Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.05.2026 - Kunst

Die Jury der Biennale von Venedig ist nach Kritik an ihrer Entscheidung, Russland und Israel von der Auswahl für die Löwen auszuschließen, zurückgetreten. Niklas Maak weint ihr in der FAZ keine Träne nach: Dass der israelische Künstler Belu-Simion Fainaru "einer der vielen liberalen Menschen in Israel sein könnte, die Aussöhnung mit den Palästinensern erträumen ... dass man, wenn der Krieg je enden soll, auf beiden Seiten Menschen wie Fainaru braucht, der seit drei Jahrzehnten jüdische und arabische Künstler zusammenbringt - all das war der Jury egal. Er kommt aus Israel, er kriegt keinen Preis. Diese Argumentation zeigt, wie heruntergekommen Teile der Kunstszene sind, die einerseits mit unendlichen Wortgirlanden und großer Differenzierungswut das Recht auf individuelle heteronormative Lebensgestaltung verteidigen und jede Form von klischeehafter Verallgemeinerung als faschistisch anprangern - aber dann alle Menschen wegen ihrer Herkunft etwa aus Israel über einen Kamm scheren".

Auch Marcus Woeller ist in der Welt froh über den Rücktritt der Jury: "Eine Jury ist nicht dafür da, geopolitische Sanktionen im Gewand ästhetischer Urteile auszusprechen. Sie soll Werke sehen, Vergleiche treffen, Urteile begründen. Wenn sie stattdessen Herkunftsstaaten moralisch vorsortiert, entzieht sie der Kunst die Autonomie, die sie im Namen der Menschenrechte zu verteidigen vorgibt." Der Goldene Löwe soll jetzt vom vom Publikum verliehen werden, berichtet Peter Richter in der SZ: "Ob so ein Publikumsvotum dann weniger politisch gefärbt ist, darf man allerdings schon aus den Erfahrungen mit dem Eurovision Song Contest bezweifeln."

In der FAS, die einen Biennale-Schwerpunkt hat, erklärt Nikolai Klimeniouk, warum es nicht dasselbe ist, ob Israel oder Russland an der Biennale teilnehmen. Während der israelische Künstler in Opposition zur rechten Regierung Netanjahus steht, wird der russische Pavillon von der Kommissarin Anastasia Karneeva kuratiert: "Seine Steuerung wurde neu organisiert, mit dem Ziel, Russlands Einfluss in der zeitgenössischen Kunst auszubauen und Goldene Löwen zu gewinnen. Die operative Kontrolle ging an die Firma Smart Art, die Karneeva gemeinsam mit der Tochter des russischen Außenministers, Jekaterina Winokurowa, gegründet hatte. Karneeva selbst ist Tochter des Vizechefs des staatlichen Rüstungskonzerns Rostec, dessen Chef Sergej Tschemesow zu den engsten Vertrauten Putins gehört."

Ebenfalls in der FAS stellt Maak noch das Programm der Biennale vor und lässt sich von Florentina Holzinger erzählen, was sie für den österreichischen Pavillon plant: "Ihre neue Arbeit in Venedig heißt 'Seaworld Venice', die ganze Laufzeit über werden Performerinnen im Pavillon sein, im Wasser", erzählt im Holzinger. "In Venedig, an der Adria, wo sich Superyachten und Flüchtlingsschiffe begegnen, die durch Reichtum abgeschirmten, perfekten und die ausgesetzten Körper, bekommt es eine andere Wendung. ... Venedig reinige sich jeden Tag durch Ebbe und Flut, sagt Holzinger, das abfließende Wasser bei Ebbe trage den Dreck fort aus den Kanälen. Wenn die Meeresspiegel weiter ansteigen und der Moses-Damm zum Schutz der Lagune fast täglich geschlossen werden müsste, wäre es damit vorbei; Ende des Jahrhunderts könnte es so weit sein. Die Seaworld handelt von beidem: vom Traum von karibisch grünem Wasser und maledivenweißen Stränden und von der Angst vor Verunreinigung, Keimen im Wasser, schwimmenden Exkrementen".

