sie: "Es gibt Künstler, die Kritiker sind, Menschen, die im akademischen Bereich arbeiten, Schriftsteller, die sich mit Kunstkritik befassen, Kuratoren, Direktoren, Museumsangestellte, die für verschiedene Publikationen kunstkritische Einschätzungen vornehmen. Sie alle sind oft zusätzlich zu ihrer Funktion auch als Kritiker für Tageszeitungen, Fachmagazine oder Radioprogramme tätig. (…) Und ohne Anstellung, als freischaffender Kritiker ein Leben mit Miete und Nahrungsmitteln und Rücklagen fürs Alter zu bestreiten, ist schlicht unmöglich. Kritiker werden dadurch abhängiger von Kunstinstitutionen, vor allem von Galerien, die sie für Ausstellungs- und Katalogtexte bezahlen, und verstricken sich zusehends in ein System, in dessen Hand sie nicht mehr beißen können, wenn sie von ihr gefüttert werden." Eine Chance sieht Wurth in neuen Formaten in den sonst so schlecht beleumundeten Sozialen Medien.

Weiteres: In der SZ erkennt Peter Richter bei jenen Künstlern, die gegen Künstliche Intelligenz arbeiten, um nicht kopiert zu werden, Manöver der Avantgarde. Für die FAZ besucht Hannes Hintermeier die Bildhauerin Ingrid Baumgärtner in ihrem Atelier in Triftern. Ebenfalls in der FAZ gratuliert Stefan Trinks dem Kunsthistoriker Neil MacGregor zum Achtzigsten. Besprochen wird außerdem die 9. Photo-Triennale in Hamburg (SZ, mehr hier).
Stichwörter: Kapoor, Anish, Kunstkritik

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.06.2026 - Kunst

John William Waterhouse: Die schöne Frau ohne Gnade. Bild: Wikimedia Commons, gemeinfrei.


Was Locken für eine Macht haben können, lernt NZZ-Kritikerin Viola Schenz in der Ausstellung "Haar - Macht - Lust" in der Kunsthalle München, in der anhand von rund 200 Ausstellungsstücken gezeigt, wie sich die Moden der Haare im Laufe der Jahrhunderte in der Kunst spiegeln: "Für Frauen lautet seit je die Devise: je länger und voller die Haare, desto schöner, weil jugendlich-vital. Venus, die römische Göttin der Liebe und Schönheit und Pendant zur griechischen Aphrodite, ist meist mit explizit dichtem, wellig langem Haar dargestellt. Damit das Waschen-Schneiden-Legen optimal klappte, benötigte aber auch oder besonders eine Göttin mindestens vier Assistentinnen, wie ein Bild von Giorgio Vasari aus dem Jahr 1558 zeigt. Im 19. Jahrhundert galt Kaiserin Elisabeth (Sisi) von Österreich mit ihrer ungewöhnlichen Mähne als 'Schönste im ganzen Land'. Doch Vorsicht: Zu viel und zu verwegen durfte es auch nicht ausfallen. Damals kam die 'Femme fatale' auf, jene Verführerin mit heimtückischem Schopf. Auf John William Waterhouses Gemälde 'Die schöne Frau ohne Gnade' von 1893 wickelt sich deren Haar gefährlich um den Hals ihres ritterlichen Liebhabers."

Für Monopol interviewt Maxi Broecking die Künstlerin Lorna Simpson, deren Schau "Third Person" in der Punta della Dogana in Venedig gezeigt wird. 1990 war sie die erste afroamerikanische Frau, deren Kunst auf der Biennale gezeigt wurde, sie beschäftigt sich auch in ihrem Werk "Black Totem" mit Identitätsfragen: "Es ist vergleichbar mit einer Bohrkernprobe, einem geologischen Materialquerschnitt, der den Verlauf der Zeit abbildet. Wenn ich an Totems denke, denke ich an diese Art von Schichtung oder Zeitmessung: seien es die Jahresringe eines Baums, Sedimentschichten in der Erde oder eben diese über Jahrzehnte hinweg aufeinander gestapelten Zeitschriften - als Ablagerung von Informationen, die in ihrer Form an einen Bohrkern erinnern. Ich liebe es, in meiner Arbeit Dinge zu stapeln und solche Gruppierungen zu schaffen."

