
Ein Fischer an der Küste Kameruns bäumt sich gegen die Moderne, Armut und Ausbeutung auf, sein Enkel lebt als Psychologe in Paris und wird zu einem Meister der Verdrängung. Die kamerunische Schriftstellerin
Hemley Boum erzählt in ihrem Roman "Wind der uns heimträgt" von den Lebenswegen zweier Männer, die jeweils auf ganz eigene Weise daran scheitern, der Not ihres Lebens zu entkommen.
Es grenzt an ein Wunder, wie sich der
Peter Hammer Verlag aus Wuppertal mit seiner Mischung aus liebenswerten Kinderbüchern und ausgewählter Weltliteratur über Wasser halten kann. Man blickt auf die bunte Vielfalt dieses Verlagsprogramms und ertappt sich bei dem hoffnungsvollen Gedanken, dass die Fantasie dem ökonomischen Zwang doch immer eine Nasenlänge voraus ist.
Gleich nach den großen Dichtern Lateinamerikas nahm der Verlag
afrikanische Autorinnen und Autoren in sein Programm, lange bevor die Stars der nigerianischen Literatur den internationalen Buchmarkt aufmischten, und er hält ihnen auch nach dem Abklingen des Hypes die Treue. Zu den angestammten Autorinnen gehört die kamerunisch-französische Schriftstellerin Hemley Boum, die in ihren mehrfach ausgezeichneten Romanen afrikanische und europäische Sichtweisen verbindet, ohne die eigene Lebenserfahrung vom akademischen Diskurs überwölben zu lassen. Für ihren neuen Roman "Wind der uns heimträgt" erhielt sie den
Grand Prix Afrique, dessen Liste an Preisträgern erahnen lässt, wie viel französischsprachige Literatur am deutschen Buchmarkt vorbeigeht. Es ist ihr bisher aufregendster Roman, nicht makellos, aber klug und gedankenreich.
Boum verknüpft darin kunstvoll die
Lebensgeschichte des Fischers Zacharias Médobé mit der seines Enkels Zackary, der heute in Paris als
Psychologe für migrantische Jugendliche arbeitet. Die beiden Männer haben sich nicht kennengelernt, doch ihre Lebensgeschichten scheinen durch magische Bande miteinander verknüpft. Ist es ein Fluch, der die Männer dieser Familie zu Unglück und Selbstzerstörung verdammt und gegen den nicht einmal der angesehenste Heiler helfen kann? Sind es Armut und Verzweiflung, die den beiden Männern keine andere Chance lassen? Oder ist es die mangelnde Herzensbildung, die Unfähigkeit, das eigene Leben liebend und wertvoll zu gestalten? Beide denken in schwierigen Situationen
stets an die Flucht. Der eine wollte aus dem Dorf in die Stadt entkommen, der andere über das Mittelmeer.
Seinen Ausgang nimmt der Roman in dem Fischerort Campo an der südlichen Küste Kameruns, wo sich der majestätische Ntem tosend in den Atlantik wirft. Hier lebt der elternlos aufgewachsene Zacharias. Seiner unglücklichen Kindheit zum Trotz ist er ein guter Fischer geworden, hat eine liebevolle Frau gefunden und zwei Töchter bekommen. Doch die Moderne hält auch im paradiesischem Campo Einzug, es sind die sechziger oder siebziger Jahre. Endlich gibt es
Motorräder und Kühlschränke und alles auf Kredit. Ein ausländisches Unternehmen beginnt, die Mangrovenwälder abzuholzen, die Fischer werden in Kooperativen gedrängt, bevor sie von den
großen Trawlern um ihre Existenz gebracht werden. In einem Akt der Verzweiflung bäumt sich Zacharias gegen die Ausweglosigkeit auf. Natürlich vergeblich und mit tragischem Ende für die gesamte Familie.
Seinem Enkel Zachary scheint die Flucht aus dem eigenen Leben besser gelungen. Er lebt seit neun Jahre in Paris und hat es in einen angesehenen Beruf geschafft. Doch in einer verregneten Nacht wird er von einer Ärztin auf der Straße aufgelesen, die ihn für einen obdachlosen Säufer hält. Über Zachary ist die Realität seines Scheiterns eingebrochen, Erschöpfung, Resignation, unheilbares Unglück.
Wir wissen zu Beginn nicht, was den Enkel des Fischers nach Frankreich verschlagen hat, wir erfahren, dass sein Leben als Psychologe ein Leben voller Angst, Lügen und Scham ist. Anderen Leuten erzählt er stets, seine Eltern seien bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und aufgrund seiner Begabung habe er ein staatliches Stipendium erhalten. Doch er
meidet alle Kameruner in Paris, die wissen könnten, dass es solche Zuwendungen nicht gibt. Und schlimmer noch ist eine Tatsache, über die Zachary sich selbst nicht hinwegtäuschen kann: Seine Mutter war Alkoholikerin und musste sich in ihrer Not in Douala prostituieren.