Außerdem zur Biennale: In der FAS porträtiert Karen Krüger den Präsidenten der Venedig-Biennale, den zum Islam konvertierten Schriftsteller Pietrangelo Buttafuoco: "Meloni holte den ehemaligen Funktionär der Fronte della Gioventù, der Jugendorganisation der rechtsextremistischen Partei Movimento Sociale Italiano (MSI), der sie auch selbst angehörte, als ideologische Wunderwaffe in die Lagune." Ronya Othmann besucht den syrischen Pavillon, den Sara Shamma bespielt, die schon mit dem Assad-Regime gut konnte. Yelizaveta Landenberger trifft in Berlin die ukrainische Künstlerin Zhanna Kadyrova und ihren Betonhirsch, den sie gerade noch vor der russischen Invasion im Donbas retten konnte, auf dem Weg zur Biennale: "Im Pokrowsker Park war der Origami-Hirsch auf einem Sockel montiert, auf dem zu Sowjetzeiten noch ein atomwaffenfähiges Su-7-Kampfflugzeug als Zierobjekt stand. In Venedig wird Kadyrovas Skulptur nun an einem Kran hängend in den Giardini zu sehen sein - im Schwebezustand, so wie die Sicherheitsgarantien, die der Ukraine nach dem Zerfall der UdSSR zugesagt worden waren."

Georg Baselitz ist tot. Arno Widmann schreibt in der FR einen fröhlichen Nachruf. "Wer auf Baselitz' farbenfrohes Spätwerk schaut, der kommt keine Sekunde auf die Idee, diese energische, lebensbejahende, hoffnungsfrohe Kunst sei angesichts des nahenden Todes entstanden. Ich weiß nicht, ob sie aus der Leugnung des Laufs der Dinge entstanden oder aber ein Produkt des Stolzes sind. Stolz darauf, den Kopf oben behalten zu haben, statt sich von der Neigung zu Melancholie oder Depression - angesichts des offensichtlich unaufhaltsamen Schwindens der Kräfte - unterkriegen zu lassen. Es sind Bilder der Stärke. Nicht nur der Stärke des Georg Baselitz. Sie erzeugen auch im Betrachter Stärke, jedenfalls den Gedanken, dass man sich nicht der Schwerkraft des Niedergangs hingeben muss."

In der FAZ schreibt Stefan Trinks den Nachruf auf Georg Baselitz, und Robert von Lucius schreibt zum Tod des Konzeptkünstlers Timm Ulrichs. Weitere Nachrufe auf Baselitz Julia Encke in der FAS und Till Briegleb in der SZ.

Weitere Artikel: In der Welt wünscht sich der ehemalige Museumsleiter Stephan Berg etwas weniger "tugendhafte Überhitzung" und etwas mehr "Ambiguitätstoleranz" bei Ausstellungsmachern. Andreas Platthaus begeistert sich in der FAZ für Barbara Anita de Gasc' renoviertes Gemälde "Anna Amalia und ihre Söhne" im Wittumspalais in Weimar. Laura Helena Wurth schildert in der FAS Eindrücke vom Gallery Weekend in Berlin. Michaela Nolte berichtet im Tagesspiegel von der Messe für zeitgenössische Kunst im ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof. 

Besprochen werden die Ausstellungen "Unter die Haut. Tattoos im Blick" in den Opelvillen Rüsselsheim (FAS), eine Retrospektive des Malers Giovanni Segantini, "Je veux voir mes montagnes", im Pariser Musée Marmottan (FAS) und "Monets Küste. Die Entdeckung von Etretat" im Frankfurter Städel (Welt).
Stichwörter: Biennale 2026

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.04.2026 - Kunst

Francisco de Zurbarán: "Stillleben mit Zitronen, Orangen und einer Rose". 1633. The Norton Simon Foundation, Pasadena, California © The Norton Simon Foundation

Man möchte sofort die Londoner National Gallery aufsuchen, wenn Jonathan Jones im Guardian von der dortigen Zurbarán-Ausstellung schwärmt. So intensiv erscheinen ihm die Gemälde des spanischen Barockmalers, dass sie nicht nur die Grenzen zwischen Übernatürlichem und Natürlichem einreißen, sondern auch jene zwischen Bild und Betrachter - auch, weil Zurbarán mit wissenschaftlicher Genauigkeit malte, wie besonders dessen Stillleben zeigen, die den Obst- und Blumenbildern seines Sohnes Juan gegenübergestellt werden: "Während Juan de Zurbaráns dunkle Trauben die irdische Üppigkeit erkunden, isolieren die Stillleben seines Vaters natürliche und künstliche Objekte gnadenlos in hochkonzeptionellen, metaphysischen Anordnungen. Zitronen, Orangen und eine rosa Rose, die auf einer spiegelnden Metallplatte neben einer Tasse Wasser balanciert, sind aufgereiht und vor dem schwarzen Hintergrund voneinander getrennt. Es ist gewaltig, unheimlich und doch gleichzeitig mit spiegelgleicher Scharfsinnigkeit gemalt. In gewöhnlichen Dingen, einer Tasse Wasser, einer Rose, erhascht man einen Blick auf Gottes Geheimnis, sagt Zurbarán."

Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco hat nicht nur durchgesetzt, dass Russland gegen alle Proteste dieses Jahr wieder mit eigenem Pavillon teilnehmen darf, geleakte Mails zeigen nun auch, dass die Biennale schon seit Juni 2025 mit den Russen im Gespräch war, weiß Jörg Häntzschel in der SZ: Zudem zeigen sie, dass Generaldirektor "Del Mercato diverse diplomatische Hebel in Bewegung setzte, um für den Kurator und die Künstler des Pavillons Visa zu beschaffen. Sie sollen auch Diskussionen darüber enthalten, wie der russische Biennale-Beitrag stattfinden könnte, ohne die Sanktionen gegen das Land zu verletzen. Vorgesehen ist demnach ein merkwürdiges Arrangement: Der Pavillon soll nur während der Preview-Tage zugänglich sein, wenn Journalisten und Leute aus der Kunst- und Museumswelt die Biennale besuchen. In dieser Zeit sollen dort Performances stattfinden und gefilmt werden. Vom 9. Mai an, dem ersten Publikumstag, wird der Pavillon geschlossen. Die an den vorangegangenen Tagen entstandenen Videos sollen dann auf in die Fenster des Pavillons gestellten Monitoren von außen zu sehen sein."

Genauso absurd ist die Entscheidung der Biennale-Jury, Russland und Israel aus dem Wettbewerb auszuschließen, meint Stefan Trinks in der FAZ: "Die Jurymitglieder nehmen die Künstler in Sippenhaft für ihre Regierungschefs, was doppelt zynisch im Fall Israels ist, für das der rumänisch-jüdische Künstler Belu-Simion Fainaru mit starken biografischen Bezügen zu Deutschland die von Paul Celan inspirierte Installation 'Rose of Nothingness' geschaffen hat. Fainaru lebt zwar heute in Haifa, muss aber schon qua Geburt in Bukarest keine Sympathien für Netanjahu hegen, steht im Gegenteil mit seiner Liberalität für das andere Israel. Schlimmer noch: Russland hatte mit seinem Folklorekitsch der angekündigten Musik- und Tanzveranstaltung von polynationalen, was konkret vereinigte Putinistas aller Länder meint, künstlerisch ohnehin keinerlei Chancen auf den Preis. Zumal mit Anastasia Karneeva als Kuratorin des Pavillons, die mit der Tochter von Putins Außenminister Lawrow die Pavillon-Firma 'Smart Art' führt und über ihre Freundin enge Kontakte zur Rüstungsindustrie besitzt, eine deutlich kompromittiertere Situation eines direkten putinistischen Hineinregierens in die Pavillonkuration vorliegt."

Was ist mit China, Saudi-Arabien oder dem Iran, fragt Fainaru denn auch im Zeit-Online-Interview mit Paul Buschnegg. Im Gegensatz zu Russland können Künstler in Israel im Übrigen weiterhin machen, was sie wollen, fügt er hinzu und berichtet von zunehmenden Boykotten: "Die Angst, wegen einer Zusammenarbeit mit jüdischen oder israelischen Künstlern diffamiert zu werden, nimmt zu. Ich merke, dass Kooperationen schwieriger werden. Wissenschaftler, Autoren und Künstler fürchten, durch Kontakt mit uns ebenfalls ins Abseits zu geraten. Das ist absolut erschreckend. Ich vertrete nicht die israelische Regierung oder das Präsidentenamt. Genauso wenig wie ich 2019 die rumänische Regierung vertreten habe."

Besprochen werden die Kerry-James-Marshall-Ausstellung im Kunsthaus Zürich (Welt), die Ausstellung "Merry-Go-Round" mit Kurzvideos des georgischen Künstlers Tornike Gognadze im Westfälischen Kunstverein Münster (taz) und die Ausstellung "Occasional lovers" mit Arbeiten von Brett Charles Seiler in der Berliner Galerie Eigen+Art (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.04.2026 - Kunst

Tobias Timm erinnert sich in der Zeit an Henrike Naumann. Die Künstlerin, die dieses Jahr den deutschen Venedig-Pavillon bestückt, ist letztes Jahr im Alter von nur 41 Jahren verstorben. Die Zeit beschäftigt sich diese Woche außerdem ausführlich mit Claude Monet. Sie beantwortet sechs Fragen zum Maler und bringt einen Text von Gert Heidenreich über die Rolle Étretats in Monets Schaffen, jenes Küstenorts, dem derzeit das Städel eine Ausstellung widmet (siehe auch hier). Marcus Woeller berichtet in der Welt über die Versteigerung des Tänzerinnenbrunnens aus dem Berliner Georg-Kolbe-Museum.