Weiteres: Das Ruruhaus in Kassel war "so etwas wie das Hauptquartier des Kollektivs Ruangrupa" während der Documenta Fifteen 2022, jetzt wurde die einst von Ruangrupa gestaltete bunte Fassade überstrichen, meldet Monopol. Den Nachruf auf David Hockney schreibt Ulf Erdmann Ziegler für die taz. In der FAZ zeichnet Frank Zöllner nach, wie der DDR-Maler Werner Tübke Erfolge beim "Klassenfeind" USA hatte.

Besprochen werden: Die Ausstellung "Tadeusz Kantor: Emballage, Cricotage and Madame Jarema" in den Procuratie Vecchie Venedig (Welt) und "Kyiv Biennal: A Bird that Cannot Land" im KW Institute for Contemporary Art in Berlin (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.06.2026 - Kunst

David Hockney, "Peter getting out of Nick's Pool", 1966

David Hockney ging es immer darum, "wie man die Welt malerisch zu fassen bekommt und wie auf der anderen Seite das Sehen funktioniert", egal ob er mit dem Pinsel, dem ipad oder einer Polaroidkamera arbeitete, schreibt Niklas Maak in der FAZ in seinem Nachruf auf den britischen Maler, der 1966 nach Kalifornien gezogen war, weil in England Homosexualität immer noch eine Straftat war. In Kalifornien begann er auch seine Pool-Bilder zu malen: "Er stellt das glitzernde Wasser als blaue Fläche aus, über die weiße Schlangenlinien huschen, er malt einen modernen grünen Campingstuhl, das große Fenster der Wohnanlage, tropische Pflanzen, davor den nackten jungen Mann, und während die Darstellung der Flächen des modernen Baus und des Wassers auch als abstraktes Gemälde durchginge, bricht mit dem nackten Körper im Wortsinne die klassische Figuration in die Abstraktion hinein. 'Peter getting out of Nick's Pool' ist eines der wichtigsten Gemälde des 20. Jahrhunderts."

David Hockney hat "nie ein trostloses Bild gemalt", schreibt in der Welt Hans-Joachim Müller, auch wenn er sich nicht ganz sicher ist. "1967: Sechstagekrieg zwischen Israel und seinen Nachbarn, Militärputsch in Griechenland, Demonstrationen gegen den Schah-Besuch in Berlin, Rassenunruhen in den USA. Müssten es nicht doch ironische Reflexe sein, die sich da im chlorblauen Wasser brechen? Ist so viel offensichtliche Zustimmung zum Genussleben nicht doch ein Verrat an der moralischen Verantwortung, die die Malerei auch in ihren heitersten Fluchten nicht verliert? Aber wer meinte, Palmen, blauen Himmel, Bungalow, Sprungbrett und Platsch doch irgendwie zum Spottvers auf die bürgerlichen Sehnsüchte in der Kalten-Kriegs-Ära reimen zu können, dem hat der Maler artig vom besonderen Reiz erzählt, 'bewegtes Wasser in einer sehr langsamen und sorgfältigen Manier zu malen'. Und man stand etwas ungläubig da und kam sich ziemlich verloren vor mit all den spritzigen Way-of-life-Geschichten, die einem im Kopf umgingen." Weitere Nachrufe von Marion Löhndorf in der NZZ, Alexander Menden in der SZ, Lisa Berins in der FR, Birgit Rieger im Tagesspiegel.

Lesia Vasylchenko, Night Without Shadows and Light Without Rippling of Waves, 2025. Courtesy the artist. Installation view.

Die Kyiv Biennale findet wegen des Kriegs seit Jahren in Städten außerhalb der Ukraine statt, in diesem Jahr im Berliner Ausstellungshaus KW, berichtet Laura Helena Wurth in der FAS. Neben der Kunst selbst geht es dabei auch um die Frage, wie Kunst "auf Krieg reagieren kann, ohne aktivistisch vereinnahmt zu werden, aber auch ohne in reine Ästhetisierung zu verfallen? ... Zentral ist die Arbeit der in Oslo lebenden Ukrainerin Lesia Vasylchenko. In der groß projizierten Videoarbeit ist in der oberen Hälfte ein Sonnenaufgang zu sehen, der erst hellrosa aufsteigt und im Verlauf satt orangerot untergeht. Im unteren Teil läuft Archivmaterial des ukrainischen Himmels aus Filmen von 1918 bis 2025. Man sieht, wie der Blick sich veränderte. Heute schaut man nicht mehr nach oben, um Sternschnuppen zu zählen, sondern um den Luftraum nach möglichen Gefahren durch Drohnen oder Raketen abzusuchen." Mehr in der taz.

