Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Zorniger hat Andrzej Stasiuk nie über Polen und den Westen geschrieben als nach seiner jüngsten Reise durch Südosteuropa. Zurück aus den Ländern mit ausgeprägter Persönlichkeit , wo Minarette neben Minen- und Gräberfeldern stehen, stößt er sich an obszönen Widersprüchen im eigenen Land: Nach Märtyrertum dürsten, aber zwischen zwanzig Chipssorten und erschwinglichen Tunesien-Angeboten wählen - wie passt das zusammen? Sieht Polen nicht längst aus wie ein zurückgebliebenes Deutschland? Bleibt der Südosten deshalb ein nie einzuholendes Ziel, weil den Reisenden dort eine Realität anspringt, die zu Hause verdrängt oder neutralisiert ist? Reisebilder und Reflexionen, Rhapsodie und Pamphlet - Andrzej Stasiuk radikalisiert in seinem neuen großen Prosatext seine Kunst des scharfen Blicks und der pointierten Poesie.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 09.02.2013
Judith Leister weiß Andrzej Stasiuks Prosaskizzen über seine Reisen durch Ostmitteleuropa zu schätzen. Sie sieht in den Arbeiten des polnischen Autors ein Lebensprojekt, eine große "literarische Bestandsaufnahme". Auch "Tagebuch, danach geschrieben", das die Eindrücke einer Reise auf den Balkan festhält, um in einer wütenden Abrechnung mit dem heimatlichen Polen zu münden, bezeugt für sie einmal mehr Stasiuks scharfen, mitunter polemischen Blick. Sie hebt besonders dessen kritische Auseinandersetzung mit nationalen Mythen in ihren diversen Maskeraden und ihren negativen Folgen in den verschiedenen Ländern Ex-Jugoslawiens hervor. Geradezu "mitreißend" findet Leister Stasiuks Polemik gegen sein Heimatland Polen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 05.11.2012
Karl-Markus Gauß schätzt diesen Autor für seine Fähigkeit, die Verbindungen zwischen Roman und Reportage immer wieder fruchtbar zu machen. So auch in diesem Tagebuch, das Andrzej Stasiuk in drei Kapiteln, oder auch drei Romanen beziehungsweise drei Reportagen, wie Gauß hinzufügt, durch Albanien, durch Überlegungen zum Reisen durch den Südosten Europas und Gedanken zu seiner Heimat Polen führt. Verbunden sieht der Rezensent die drei Teile durch den berühmten Stasiuk-Sound, durch die Gefühle, Wahrnehmungen und Ängste des Autors sowie durch die damit einhergehende Anschaulichkeit der geschilderten Menschen, Orte und Begebenheiten. Was den Band für Gauß aber über alles bisher vom Autor Erschienene hinaushebt, ist eine Genauigkeit der Beobachtung und eine Bitterkeit des Urteils, die Gauß von Stasiuk so noch nicht kannte.
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