Besprochen werden die Schau "Playground" im im K20 der Kunstsammlung NRW, Düsseldorf (SZ), die KI-Hunde-Ausstellung "Beeple. Regular Animals" in der Berliner Neuen Nationalgalerie (Tagesspiegel). "Müll. Eine Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls" im Dortmunder Museum Ostwall (monopol), die Anni Albers gewidmete Schau "Constructing Textiles" im Wiener Unteren Belvedere (Standard), "Kartographien des Wachstums - Katinka Bock im Dialog mit Lois Weinberger" im Marta Herford (taz) sowie "Ruin und Rausch. Berlin 1910-1930" in der Neuen Nationalgalerie, Berlin (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.04.2026 - Kunst

Werkstatt des Hieronymus Bosch, "Die Versuchung des heiligen Antonius", um 1520-1550. ©  Museen der Stadt Aschaffenburg/Stefan Stark

73 Meisterwerke der europäischen Malerei des 15. bis 19. Jahrhunderts aus dem Kiewer Khanenko Museum, das seit vier Jahren unter Beschuss steht, sind jetzt im Aschaffenburger Christian Schad Museum zu sehen - und Lisa Berins (FR) entdeckt allerhand Schätze: "An der Stirnseite Marco Palmezzanos eindrucksvolle 'Madonna mit dem Kind und den Heiligen Petrus und Johannes dem Evangelisten', die, wenn man die perspektivische Zeichnung der Füße genau betrachtet, an ihrem einstigen Bestimmungsort ein gutes Stück über Augenhöhe gehangen haben muss. Erstaunlich die impressionistisch-lockere Malweise eines Gemäldes des Barockmalers Alessandro Magnasco, das die Beisetzung eines Trapistenmönchs zum Thema hat. Es gibt noch mehr zu entdecken, und auch im zweiten Obergeschoss warten wahre Highlights. Dort sind die nördlichen Schulen - Niederlande, Flandern, Frankreich und Spanien - ausgestellt."

Es war eine kluge Entscheidung des Berliner Gropiusbaus, die zeitgenössischen postkonzeptionellen Fotografien der New Yorkerin Liz Deschenes den sezierenden Porträts und Aufnahmen von Tieren, Landschaften und Architekturen von Peter Hujar gegenüberzustellen, zeigen beide doch "schlicht, was ist", findet Hilka Dirks in der taz. So machte Hujar auch vor dem Festhalten Tod und Sterben nicht halt: In der Ausstellung "leuchtet 'Candy Darling on Her Death Bed' von 1973 mit weißer Haut auf weißen Laken inmitten des dunklen Krankenhausraums, bewacht von gefüllten Chrysanthemen. Die Haut spannt sich über die mageren Glieder, der Kopf ist gesenkt, die glamourös geschminkten Augen blicken direkt aus dem Bild heraus. Gerade mal 29 Jahre alt ist die Schauspielerin und Muse Andy Warhols auf den Fotos. Darling stirbt an einem Lymphom. Hujar hält sie fest mit trotzigem Blick und sinnlicher Pose: Es ist das Mädchen selbst, das hier den Tod verführt."

Was denn nun? Der Präsident der Biennale-Stiftung, Pietrangelo Buttafuoco, hatte angekündigt, Russland bei der diesjährigen Biennale in Venedig wieder teilnehmen zu lassen, die Jury, besetzt mit fünf Kuratorinnen und Kunsthistorikerinnen, ließ mit Blick auf die "Verteidigung der Menschenrechte" nun verlauten, "'man werde davon absehen', … jene Länder zu berücksichtigen, deren führende Repräsentanten derzeit vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt sind'", weiß Marcus Woeller in der Welt und ärgert sich: Angeklagt seien Putin und Netanjahu nicht, erinnert er. Und: "Mit dem Vorstoß verschiebt die Jury ihre Rolle grundlegend. Ein ästhetisches Urteilsgremium versteht sich als ein politischer Akteur. Künstler werden nicht mehr allein nach künstlerischen Kriterien ausgezeichnet, sondern auch aufgrund der Bewertung ihrer Herkunftsstaaten. Die Preisverleihung wird zum politischen Instrument - noch bevor die Ausstellung eröffnet ist und bevor die Jury überhaupt Kunst gesehen hat."

