Christine Lavant

Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus

Cover: Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus
Otto Müller Verlag, Salzburg 2001
ISBN 9783701310319
Gebunden, 160 Seiten, 15,08 EUR

Klappentext

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Annette Steinsieck und Ursula A. Schneider. 55 Jahre nach ihrer Entstehung wurden Christine Lavants "Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus", von denen man bislang nur aus Briefen wusste, endlich wiedergefunden. Es ist eine gleichermaßen literarische wie psychologisch genaue Studie eines freiwilligen Aufenthalts in einer "Irren-Anstalt". In Bildern, denen man sich nicht entziehen kann, schildert die Ich-Erzählerin Bewusstseins- und Unterbewusstseinszustände von Insassinnen, Personal, Besuchern und sich selbst.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.08.2002

Ein "hochinteressantes Stück Literatur" ist mit diesen Aufzeichnungen der ebenso bedeutenden wie unbekannten österreichischen Dichterin nach Ansicht von Rezensentin Sabine Franke der Vergessenheit entrissen worden, ein Text, an dessen Existenz bis vor kurzem niemand mehr geglaubt habe. Die 1946 entstandenen Aufzeichnungen gehen, den Informationen der Rezensentin zufolge, auf einen 1935 tatsächlich erfolgten sechswöchigen Aufenthalt der jungen Frau in der "Landes-Irrenanstalt" nach einem Selbstmordversuch zurück. Mit scharfer Beobachtungsgabe und unprätentiöser Klarheit habe die Patientin diesen Aufenthalt schriftlich festgehalten: Konstellationen innerhalb der Patientenhierarchie und eigene Gefühle. Das Leben selbst findet die Rezensentin als "unseriöses Spiel Gottes" beschrieben. Franke hebt auch das materialreiche Nachwort und den Kommentar der Herausgeberinnen hervor, die sich bemühten, den Text "autobiografisch zu verorten". Dabei hätte die Rezensentin gern auch Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge als Vorläufertext erwähnt gesehen. Auch ärgert sie sich über den "optisch nicht gerade ansprechenden Riesensatz", mit dem der Verlag das ursprünglich 37 Seiten zählende Manuskript auf 112 Seiten gestreckt hat.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.05.2002

"Christine Lavant sei besser als" Ingeborg Bachmann, zitiert Rezensent Hans-Peter Kunisch den Dichter Thomas Kling aus seinem "eitlen Ingeborg-Bachmann-Hass-Aufsatz", den er anlässlich des 25. Todestages der Schriftstellerin vor einigen Monaten veröffentlicht hatte. Recht hat er, denkt der Rezensent, der sowohl von der Lyrik als auch von der Prosa tief beeindruckt ist, die die 1915 im Kärntner Lavant-Tal geborenen Christine Thonhäuser, die sich nach ihrem Herkunftsort nannte, hinterlassen hat. Mit 20 Jahren unternahm die Schriftstellerin einen Selbstmordversuch und ließ sich für einige Wochen in die Psychiatrie einweisen. Ihre Aufzeichnungen dieser Zeit, berichtet Kunisch, sind nach Lavants eigenen Angaben erst 1946 entstanden. Nun sind sie aus dem Nachlass ihrer Londoner Übersetzerin Nora Purtscher-Wydenbruck veröffentlicht worden. Das Buch liest sich, meint Kunisch, "wie ein Spionageroman über Irre". Ohne "dick aufzutragen" habe Lavant eine "Erkundungsreise mit ungewissen Ausgang" unternommen, geschrieben "aus der Sicht eines hyperempfindlichen Ichs". Einzig das Ende dieser "außergewöhnlichen" Aufzeichnungen dieses "weiblichen Hiob" hat den Rezensenten "enttäuscht". Denn hier wird, so Kunisch, "der Grund" für Lavants Psychiatrieaufenthalt" dann doch noch verraten.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.01.2002

Für Karl-Markus Gauß ist das Buch ein echter Fund (tatsächlich wurde das Manuskript erst kürzlich entdeckt). Wie die Ich-Erzählerin den Ort, an dem sie Heilung erhoffte, als "Vorhölle der Verdammnis" erlebt, wie sie "mit schmerzender und selbstverletzender Genauigkeit" schildert, was sie in der Anstalt sieht, hört, empfindet - das, findet Gauß, ergibt selbst für denjenigen eine beklemmende Lektüre, der sich nicht für das tragische Leben der Dichterin Christine Lavant interessiert, weil es nämlich von beidem zeugt: von der quälenden Not eines gedemütigten Menschen und von dessen trotziger Kraft, dafür eine poetische Sprache zu schaffen. Bei all dem Lob des Rezensenten erscheint es als eine beinahe überflüssige Zugabe, dass sich das Buch auch autobiografisch und "im Sinne eines Schlüsselwerkes" lesen lässt und auf reale Personen bezogen werden kann.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2001

Harald Hartung begrüßt das Erscheinen des Buches, das auf realen Erlebnissen der österreichischen Autorin in einer Irrenanstalt beruht, und er weist darauf hin, dass Christine Lavant eigentlich wollte, dass das Manuskript dieses Prosafragments vernichtet wird. Der Rezensent geht ausführlich auf die Geschichte des Manuskripts ein, das nur durch einen Zufall wiedergefunden wurde und beklagt, dass der Verlag zwei weitere Texte aus dem Nachlass, die offensichtlich mit den "Aufzeichnungen" zusammenhängen, nicht mitgedruckt hat. Hartung hält das Buch für ein "wichtiges Dokument aus dem Schaffen" Lavants, die sich später ganz der Lyrik zuwandte, und betont, dass die Autorin nicht aus künstlerischen Zweifeln heraus, sondern aus "sozialen Gründen" einer Veröffentlichung abgeneigt gewesen war.
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