Weitere Artikel: Andreas Kilb (FAZ) und Julia Encke (FAS) besuchen die Ausstellung im Schloss Bellevue, mit der die sanierungsbedingte Schließung zwei Wochen lang gefeiert wird: Man muss sich für einen Besuch anmelden, aber dann ist der Eintritt frei. Freddy Langer schreibt in der FAZ zum Tod des Fotografen Duane Michals.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung der Altmeister-Sammlung des Kiewer Khanenko-Nationalmuseums im Christian-Schad-Museum in Aschaffenburg (SZ) und "Horizontal. Das Krankenbett und die Welt im Liegen" im Medizinhistorischen Museum Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.06.2026 - Kunst

Lesia Vasylchenko: "Night Without Shadows and Light Without Ripplings of Waves". "025. Courtesy die Künstlerin © die Künstlerin

Hochpolitisch ist sie seit Beginn, die Kyjiw Biennale, die 2015 gegen die russische Propaganda gegründet wurde, weiß Nikolaus Bernau im Tagesspiegel. Seit dem Überfall Russlands 2022 hat sie sich internationalisiert - Künstler aus dem gesamten postsowjetischen und auch nahöstlichen Raum werden gezeigt, gemein ist ihnen der Kampf gegen imperialer Mächte, fährt Bernau fort, der sich die aktuell im Berliner KW Institute for Contemporary Art gezeigte Ausstellung "A Bird That Cannot Land" angesehen hat: "Am Anfang der Ausstellung steht die grausame Grafik-Animation von Dana Kavelina aus dem von Russland besetzten Melitopol über einen Soldaten an der Front und eine Kuh aus der industriellen Milchviehhaltung, die sich nach Freiheit sehnen. Am Ende Eda Salas 'Tear are Fallen But Never Touching Each other' von 2025: lange, zarte Glasröhren, in denen Wasser langsam verdampft, wie Tränen nur etwas Salz zurücklässt."

taz-Kritikerin Sophie Jung geht vor allem mit der Frage "Ist der Ukrainekrieg - oder vielmehr Krieg und Zerstörung im Allgemeinen - ein Grundzustand geworden, aus dem sich die Ästhetik schält?" über die Biennale und ist dankbar, dass Kurator Vasyl Cherepanyn auf Positionen verzichtet, die mit Ideologie oder Wahrheitsanspruch daherkommen: "Hinter dem schmalen Eingang im Erdgeschoss des Kunsthauses KW scheint die Zeitrechnung zwischen einem Himmel voller Satelliten, Bomben und Datennetzen und der Zerstörung auf dem Boden eine andere, blickt man auf die meterhohe Videoprojektion von Lesia Vasylchenko. Sie ist wie eine dunkle Halluzination. Glutrot hinter dichten quellenden Wolken geht die Sonne auf. Ein romantisches Motiv, wirkte es nicht wie eine nukleare Explosion. Darunter verwebt Vasylchenko Filmmaterial von 1918 bis 2025 zu einer zusammenhängenden Zeitspanne. Alles koexistiert in einer Nacht: Stromausfälle, Beschüsse, Menschenmengen."