Weitere Artikel: Auf der Biennale in Venedig wird es zudem wohl einen "Trumpillon" geben, befürchtet Hilmar Klute in der SZ, denn statt einer Expertenkommission befand das State Department über die ausstellenden Künstler. Ebenfalls in der SZ rehabilitiert Peter Richter Tracey Emin nach der Ausstellung "A Second Life" in der Tate Modern in London: "Anderthalb Jahrzehnte nach der Einführung von Instagram wirken Tracey Emins Selbstbesessenheit, ihr Selbstmarketing, ihre zeigefreudiges Verhältnis zum eigenen Körper, ihre mit Ausführlichkeit ausgestellten Verletzungen, ihre mit Stolz vorgetragene victimhood und was man ihr sonst alles so zum Vorwurf gemacht hat, absolut gegenwartskonform und beinahe sozial unauffällig." 

Besprochen werden die "Marisol"-Ausstellung im Kunsthaus Zürich (FAZ, mehr hier), die Ausstellung "Fun witout Suspicion" mit Werken des Gothaer Künstlers Konrad Hanke in der Berliner Galerie Kai Erdmann (taz) und die Ausstellung "Unvergesslich. Künstlerinnen von Antwerpen bis Amsterdam, 1600-1750" im Museum der Schönen Künste Gent (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.04.2026 - Kunst

Selbstporträts Paula Modersohn-Becker von 1906/07 (Landesmuseum Hannover) und Edvard Munch von 1908 (Munchmuseet Oslo)

Alexander Kloss wundert sich in der taz erst einmal, dass das Albertinum Dresden Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch in einer Schau zusammen zeigt, aber es funktioniert gut, stellt er fest: "Die Doppelausstellung im Albertinum entwickelt ein vielseitiges Bild der beiden Künstlerleben und ihrer Motive. Hier spricht nicht die 'Angst' aus Munch wie etwa in der Chemnitzer Kunstsammlung zum Kulturhauptstadtprogramm, sondern eine Bandbreite an Stimmungen. Von der beschwingten Lebensfreude beim 'Tanz am Strand' bis hin zur fiebrig-farbexplosiven Milieustudie des 'Kranken Kindes'. Ebenso klar erkennbar wird Modersohn-Beckers Ziel, das Leben in all seinen Auswüchsen in ihre Bilder zu bannen. Sie malt das Worpsweder Teufelsmoor mit genauso viel Verve wie die spektakulären Fjorde Norwegens und steigt mit ihren Porträts tief in ihre Protagonisten ein, ohne sie sentimental zu verklären. Deshalb ist es auch keine Ruhe, die aus den nebeneinandergestellten Werken der beiden Avantgardisten strahlt, sondern ein ständiges Suchen, Wachsen und Hinterfragen."

Weiteres: Im Streit um die Biennale in Venedig (mehr hier) hat nun der italienische Kulturminister Alessandro Giuli seine Abwesenheit von der Veranstaltung angekündigt, meldet die FAZ. Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Anish Kapoor" im Lehmbruck Museum Duisburg (FAZ), "Human Behaviour. Harald Duwe from a comparative point of view" in der Stadtgalerie Kiel (taz), "Bosporus Beats. Blicke auf Istanbul von 1500 bis 1800" im Kupferstichkabinett Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.04.2026 - Kunst

Nachdem die EU gedroht hatte, eine Förderung in Höhe von zwei Millionen Euro zu kündigen oder auszusetzen, wenn Moskau wieder an der Biennale von Venedig teilnehmen dürfe, hat jetzt die Jury der Kunstbiennale beschlossen, weder Russland noch Israel bei der Preisvergabe für den Goldenen Löwen zu berücksichtigen. Die Biennale-Leitung will das wegen Kunstfreiheit der Jury akzeptieren, berichten Karen Krüger in der FAZ und Jörg Häntzschel in der SZ. Man könnte jetzt noch die Ukraine ausschließen, dann hätte man Äpfel und Birnen, Angreifer und Angegriffene, endgültig in einem Topf.

