Aus dem Englischen von Stephan Gebauer. Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist die alte mitteleuropäische Angst zurück: Opfer der Großmächte zu werden. Anders als in Deutschland, von dessen Boden zwei Weltkriege ausgegangen sind, gab es in Warschau, Tallinn und anderswo kein Zögern. Nur wer selbst angegriffen und, wie Polen, sogar einmal ganz von der Landkarte getilgt wurde, versteht, dass militärische Selbstverteidigung gerechtfertigt ist. In ihrem Essay beschreiben Karolina Wigura, Ideenhistorikerin, und Jarosław Kuisz, Politikwissenschaftler, wie der heutige Krieg historische Traumata reaktiviert; warum Warschau eine Führungsrolle in der europäischen Verteidigungspolitik übernimmt, obwohl die Regierungspartei PiS die EU als Bedrohung der eigenen Souveränität beschwört.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 22.01.2024
Jaroslaw Kuisz und Karolina Wigura beschäftigen sich in ihrem Essay mit dem besonderen Wert, den nationale Souveränität für Polen hat, so Rezensent Ulrich M. Schmid. Zurückzuführen sei dieser Wert auf die wiederholten Kämpfe um eben diese Souveränität in der Geschichte. Das daraus entstandene Trauma führt, fasst Schmid die Argumentation zusammen, zu einer Betonung des Problems der staatlichen Eigenständigkeit, die im restlichen Europa lange auf Unverständnis stieß - seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine allerdings nähert sich Resteuropa in dieser Hinsicht Polen an. Die rechtskonservative Partei PiS, die lange große Erfolge feierte und sich Orbans Ungarn zum Vorbild nimmt, profitiert von dieser Dynamik, erläutert Schmid mit Kuisz und Wigura, wobei freilich auch andere Gruppierungen, etwa die Gewerkschaft Solidarnosc, in derselben Tradition stehen.
Rezensent Jens Uthoff schätzt Jarosław Kuisz' und Karolina Wiguras Umgang mit dem Begriff des Traumas in ihrem Essayband über die Beziehung zwischen West- und Ostmitteleuropa. Denn dass viele ostmitteleuropäische Staaten eine ganze Reihe an historischen Traumata durchlebt haben - der Kritiker nennt hier abseits der Ukraine etwa die Teilung Polens 1795 und den Molotow-Ribbentrop-Pakt 1939 als Beispiele -, stehe außer Frage. Auch ließen sich anhand des Begriffs viele Missverständnisse bzw. Fehleinschätzungen Westeuropas gegenüber Ostmitteleuropa aufzeigen, lobt Uthoff, wie zum Beispiel ein mangelndes Verständnis der Kriegsangst dieser Staaten, oder, im Falle des Krieges in der Ukraine, ein Festhalten an Friedensverhandlungen mit Russland. Gleichzeitig aber, und das hält Uthoff für wichtig, zeigen Kuisz und Wigura auch ein großes Bewusstsein für die Gefahren des Begriffs, der zu "Beliebigkeit" oder "Opferkonkurrenz" führen könne. Mit dieser Klammer versehen wirken die Texte auf den Kritiker reflektiert und "erhellend".
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