Wüsten, Trockengebiete und Steppen der Erde breiten sich aus, jedes Jahr um eine Fläche, die ungefähr der Größe Deutschlands entspricht. Die fortschreitende Wüstenbildung führt zur Flucht der ansässigen Bevölkerung, zum Teil mit spürbaren Auswirkungen auf das Leben in Europa. Auch sonst erzwingt Wüste als Landschaft und Schauplatz historischer Entwicklungen immer stärker unsere Teilnahme. Das Buch des Schriftstellers Chaim Noll hält anhand literarischer Texte von der Entstehung der Schrift bis zur Gegenwart Themen und Leitmotive einer Urlandschaft des Menschen überblicksartig fest. Viele der alten Hochkulturen entstanden, wo Wüste auf besiedelbares Land trifft. Als zentrales Motiv erweist sich die Widersprüchlichkeit der Wüste: Sie steht zugleich für Dürre und Aufblühen ,für Mangel an Wasser und Überfülle an Sonne, für Niedergang und Erneuerung, für deprimierende Einförmigkeit und spirituellen Höhenflug, für Tod und Leben, Gut und Böse, Realität und Mythos.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.07.2020
Sehr angetan ist Rezensent Jakob Hessing von dieser ungewöhnlichen Literaturgeschichte, die eine Landschaft als Ursprung von Literatur vorstellt. Dass die Grundbücher dreier Religionen - Thora, Neues Testament und Koran - aus der Wüste stammen, wie er bei Chaim Noll lernt, scheint ihn wenig überrascht zu haben. Die kleine Schulung in Etymologie hat ihn umso mehr entzückt - das Wort "Scharia" als "Weg zur Tränke" ebenso wie das lateinische Wort "eremeus" für die Wüste, in die der sich von den Menschen absondernde "Eremit" geht. Nolls literarische Funde gehen aber weit darüber hinaus, berichtet Hessing, und verweist auf Kapitel über Flauberts "Heiligen Antonius" und Thomas Manns "Joseph und seine Brüder". Dies alles, so ein nachdenklich gestimmter und oft überraschter Rezensent, ist "mit großem Gewinn" zu lesen.
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