Besprochen werden die von Beastie Boy Mike D kuratierte Ausstellung "Mishpocha" im Jüdischen Museum Frankfurt (taz), die Ausstellungen "Sue Williams - what now" im Wiener Belvedere (NZZ), "Cartes imaginaires - Inventer des mondes" in der Bibliothèque Nationale de France (FAZ) und "Ruin und Rausch" in der Neuen Nationalgalerie Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.04.2026 - Kunst

Fritz Scholder, Super Chief, 1969. © Fritz Scholder, Foto: Axel Schneider

Von "Euphorie und Schwermut" wird Lisa Berlins (FR) im Frankfurter MMK Tower gepackt: Dem amerikanischen Künstler Fritz Scholder, der seine indigene Identität nie klar benannte, wird hier seine erste Retrospektive außerhalb Nordeuropas gewidmet. Indigene bestimmten dennoch sein farbintensives Werk, das damals Anstoß erregte, weil diskutiert wurde, ob man Indigene so darstellen darf: "Scholder spielt mit den Bildern, die man von Indigenen im Kopf hat, mit einem Pathos, das von Hollywood ständig reproduziert wird. Ein 'Sioux Warrior' von 1971 mit opulentem Federschmuck vor rotem Hintergrund - sein Gesicht und sein Körper sind ins Groteske verzerrt und verwischt. Er wirkt so flüchtig gemalt, dass er fast ein Graffiti sein könnte. Scholder überzieht und überhöht mit Kalkül, zieht die Erwartungen des Betrachters, der Betrachterin, ins Lächerliche. Und er malt die traurigen Seiten: Indigene, die, komplett deplatziert wirkend, in einer Bahn zu einer Verhandlung mit Weißen fahren - mal wieder. Indigene, die dem Alkoholismus verfallen sind."

Die Nominierten für den diesjährigen Turner-Preis sind bekannt gegeben worden und im Guardian ist Eddy Frankel genervt. Wie wär's denn endlich mal wieder mit einer bisschen provokativer Ästhetik, fragt er. Stattdessen gibt es "kulturkriegsschürende, superidentitäre" Werke, auch wenn sie nicht schlecht sind: "Marguerite Humeaus seltsam organische biomorphe Science-Fiction-Skulpturen stellen sich eine Zukunft vor, in der Menschen überleben, indem sie gemeinsam arbeiten und ihre Gesellschaft an denen von Ameisen und Bienen modellieren - es ist Öko-Überleben durch den Kommunismus. Ihre Skulpturen sind mit Gitter-ähnlichen Strukturen und Wabenformen gefüllt und mit einem Gefühl der Hoffnung durchtränkt, dass wir, wenn wir zusammenkommen, einfach aus diesem Schlamassel herauskommen können, in dem wir uns befinden." Nur: "Es ist eine weitere Turner-Preis-Shortlist, die von Kuratoren erstellt wurde, die Jahr für Jahr die gleichen Künstler an denselben Institutionen und Biennalen sehen, in Ausstellungen, die von ihren Freunden kuratiert, von ihren Kumpels finanziert und von ihren Kumpels besucht werden."

Weitere Artikel: Nach 100 Jahren wird das Wiener Denkmal des antisemitischen Bürgermeisters Karl Lueger, geschaffen von dem späteren Nationalsozialisten Josef Müllner, restauriert - und wichtiger noch: "künstlerisch umgestaltet und damit kontextualisiert", weiß Patrick Guyton in der taz. Nun wird er von dem Künstler Klemens Wihlidal in Schieflage gesetzt. Die Eröffnung des neuen Kunstmuseums Berlin Modern wird sich aufgrund von Schimmel offenbar auf Mitte 2030 verzögern, meldet der Tagesspiegel mit dpa. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Tirailleurs - Von Kanonenfutter zu Avantgarde" im Berliner Haus der Kulturen der Welt (tazmehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.04.2026 - Kunst

Bernini, Büste von Papst Urban VIII. im Palazzo Barberini, 1637-8. Foto von I, Sailko, CC BY-SA 3.0

