Die
Jury der Biennale von Venedig ist nach Kritik an ihrer Entscheidung, Russland und Israel von der Auswahl für die Löwen auszuschließen,
zurückgetreten. Niklas Maak weint ihr in der
FAZ keine Träne nach: Dass der israelische Künstler
Belu-Simion Fainaru "einer der vielen liberalen Menschen in Israel sein könnte, die
Aussöhnung mit den Palästinensern erträumen ... dass man, wenn der Krieg je enden soll, auf beiden Seiten Menschen wie Fainaru braucht, der seit drei Jahrzehnten jüdische und arabische Künstler zusammenbringt - all das war der Jury egal. Er kommt aus Israel, er kriegt keinen Preis. Diese Argumentation zeigt, wie heruntergekommen Teile der Kunstszene sind, die einerseits mit unendlichen Wortgirlanden und großer Differenzierungswut das Recht auf individuelle heteronormative Lebensgestaltung verteidigen und jede Form von klischeehafter
Verallgemeinerung als faschistisch anprangern - aber dann alle Menschen wegen ihrer Herkunft etwa aus Israel
über einen Kamm scheren".
Auch Marcus Woeller ist in der
Welt froh über den Rücktritt der Jury: "Eine Jury ist nicht dafür da, geopolitische Sanktionen im Gewand ästhetischer Urteile auszusprechen. Sie soll Werke sehen, Vergleiche treffen, Urteile begründen. Wenn sie stattdessen Herkunftsstaaten
moralisch vorsortiert, entzieht sie der Kunst die Autonomie, die sie im Namen der Menschenrechte zu verteidigen vorgibt." Der
Goldene Löwe soll jetzt vom
vom Publikum verliehen werden, berichtet Peter Richter in der
SZ: "Ob so ein Publikumsvotum dann weniger politisch gefärbt ist, darf man allerdings schon aus den Erfahrungen mit dem Eurovision Song Contest bezweifeln."
In der
FAS, die einen Biennale-Schwerpunkt hat, erklärt Nikolai Klimeniouk, warum es nicht dasselbe ist, ob Israel oder Russland an der Biennale teilnehmen. Während der israelische Künstler in Opposition zur rechten Regierung Netanjahus steht, wird der russische Pavillon von der
Kommissarin Anastasia Karneeva kuratiert: "Seine Steuerung wurde neu organisiert, mit dem Ziel, Russlands Einfluss in der zeitgenössischen Kunst auszubauen und Goldene Löwen zu gewinnen. Die operative Kontrolle ging an die Firma Smart Art, die Karneeva gemeinsam mit der Tochter des russischen Außenministers, Jekaterina Winokurowa, gegründet hatte. Karneeva selbst ist Tochter des Vizechefs des staatlichen Rüstungskonzerns Rostec, dessen Chef Sergej Tschemesow zu den
engsten Vertrauten Putins gehört."
Ebenfalls in der
FAS stellt Maak noch das Programm der
Biennale vor und lässt sich von
Florentina Holzinger erzählen, was sie für den österreichischen Pavillon plant: "Ihre neue Arbeit in Venedig heißt 'Seaworld Venice', die ganze Laufzeit über werden Performerinnen im Pavillon sein, im Wasser", erzählt im Holzinger. "In Venedig, an der Adria, wo sich
Superyachten und Flüchtlingsschiffe begegnen, die durch Reichtum abgeschirmten, perfekten und die ausgesetzten Körper, bekommt es eine andere Wendung. ... Venedig reinige sich jeden Tag durch Ebbe und Flut, sagt Holzinger, das abfließende Wasser bei Ebbe trage den Dreck fort aus den Kanälen. Wenn die Meeresspiegel weiter ansteigen und der Moses-Damm zum Schutz der Lagune fast täglich geschlossen werden müsste, wäre es damit vorbei; Ende des Jahrhunderts könnte es so weit sein. Die Seaworld handelt von beidem: vom
Traum von karibisch grünem Wasser und maledivenweißen Stränden und von der
Angst vor Verunreinigung, Keimen im Wasser, schwimmenden Exkrementen".
