Das Tableau ist ein interdisziplinäres Projekt, das in der gegenseitigen Ergänzung und Durchdringung von früher Naturwissenschaft, enzyklopädischer Wissensaufbereitung und Malerei im Zuge der sammelnd-inventarisierenden Bestrebungen seit der Frühen Neuzeit entsteht. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts nuancieren und dynamisieren sich die Sichtweisen. Foucault hat die damit verbundenen epistemologischen Probleme untersucht; dieses Buch führt seinen Ansatz fort und überträgt ihn auf die Literaturwissenschaft. Während das literarische Gesellschaftstableau in Frankreich schon am Ende des 18. Jahrhunderts an der städtischen Vielfalt und Mobilität scheitert, entstehen in Deutschland bei Goethe und unter seinem Einfluss auch in der Wissenschaftsprosa Tableaus der Natur- und Kulturgeschichte. Mit A. von Humboldts Kosmos wird dieser Ansatz mit großer Anstrengung noch einmal vorgetragen, scheitert aber an der nunmehr erreichten Komplexität des Wissens. Dennoch wirkt das literarische Tableau sowohl als beschränkte, szenische Verdichtung wie auch als umfassendere Programmatik des Realismus und Naturalismus im 19. Jahrhundert weiter.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.04.2005
Bettina Heyl lobt Annette Graczyks Studie über "Das literarische Tableau zwischen Kunst und Wissenschaft" als "schön" und "klug" zugleich, zumindest in seinen stärkeren passagen. Leider zerfasere Graczyks Diskurs an den Rändern, bemängelt die Rezensentin, was sich leider auch auf ihre Besprechung auswirkt. Da tauchen Michel Foucault auf und Goethe, Denis Diderot, Alexander von Humboldt und Carl Gustav Carus. Auf fünf Autoren aus Deutschland und Frankreich konzentriere sich Graczyk in ihrer Untersuchung, heißt es am Ende. Sind die Genannten dabei? Wir erfahren es nicht. Was wir erfahren, ist aber, dass Graczyk "kenntnisreich" schreibt und "mit Liebe zum Detail". Und dass der Erfolg des literarischen Tableaus zurückgeht auf eine "epochale Verzeitlichung der Wahrnehmung". Offensichtlich hält die Rezensentin sich an ihre eigene Erkenntnis: "Kunst sollte mehr sein als bloß ordentlich."
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