War Gianlorenzo Bernini der Erfinder des barocken Rom, fragt sich Boris Pofalla nach der phänomenalen Ausstellung "Bernini e i Barberini"  im Palazzo Barberini in Rom. Siebzig Werke sind in der Ausstellung zu bewundern, nicht wenige davon beauftragt von Papst Urban VIII. (Maffeo Barberini), der etwa den Bronzebaldachin über dem Altar im Petersdom bei Bernini in Auftrag gab: "Das Verständnis für das 'teatro sacro' der katholischen Kirche, für Inszenierung überhaupt, ist in diesem Künstler exemplarisch verkörpert. Aber es ist eben keine bloße Theatralik, kein leerer Prunk. Der Mensch und sein Wesen sind die Quelle, aus der Bernini schöpft. Das kann man besonders da gut sehen, wo Bernini mit den Papstbüsten jene Männer darstellt, denen er seine enorme Wirkungsmacht als Künstler verdankt - und die bei anderen doch oft in majestätischer Würde erstarren. Dank der Fülle solcher Porträtbüsten in der Schau kann man nicht nur verschiedene Fassungen miteinander vergleichen, sondern registriert auch, wie Bernini der Versuchung nicht erliegt, durch Verismus und übertriebenen Detailreichtum verblüffen zu wollen."

In der taz ärgert sich Harff-Peter Schönherr, dass Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) der 39. Ausgabe des Osnabrücker European Media Art Festival (EMAF) wegen "befremdliche Antisemitismus-Befürchtungen" die Schirmherrschaft entzogen hat. Dabei ist das Festival doch so "verrätselt, tiefgründig, kühn und provokant" und "zielt auf Diskursentfachung", meint Schönherr. Auslöser für den Rückzug von Lies war die palästinensisch-amerikanische Regisseurin Basma al-Sharif, die durch antisemitische Posts aufgefallen war (unsere Resümees), aber dennoch beim Festival ihren Kurzspielfilm "Morgenkreis" zeigen darf: "An ihrem Film, der das von Friedrich Fröbel im 19. Jahrhundert in die Frühpädagogik eingeführte Ritual zur Überwindung von Trennungsangst als Metapher und Medium nutzt, um von der Desorientierung von Migranten in Deutschland - konkret in Berlin - zu erzählen, lässt sich kein Hinweis darauf finden. Wie absurd und dialogfern es ist, sich von einem mehrwöchigen Event zu distanzieren, weil eine dessen 148 Künstlern, die persönlich noch nicht einmal anreist, Kritikwürdiges auf Instagram gepostet hat, zeigt sich in dieser Ausstellung überall."

Besprochen werden die Ausstellung Leyla Yenirce: "Werdegang" im Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg (taz), die Helen-Frankenthaler-Ausstellung im Kunstmuseum Basel (Welt) und die Brancusi-Ausstellung in der Berliner Neuen Nationalgalerie (Tell).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2026 - Kunst

Grit Kallin-Fischer, Selbstporträt mit Zigarette, Detail, um 1928, Bauhaus-Archiv Berlin © Bauhaus-Archiv Berlin

Begeistert ist Tagesspiegel-Kritikerin Nicola Kuhn von der Ausstellung "Neue Frau. Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen", die das Bauhaus Archiv als Gast des Berliner Museum für Fotografie realisiert. Sichtbar wird erstmals, wie wichtig einerseits die Fotografie als Kunst für das Bauhaus insgesamt war - und wie vielseitig andererseits die Beiträge insbesondere von Frauen zu dieser Tradition ausfallen. "Die Fülle an Exponaten ist überwältigend: hier die sich selbst erforschenden Maskeraden von Gertrud Arndt, die damit heute als Vorläuferin von Cindy Sherman gilt, dort die kühl-eleganten Architektur-Aufnahmen der Bauhaus-Gebäude von Lucia Moholy, mit denen Walter Gropius später im amerikanischen Exil die öffentliche Wahrnehmung der Kunstschule prägen sollte, wie sie heute noch gilt. Zur Geschichte gehört aber auch, dass Moholy jahrelang um ihre Bildrechte kämpfte. Wie bei so vielen ihrer Kolleginnen wurde ihr Name unterschlagen."

Auch taz-lerin Katrin Bettina Müller findet in der Ausstellung viel von Interesse: "Spannend wird es vor allem dort, wo die gut ausgeleuchteten Pfade des Bauhauses verlassen werden. Etwa mit der Fotografin Irena Blühova, engagiert in der kommunistischen Partei der Slowakei. 1931 beginnt sie in der Fotoklasse von Walter Peterhans am Bauhaus zu studieren, arbeitet in der Zeit aber auch schon für die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ) an Sozialreportagen. Später muss sie als Kämpferin im antifaschistischen Widerstand untertauchen. Von ihr sind Naturstudien zu sehen, aber auch Szenen vom ländlichen Leben."

