Art bitraire
Die Kunst der Willkür

Friedenauer Presse, Berlin 2024
ISBN
9783751880275
Kartoniert, 106 Seiten, 20,00
EUR
Klappentext
Herausgegeben und aus dem Französischen übersetzt von Franziska Humphreys. André Gide hatte sich vorgenommen, die Revolution, die Mallarmé auf dem Gebiet der Poesie ausgerufen hatte, für den Roman zu vollziehen. Die Suche nach dem einzigen, absoluten Roman führte aber ironischerweise zum Zersplittern des Genres in eine Vielzahl "kleiner Literaturen". "Die Gräfin" und "Die WillKür", beide von Gide als Sotie bezeichnet, sind nicht nur spielerische Fingerübungen, sondern zugleich humorvolle Kommentare zu Geschichte und Theorie der literarischen Gattungen. Ergänzt werden sie von dem Text "Die unermüdliche Marquise", in dem Éric Chevillard den poetologischen Gehalt der Sotien in den Kontext der Erneuerung des Romans stellt. Ausgangs- und Endpunkt dieser nun erstmals auf Deutsch zugänglichen Texte ist ein Geheimnis, das zwischen den Worten und in den Auslassungen, in Körperhaltung, Tonfall und Gestik der Figuren ungreifbar beharrt und Gides eigener Erfahrung entspringt. Die Zusammenstellung dieser Sotien in einem Band erzeugt dabei eine absurde Echokammer, in der wiederkehrende Motive und Phrasen aufeinander antworten: Launenhafte Grafen und exzentrische Gräfinnen, verstörte Kinder und todgeweihte Papageien ziehen kaleidoskopartig an den Lesenden vorbei und setzen mit all ihrer Umtriebigkeit das Treiben der Sprache selbst ins Werk.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 17.12.2024
Rezensent Marko Martin ist voll überschwänglicher Freude angesichts dieser beiden für ihn recht überraschenden Texte von André Gide und des aufschlussreichen Kommentars der Übersetzerin Franziska Humphreys. Dass der Meister neben seinen großen Werken Zeit und Kraft für diese eher volkstümlichen, doch vor Sprachwitz sprühenden kleinen Burlesken hatte, findet Martin erstaunlich. Nicht weniger überrascht zeigt er sich von Gides analytischer Spannkraft in den beiden Texten über einen lasziven Adel. Wie Realismus und Fantasma, kausale und poetische Logik hier miteinander wetteifern, erscheint dem Rezensenten höchst faszinierend.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.10.2024
Der Schlüssel zu diesem Buch ist das Nachwort, erkennt Rezensent Jürgen Kaube. Zunächst jedoch enthält es zwei kurze, zusammen 17 Seiten lange Prosatexte André Gides, in einem geht es um eine Gräfin, die vielleicht verheiratet, vielleicht verwitwet ist und mit gleich zwei anderen Männern flirtet, im zweiten möchte ein Graf erst nicht verreisen und dann doch, außerdem ist das Dienstmädchen schwanger. Von ihm. Nach einem gleichfalls ziemlich sonderbaren Text Éric Chevillards über Gide folgt dann das erwähnte Nachwort von Franziska Humphreys, das dem Rezensenten Gides Leben und Werk auf wunderbare Weise aufschließt. Von Humphreys, die auch den Rest des Buches übersetzt hat, lernt der Kritiker, wie bei Gide, einem Homosexuellen, der verheiratet war und ein Kind zeugte, mit zwei verschiedenen Frauen, das Spielerische und Frivole immer auch ernst ist. Gerade in der Beweglichkeit seiner Prosa finde Gide seine Identität. Wer selbst Spaß an derartigen künstlerischen und erotischen Spielen hat, wird mit diesem Buch, vor allem dank Humphreys, glücklich werden, prophezeit der Rezensent.