Scheppernde Sounds, lautes Benehmen und schrille Mode: Das Vokabular, mit dem Zeitgenossen Mitte des 20. Jahrhunderts eine neue Jugendszene beschrieben, markiert einen Kulturbruch. Ästhetische Konflikte kulminierten in Straßenkrawallen, Polizeimaßnahmen und Zensurgesetzen. Zugleich etablierten Tourneen, Piratensender und Fanclubs grenzüberschreitend neue Inhalte. Bodo Mrozek analysiert einen Wandel, der sich in den 1950er und 1960er Jahren vollzog und die Gesellschaft prägte: Was zunächst als Jugenddelinquenz bekämpft wurde, galt zehn Jahre später als Inbegriff urbaner Kultur. Dokumente aus sechs Staaten bilden das Material dieser transnationalen Geschichte der Popkultur.
Man muss nur auf die Kulturkritik der Vergangenheit zurückblicken, um die Erregungen der Gegenwart ein bisschen zu relativieren, denkt man, wenn man Jens Balzers Kritik zu diesem voluminösen Band liest. Panisch hätte die Honoratiorengeneration zwischen 1956 und 66 auf Pop reagiert: Deuteten die kreischenden Mädchen bei den Beatles-Konzerten nicht darauf hin, dass Frauen in aller Öffentlichkeit einen Orgasmus hatten? Pop sollte verboten werden und konstituierte sich zum Teil gerade durch diese Verbote, und zwar als internationales Phänomen, so der Popkritiker Balzer, der Bodo Mrozeks "glänzende" Studie mit großen Interesse verschlungen hat: Materialreich sei sie, dabei aber kurzweilig geschrieben. Für Balzer öffnet der Band neue Perspektiven auf einen "kulturellen Bruch", der bis heute fortwirkt, auch wenn das Phänomen Pop inzwischen selbst historisch geworden sei.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.04.2019
Steffen Martus lernt die schöne Dialektik der Weltgeschichte am Beispiel des Pop kennen in Bodo Mrozeks Geschichte der Popkultur. Dass es sich beim Pop um eine Integrationsleistung erster Garde handelt, bei der Polizei, Sozialarbeiter, Medien und natürlich die krawallige Jugend selbst mitmischten, erklärt Mrozek dem Rezensenten anhand von mit Lust zitierten Presseartikeln, Polizeiakten, Forschungsergebnissen und weiteren diskursgeschichtlichen Details. Besonders stark ist der Autor laut Martus auf seinem Spezialgebiet der Popgeschichte. Und wie Mrozek dem Phänomen methodenpluralistisch mit Sound Studies, Körper- und Emotionsforschung, Konsum- und Modesgeschichte zu Leibe rückt, findet Martus imposant.
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