Jeder kennt die Welt der Piraten als abenteuerliches Universum aus Holzbein, Säbelkampf und Totenkopfflagge. Doch nur wenige wissen, dass viele Seeräuber ihre Beute teilten, demokratische Versammlungen abhielten und entlaufene Sklaven aufnahmen. Die fortschrittlichen Gemeinschaften der Freibeuter spiegeln sich auch in Daniel Defoes 1728 erschienenem Bericht über die Piratenrepublik Libertalia wider, der hier zum ersten Mal auf Deutsch erscheint. Defoe schildert die Geschichte des abenteuerlustigen Edelmanns Misson und des desillusionierten Priesters Caraccioli, die auf Madagaskar eine auf Toleranz, Gütergleichheit und radikaler Demokratie beruhende Piratenbruderschaft gründen, um Sklaven aus der Gefangenschaft zu befreien. Während die Republik in Defoes Geschichte schließlich niedergeschlagen wird, lebt Libertalia als humanistische, herrschaftsfreie Utopie bis heute weiter.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2015
Unter dem Titel "Libertalia" ist Daniel Defoes Fiktion über eine Pirateninsel nun erstmals vollständig auf Deutsch erschienen, annonciert Rezensent Milos Vec und zeigt sich nach der Lektüre ein wenig enttäuscht. Denn der 1724 und 1728 in zwei Bänden als "Eine allgemeine Geschichte der Piraten" veröffentlichte Text kann die hohen Erwartungen, die der neue Titel suggeriert, kaum erfüllen, bedauert der Kritiker: Sprache und Erzählstil der Geschichte legen eher die Lektüre einer politisch-historischen Quelle nahe, findet Vec, der hier nur bedingtes Lesevergnügen erlebt. Zwar hat der Rezensent in diesem kollektiven Entwicklungsroman über eine freie und ungebundene Gesellschaft durchaus auch spannende Passagen gelesen, das viele Gerede der Piraten erweckt bei ihm aber doch vor allem den Eindruck einer "Quasselinsel". Auch von den verschiedenen Nachworten dieser Edition hätte sich der Kritiker mehr erwartet.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 16.06.2015
Michael Kempe sieht den eigentlichen Wert dieser deutschen Erstveröffentlichung der Daniel Defoe zugeschriebenen Erzählung über Aufstieg und Fall der Räuberdemokratie Libertalia auf Madagaskar in dem darin enthaltenen Hinweis auf das Fehlen einer historisch-kritischen Edition des Buches. Denn auch wenn er den Kommentar und die Anmerkungen des Herausgebers Helge Meves zum Entstehungskontext und zur Rezeptionsgeschichte des Textes sehr schätzt, bleibt die Frage, inwieweit es die Piratenrepublik wirklich gegeben hat oder ob die Erzählung eher radikalaufklärerischen Zwecken diente, für den Rezensenten offen.
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