Im Dezember 1912 wurde in Ägypten die etwa 3300 Jahre alte Büste der Nofretete von dem deutschen Archäologen Ludwig Borchardt ausgegraben. 1913 kam sie nach Berlin. Derzeit ist das Porträt der Ehefrau des Pharaos Echnaton die Hauptattraktion im Berliner Neuen Museum. Die Rückgabe der Nofretete an Ägypten wird seit 1925 regelmäßig gefordert, zuletzt mit zunehmendem Druck durch Zahi Hawass, den Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung in Kairo. Nun bringt ein vor zwei Jahren in Paris neu entdecktes Aktenkonvolut überraschende Erkenntnisse zutage: Der bis heute andauernde Streit ist eine Folge der deutsch-französischen Feindschaft im und nach dem Ersten Weltkrieg.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 24.01.2012
Kulturgeschichtlich, wie die Autorin dieses Buches dem Rezensenten auseinandersetzt, hat sich unsere Liebe zum bunten Nofretete-Kopf über die Begeisterung fürs Exotische und den Kubismus entwickelt. Aber ist der Besitz der Büste deswegen schon moralisch legitimiert? Keine Antwort erhält Rezensent Joachim Günther von der Kunsthistorikerin Benedicte Savoy auf diese Frage. Dafür jede Menge Erhellendes zum Ursprung des Nofretete-Streits zwischen Ägypten und Berlin aus den Archiven. Dass die Franzosen eigentlich Schuld sind an diesen Auseinandersetzungen, hätte der Rezensent nicht gedacht. Die Autorin legt es ihm nahe, indem sie erst die eigentlich laxe Handhabung der Ausgrabungen und Aufteilung der Funde, die den Franzosen oblag, rekonstruiert, um sodann die Gräben zwischen Deutschland und Frankreich, die der Erste Weltkrieg aufriss, begleitet von Zitaten und Akteneinsichten als Erklärung heranzuziehen. Auf einmal wurde Deutschland gehasst und moralische Zweifel an Nofretete in Berlin wurden laut.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2011
Sehr spannend liest sich, was Dieter Bartetzko als Geschichte der Nofretete-Büste und der Ansprüche, die auf sie erhoben werden, aus dem Buch nacherzählt. Der Fund, zu dem die Büste gehörte, musste seinerzeit zwischen deutschen und britischen Archäologen geteilt werden, und zwar auf Weisung der französischen Denkmalsbehörde, die offenbar treuhänderisch für die Ägypter die Grabungen überwachte und Fundstücke zuwies. Diese Zuweisungen waren damals äußerst großzügig, auch weil ein neues Bewässerungssystem viele Altertümer zu zerstören drohte. Später gab es unendlichen Streit um den "bunten Kopf einer Prinzessin", der wohl nicht gleich als Ikone erkannt wurde, erzäht Bartetzko. Die französische Autorin, so Bartetzko, sympathisiere mit der Forderung nach Rückgabe. Schon angesichts des bislang höchst unseriösen Umgangs der Ägypter mit ihren Altertümern mag der Rezensent ihr allerdings nicht folgen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.08.2011
Joseph Hanimann zeigt sich angetan von Benedicte Savoys Buch über die Ursprünge des Streits um die Berliner Nofretete-Büste. Das Werk bietet seines Erachtens eine hervorragende Einführung in die Lage der damaligen Ägypten-Forschung. Die Kunsthistorikerin liefert für ihn Details zur Grabungspraxis und zeigt, wie der "Kopf einer Prinzessin" zu einem begehrten Meisterwerk mutierte. Vor allem gelingt es der Autorin in seinen Augen, den deutsch-französischen Hintergrund der Ausgrabungen anhand von Originaldokumenten zu erhellen und damit die heutige deutsch-ägyptische Auseinandersetzung um dieses 1913 nach Berlin ausgeführte Fundstück verständlich zu machen. "Spannender als einen Krimi" findet Hanimann dies.
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