Karin Sander: Mailed Paintings 156, Bonn - Berlin - New York - Reykjavík, 2014

Stefan Trinks reist für die FAZ zum isländischen Arts Festival, wird einmal mehr umgehauen von Björk, der die Nationalgalerie Islands eine große Ausstellung widmet, bewundert aber auch nicht weniger die deutsche Künstlerin Karin Sander, die im Reykjavik Art Museum in ihrer "Retro-Prospektive" poetisch intelligente Konzeptkunst zeigt: "Das ständige Changieren zwischen Reinheit (…) und Kontamination zeigt sich ebenfalls in ihrem 'Polished Egg'. Auf einem weißen hohen Sockel liegt ein rohes Hühnerei, das so lange poliert wurde, bis die Oberfläche texturlos strahlte wie ein makelloses Marmorwerk von Brâncuși. Zu purer Form und einem Kunstwerk wird es in der Tradition Duchamps erst durch seine Aufsockelung im Museum, gleichzeitig bricht es mit seiner unkünstlerischen Nichtdauerhaftigkeit mit einer wesentlichen Anforderung jeder Musealisierung."

Weitere Artikel: In der Welt ärgert sich Gesine Borcherdt über die Pop-up-Ausstellung, die derzeit im Schloss Bellevue gezeigt wird: "Wieso denkt die AdK, es reiche aus, Kunst jenseits von jedwedem ästhetisch-atmosphärischem Zusammenhang in ausgeräumten Sälen zu zeigen, deren Mischung aus Amtspragmatismus und Dahlemer Gardinendeko wirklich nicht leicht zu bespielen ist?" Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Susan Sontag - Sehen und gesehen werden" im Schwulen Museum in Berlin (Tsp) und die Ausstellung "Tausendmal Berlin. Die Sammlung Hamburger Bahnhof", die Marcus Woeller in der Welt vor allem mit Blick auf die Ankaufspolitik des Hamburger Bahnhofs betrachtet.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.06.2026 - Kunst

Julio Le Parc: "Screen with Reflective Blades". Installation view, Hermes Tokyo, 2021.

Jonathan Jones (Guardian) spürt den fiebrigen Geist der Pariser Sechziger in der Retrospektive, die die Londoner Tate Modern dem argentinischen, vor wenigen Wochen verstorbenen Op-Art- und Kinetik-Künstler Julio Le Parc aktuell widmet. Hier darf man fast alles anfassen und sogar Gemälde drehen, freut sich Jones. Parc war Mitglied der siebenköpfigen Gruppe GRAV, die die leblosen Pariser Museen "mit Lärm und Aktion füllen und die Hochkultur durch demokratisches Spiel untergraben" wollte: "In Le Parcs Werk 'Screen with Reflective Blades' von 1966 ist eine quadratische rote Leinwand mit der Ecke nach oben hinter einer Reihe verspiegelter Lamellen aufgehängt, sodass jede Bewegung des Körpers das Bild in sich endlos wandelnde, zerklüftete kaleidoskopische Illusionen verwandelt. 'Ensemble of Eleven Surprise Elements' aus dem Jahr 1967 macht noch mehr Spaß ..."

Franki Raffles, Soviet Women, State farm workers, USSR, 1989, © Franki Raffles Estate

Die 9. Hamburger Triennale der Photographie steht unter dem Motto "Alliance, Infinity, Love - In the Face of the Other", gedacht ist sie von Kurator Mark Sealy als "kulturelle Wiedergutmachung" angesichts von "Dekolonisierung" und für die "Sichtbarmachung Marginalisierter", weiß Petra Schellen in der taz. Vertreten sind KünstlerInnen aus aller Welt, die sich mit Themen von Queerness über soziale Fragen bis zu aktuellen Kriegen und Kolonialismus beschäftigen, freut sich Schellen: "Wie ein objektiverer Blick gelingen kann, zeigt die erste große Einzelausstellung der 1994 früh verstorbenen britischen Fotografin Franki Raffles. Seit den 1970er Jahren hat sie Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen vor allem in Schottland und der Sowjetunion fotografiert. Feministisch und marxistisch orientiert, zeigt die Autodidaktin Frauen als integralen Teil der Arbeitswelt. In Textil- und Fleischfabrik, im Labor, beim Umbetten einer Patientin, auch in der Landwirtschaft hat sie fotografiert."

Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "The World Through AI" in der Frankfurter Schirn (FR) und "Van Dyck, der Europäer" im Palazzo Ducale in Genua, die mit Antwerpen, Genau und London jene Orte beleuchtet, an denen sich der Barockkünstler am längsten aufhielt und der NZZ-Kritikerin Ulrike Sauer zeigt, dass sich Anton van Dyck stets der Stadt anpasste, in der er gerade malte.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.06.2026 - Kunst

Anna Rein-Wuhrmann, Lydia Mo'ngewelune Kamerun, 1914
© Museum Rietberg

Kann eine Ausstellung in der Gegenwart Kunst aus kolonialen Kontexten zeigen, ohne den nicht-weiße Menschen herabwürdigenden kolonialen Blick zu reproduzieren? An dieser Frage laboriert die Kunstwelt seit geraumer Zeit. Das Zürcher Museum Rietberg unternimmt nun in der Ausstellung "Fast ein Paradies: Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst" einen neuen Versuch, berichtet NZZ-Kritiker Dario Veréb: "Das Publikum sucht vergeblich nach Fotografien, die nackte oder in Ketten gelegte Menschen zeigen. Guyer hat sich explizit dagegen entschieden, die extremsten Zeugnisse kolonialer Gewalt aufzunehmen, aus der berechtigten Sorge, dass ihre Zurschaustellung unbewusst die historische Exotisierung und Viktimisierung der Abgebildeten fortschreiben könnte. Stattdessen zeigt die Ausstellung Fotografien, die familiäre Zugehörigkeit und Momente der Selbstbehauptung festhalten."

Auf dem Mariendorfer Industriegelände befindet sich, "ein Schatz, von dem man in Berlin kaum weiß". Und zwar in der hier untergebrachten "Artothek der Sozialen Künstlerförderung", erzählt Nicola Kuhn im Tagesspiegel. Versammelt sind hier um die 15000 Kunstwerke der vom Berliner Senat zwischen 1951 und 2003 (als Wowereit das Programm beendete) geförderten lokalen Künstler, die im Auftrag der Stadt Kunstwerke zu vorgegebenen Themen schufen: "Wer die Arbeiten heute studiert, staunt über die Qualität, Hingehuschtes wurde nicht geliefert. Da wäre das große Gemälde von Dorothy Iannone, die in bewährter Form ihren farbigen Kosmos nackter Göttinnen und wilder Pattern sprühen lässt, Ewa Partum reichte einen Dreiklang zersplitterter Schallplatten auf blauem Grund ein, Elke Lixfeld eine elfteilige abstrakte Serie auf groben Holzplatten mit dem Titel 'Essence'. Auffällig ist der große Anteil an Frauen beim Förderprogramm, insgesamt vierzig Prozent." Eine vom Landesamt für Gesundheit und Soziales gegründete Stiftung arbeitet nun unter der Leitung der Kuratorin Julia Rust von Krosigk an der Erschließung der Bestände.

Weiteres: Sabine B. Vogel berichtet in der NZZ über Erbstreitigkeiten um ein verloren geglaubtes, nun aber wiedergefundenes Klimt-Gemälde. Besprochen werden die Schau "Sven Johne, Alexandre Sladkevich, Michael Wesely: Kleiner Mann - was nun?" im Projektraum Alte Feuerwache, Berlin (BlZ) und die Ausstellung "Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus" in der Alten Nationalgalerie, Berlin (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.06.2026 - Kunst

Sozialistischer Realismus? Nicht mit Gerhard Altenbourg! Davon kann sich FAZ-Kritiker Andreas Platthaus in der Schau "Der fantastische Gerhard Altenbourg" überzeugen, die das Lindenau-Museum zum Geburtstag des Malers und Grafikers veranstaltet, der dieses Jahr hundert Jahre alt geworden wäre. In der DDR war Altenbourgs künstlerischer "Eigensinn" nicht so bliebt, im Westen dafür umso mehr: "In einem Gespräch, das der Leipziger Kunstförderer Roland Jäger im Jahr des Todes von Altenbourg mit dem Künstler geführt hat, dessen einziger bekannter Tonaufnahme, bezeichnet dieser das Resultat seiner Vorgehensweise als 'Geflecht der Farbe', die dadurch ins 'Hüpfen' komme. In der Tat: Durch die Dichte an Details und Strukturen bekommen die Motive eine organische Lebendigkeit, die die Rahmen zu sprengen scheint."

Besprochen wird die Schau "Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (NZZ).
Stichwörter: Altenbourg, Gerhard