Kaum ein Protagonist der Umbruchszeit 1989/90 polarisiert bis heute so wie Wolfgang Schnur. Als Anwalt arbeitet Schnur (geb. 1944) in der DDR als Rechtsbeistand für Bürgerrechtler und Wehrdienstverweigerer. Nicht wenige sehen den Mitbegründer und Vorsitzenden des Demokratischen Aufbruchs als kommenden Wahlsieger bei den Volkskammerwahlen im März 1990 und damit als künftigen DDR-Ministerpräsidenten. Doch kurz vor der Wahl wird bekannt, dass Schnur seit den 1960er Jahren für die Stasi tätig war. Es beginnt ein langer Absturz mit dem Entzug der Anwaltszulassung 1993 und diversen Verurteilungen. Alexander Kobylinski, einst selbst Mandant von Schnur, folgt dessen Lebenslauf von der Jugend im Nachkriegsdeutschland, der Ausbildung zum Rechtsanwalt, seiner Anwerbung durch das MfS und der Tätigkeit als Spitzel bis zur Enttarnung 1990.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2015
Henning Köhler scheint nicht ganz zufrieden mit Alexander Kobylinskis unter reißerischer Flagge segelndem Buch. Dass der Autor den MfS-Agenten Wolfgang Schnur persönlich kannte, macht die Sache für ihn eher fragwürdiger, so umfangreich das Material aus MfS-Akten auch ist, es ist auch einseitig, meint er. Darüber hinaus behagt ihm die Zitierweise nicht. Der Grund, warum ihm der Band dennoch interessiert, sind die gewährten Einblicke in das politische System der DDR, auch wenn Schnurs Existenz und sein Verhältnis zu Angela Merkel und ihrem Vater Horst Kasner für ihn letztlich rätselhaft bleiben.
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