Christian Wildhagen macht sich in der NZZ Gedanken über Herrscherbilder beziehungsweise die Konflikte zwischen Künstler und Abgebildeten, die sich im Zuge ihrer Entstehung regelmäßig ergeben - zuletzt etwa im Falle Donald Trumps, der sich von einer Malerin "absichtlich verzerrt" dargestellt sah. Wildhagen blickt zurück in die Geschichte: "Schon Elizabeth I. von England sorgte sich um ihr öffentliches Image, besonders mit zunehmendem Alter. ...1596 [lies sie] unvorteilhafte Porträts konfiszieren und mit der Begründung vernichten, sie enthielten 'Fehler und Deformationen'. Um dem Übel ein für alle Mal entgegenzuwirken, wurde in der Porträtkunst eine 'Maske der Jugend' für verbindlich erklärt: ein idealisiertes Gesichtsschema, infolgedessen die 'Virgin Queen' noch im hohen Alter makellos aussah. Jedenfalls auf Gemälden."

Weitere Artikel: Wolf-Dieter Vogel berichtet in der taz von Amir Fattal, einem Künstler, der in Mexiko Stadt ins Fadenkreuz der Palästinasolidarität geraten ist - ausschließlich weil er Israeli ist. Katharina Rustler ruft im Standard der verstorbenen Künstlermutter Brigitte Meese nach. In einem weiteren Standard-Text beschäftigt sich Rustler mit Jenni Parido, die von der Trump-Regierung als Kommissärin für den diesjährigen US-Pavillon auf der Venedig-Biennale installiert wurde - ihre einschlägigste Vorerfahrung bestand in der Leitung eines Luxusgeschäfts für Hundefutter. Thomas Thiel gibt in der FAZ den aktuellen Stand im Rechtsstreit um das Bild von Anne Frank mit Palästinensertuch durch, das im Potsdamer Privatmuseum Fluxus + ausgestellt wurde. Die EU stellt ihre Zuschüsse für die Biennale in Venedig in Frage, weil dort Russland wieder ausstellen dürfen soll, berichtet unter anderem monopol. Für die BlZ kommentiert Ingeborg Ruthe.

Besprochen werden eine Richard Prince gewidmete Ausstellung in der Wiener Albertina (Standard), die große Matisse-Ausstellung im Pariser Grand Palais (FAZ, siehe auch hier), die Schau "Himmel auf Erden - An meine liebste Fußhaut" in der Galerie Nord (taz), "Martin Kippenberger. Per Pasta ad Astra" in der Galerie Gisela Capitain, Zweigstelle Neapel (Welt) und die Ausstellung "Frauen machen Schule. Wegbereiterinnen der Moderne" im Kunsthaus Stade (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2026 - Kunst

Katharina Wulff, Grand Hotel Tazi, 2016, oil on canvas, 157,2 x 237,5 cm. Courtesy the Artist and Galerie Neu, Berlin


"Schön unheimlich" und "unheimlich schön" sind die Gemälde von Katharina Wulff, so ein bewundernder Kito Nedo (monopol) in der allerersten der Künstlerin gewidmeten Retrospektive in der Kunsthalle Baden-Baden. Niemand, so der begeisterte Kritiker, "verschränkt Magie und Wirklichkeit so wunderbar feinziseliert. ... Unheimlich wirkt auch das großformatige Bild 'Der Waldspaziergang' von 2002, das eine Gruppe von Menschen in einer schwer zu dechiffrierenden, untergründig gewaltvoll scheinenden Szene zeigt. Solche Bilder wirken wie Screenshots aus einem Traum. Alltagsfragmente, Emotionen, Erinnerungen und unbewusste Wünsche oder Ängste verschmelzen zu Szenen, die Fragen aufwerfen. 'Woher kommt Ihr?' heißt etwa eines dieser Bilder von 2003. Es zeigt eine Mädchenfigur, die interessiert zwei durchscheinende Gestalten betrachtet. Im Hintergrund findet sich eine Märchenlandschaft mit einer verwunschenen Burg. Verdichten sich diese Erscheinungen oder sind sie in Auflösung begriffen? Woher kommen die Gestalten, die uns im Traum erscheinen?"

Weitere Artikel: In der SZ schreibt Peter Richter den Nachruf auf Brigitte Meese, Mutter, "Modell, Muse, Mitarbeiterin" des Künstlers Jonathan Meese, die im Alter von 96 Jahren verstorben ist. Besprochen wird die Ausstellung "D'Ette Nogle: 'Let it R.I:P.' im Kunstverein Braunschweig (taz).