Nach und nach entfaltet die Autorin in wechselnden Perspektiven die Lebensgeschichte dieser beiden Männer. In Zacharys Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend in einem Armenviertel in Douala spiegelt sich immer wieder das Leben seines Großvaters: Die lieblose Kindheit, Wut und Frustration der um ihre Zukunft gebrachten Jugend. Aber es gibt auch besondere Momente: die Freundschaft zu dem Nachbarjungen Achille, die Hingabe an ihrer beider Jugendliebe Nella. Ihr widmete Zachary
so schöne Gedichte, dass Achille sich zu ihrem Urheber erklärte, selbst als Nellas Vater, der Oberst, ihn dafür auf dem Schulhof auspeitschen ließ. In der armseligen Herkunft, für die sich Zachary so schämt, lässt uns Hemley allmählich den tiefen Sturz des Fischers erkennen, eine Tragödie, die eines Fürsten würdig gewesen wäre.
Aus dem elegischen Erzählstrom der Rückblicke und Erinnerungen heraus ragen die Passagen, in denen Boum auf Zacharys Jahre in Paris blickt. Hier diskutiert sie sehr lebendig und heutig die Kämpfe um Anerkennung, Anpassung und Aufbegehren. Zachary ist eigentlich glücklich, in Frankreich leben zu können. Er kostet seinen Aufstieg aus, seine Freiheit, die erotische Neugier zwischen Schwarz und Weiß. Seine erste Beziehung, zur
selbstbewussten Maëlle, überfordert ihn: Maëlle kommt aus einer bürgerlichen Familie mit karibischen Wurzeln, am Küchentisch werden Césaire, Glissant und Chamoiseau zitiert. Maëlle hört
Manu Dibango,
Dina Bell und die
Têtes Brûlées, Zachary kennt nicht mal Bob Marleys
"Stir it up". Dass ihm, dem kamerunischen Psychologen, immer die afrikanischen und arabischen Kinder zugewiesen werden, empört Maëlle, Zachary hält es eher für Bequemlichkeit seiner Kollegen. "'Genauso möchte man es sehen, solange niemand das Wort Rassismus ausspricht, nicht wahr? So schnappt die Falle zu: Das was du erleidest, erniedrigt dich dermaßen, dass du es nicht zu benennen wagst.' - 'Nein, das stimmt nicht. Es ist nur so: Wenn du
einmal Rassismus gesagt hast, kannst du keinen Rückzieher mehr machen.' - 'Das ist doch der Punkt, oder? Keinen Rückzieher machen.'" Auch nach der Trennung hallen Maëlles Worte nach, in ihren imaginären Streitgesprächen bekommt er nie Recht.
Zachary ist Psychologe, aber er scheint keinerlei Bezug zu seiner Profession zu haben. Sie interessiert ihn nicht, sie hat ihn nicht lebensklüger gemacht und er scheint auch nicht zu glauben, dass sie seine eigenen Wunden heilen könnte. Auch hierin spiegelt sich das Leben seine Großvaters, der einst zu einem Heiler ging, damit dieser an seinen Peinigern Rache nehme. Doch der weise Heiler dachte nicht daran, Zauberkräfte walten zu lassen. Er forderte den Fischer auf, nach Hause zu seiner Familie zu gehen: "Was du getan hast, liegt hinter dir, was du erlitten hast, macht dich nicht aus.
Ich übernehme deine Rache, ich befreie dich von ihr, hier und jetzt. Im Gegenzug versprichst du mir, dass du wieder der Mann wirst, der du immer gewesen wärst, wenn sich nicht alles gegen dich verschworen hätte." Fatalerweise versteht der Fischer die subtile Botschaft nicht. "Die Heiler sind unsere Kollegen", lautete einst die Devise der afrikanischen Psychoanalyse (
mehr hier), Hemley Boum verweist nur ganz sacht auf die Schule von Dakar und ihre
Ethnopsychoanalyse, die einst das traditionelle Wissen mit dem Freudschen Denken verbinden wollte.
Hemley Boum wandelt in ihrem Roman wie in einem Blues von Dina Bell zwischen Tragik und Poesie, Trauer und Melancholie. Die moderne Schreibschule würde ihr vielleicht vorwerfen, dass sie zu viel behauptet und zu wenig anschaulich macht. Aber ihr Roman ist so vielschichtig und ambitioniert, dass man über manche erzählerische Schwäche hinwegblickt. Und auch wenn sie Kameruns verlorene Welten viel zu schön zeichnet, so blickt sie sehr klarsichtig auf die Not eines Mannes, der seinem Land, seiner Familie und seinem Leben zu entfliehen versucht und dabei entsetzlich scheitert. Nicht alles ist politisch, manches ist auch privat. Es ist gerade das Intime in Zacharys Schicksal, das berührt. Das
märchenhaft versöhnliche Ende muss man ihm einfach gönnen.
Hemley Boum: "Wind der uns heimträgt". Roman. Aus dem Französischen von Gudrun und Otto Honke. Peter Hammer Verlag, 320 Seiten, gebunden, 26 Euro (bestellen)