"Liebe als Roman" untersucht die Evolutionsgeschichte des modernen Romans. Vor allem die frühe Sensationspresse der 'Newen Zeytungen' erweist sich als Selektionsvorteil: ihre müßigen Leser haben auf Texte, die auf Neugier, Unterhaltung, Spannung, Überraschung und Abwechslung setzen, geradezu gewartet. Die Lektüren der Studie verfolgen die Koevolution der Gattung (von Schnabel bis Schlegel), ihrer Poetologie (von Huet bis Hegel), ihres Motivs (von der galanten zur romantischen Liebe) und seiner Medien (von der Newen Zeytung zum Journal) im europäischen Kontext.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2003
Rezensent Wolfgang Neuber hat einige Einwände gegen Niels Werbers systemtheoretische Romangeschichte, die er, terminologisch hochgerüstet und hochabstrakt, eingehend darlegt. Schon dass Werber die Geschichte der Gattung in einen "vorläufigen" und einen "modernen" Teil unterteilt und somit den Roman im 17. Jahrhundert als neue Gattung versteht, erscheint Neuber fragwürdig - schließlich sei Roman schon seit dem Mittelalter fester Bestandteil der Literaturtradition gewesen. So untersuche Werber im "Vorlauf"-Teil seiner Arbeit die Kommunikationsformen der Gattung am Beispiel der "Newe Zeytung", verfolge das Thema Liebe als Strukturprinzip des Romans aber erst ab dem 18. Jahrhundert. Überzeugend findet Neuber Werbers Arbeit immer dann, wenn er innerhalb des Sinnhorizonts der Systemtheorie argumentieren kann. Seine Interpretationen von Gellerts "Schwedischer Gräfin von G***", von Goethes "Werther", von La Roches "Geschichte des Fräuleins von Sternheim" u.a. lobt Neuber als "fulminant und eindrucksvoll". Werber belege hier, "wie die intime Paarbeziehung immer stärker zum Residualbereich des Individuums hochgeschrieben wird, während der Mensch sich ansonsten von seinem gesellschaftlichen Umfeld zunehmend in divergierenden Funktionsansprüchen zerstückt findet."
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