Außerdem zur Biennale: In der
FAS porträtiert Karen Krüger den Präsidenten der Venedig-Biennale, den zum Islam konvertierten Schriftsteller
Pietrangelo Buttafuoco: "Meloni holte den ehemaligen Funktionär der Fronte della Gioventù, der Jugendorganisation der rechtsextremistischen Partei Movimento Sociale Italiano (MSI), der sie auch selbst angehörte, als ideologische Wunderwaffe in die Lagune." Ronya Othmann besucht den
syrischen Pavillon, den
Sara Shamma bespielt, die schon mit dem Assad-Regime gut konnte. Yelizaveta Landenberger trifft in Berlin die ukrainische Künstlerin
Zhanna Kadyrova und ihren Betonhirsch, den sie gerade noch vor der russischen Invasion im Donbas retten konnte, auf dem Weg zur Biennale: "Im Pokrowsker Park war der Origami-Hirsch auf einem Sockel montiert, auf dem zu Sowjetzeiten noch ein
atomwaffenfähiges Su-
7-
Kampfflugzeug als Zierobjekt stand. In Venedig wird Kadyrovas Skulptur nun an einem Kran hängend in den Giardini zu sehen sein - im
Schwebezustand, so wie die Sicherheitsgarantien, die der Ukraine nach dem Zerfall der UdSSR zugesagt worden waren."
Georg Baselitz ist tot. Arno Widmann
schreibt in der
FR einen fröhlichen Nachruf. "Wer auf Baselitz' farbenfrohes Spätwerk schaut, der kommt keine Sekunde auf die Idee, diese
energische,
lebensbejahende,
hoffnungsfrohe Kunst sei angesichts des nahenden Todes entstanden. Ich weiß nicht, ob sie aus der Leugnung des Laufs der Dinge entstanden oder aber ein Produkt des Stolzes sind. Stolz darauf, den Kopf oben behalten zu haben, statt sich von der Neigung zu Melancholie oder Depression - angesichts des offensichtlich unaufhaltsamen Schwindens der Kräfte - unterkriegen zu lassen. Es sind
Bilder der Stärke. Nicht nur der Stärke des Georg Baselitz. Sie erzeugen auch im Betrachter Stärke, jedenfalls den Gedanken, dass man sich nicht der Schwerkraft des Niedergangs hingeben muss."
In der
FAZ schreibt Stefan Trinks den Nachruf auf
Georg Baselitz, und Robert von Lucius schreibt zum Tod des Konzeptkünstlers
Timm Ulrichs. Weitere Nachrufe auf Baselitz Julia Encke in der
FAS und Till Briegleb in der
SZ.
Weitere Artikel: In der
Welt wünscht sich der ehemalige Museumsleiter
Stephan Berg etwas weniger "tugendhafte Überhitzung" und etwas mehr "Ambiguitätstoleranz" bei Ausstellungsmachern. Andreas Platthaus begeistert sich in der
FAZ für
Barbara Anita de Gasc' renoviertes Gemälde
"Anna Amalia und ihre Söhne" im
Wittumspalais in Weimar. Laura Helena Wurth schildert in der
FAS Eindrücke vom
Gallery Weekend in Berlin. Michaela Nolte berichtet im
Tagesspiegel von der
Messe für zeitgenössische Kunst im ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof.
Besprochen werden die Ausstellungen "Unter die Haut.
Tattoos im Blick" in den
Opelvillen Rüsselsheim (
FAS), eine Retrospektive des Malers
Giovanni Segantini, "Je veux voir mes montagnes", im Pariser
Musée Marmottan (
FAS) und "Monets Küste. Die Entdeckung von
Etretat" im Frankfurter
Städel (
Welt).