Es lief schon besser für Tom Kulisch: Seine Freundin hat ihn verlassen, seine Arbeit als Übersetzer von Betriebsanleitungen treibt ihn in den Wahnsinn und die Nächte werden immer länger - als er eines Morgens Zeuge eines tödlichen Unfalls wird. Eine Verwechslung katapultiert ihn in ein anderes Leben und er läuft Gefahr, sich darin zu verlieren.
Als Tom Kulisch von der Notärztin für den Bruder des Unfallopfers gehalten wird, beginnt für ihn ein anderes Leben. Er staunt, wie leicht es ihm fällt, in die Identität des gleichaltrigen Ion zu schlüpfen. Er lebt in dessen schicker Prager Altstadtwohnung und selbst enge Freunde verwechseln ihn.
Nur Mascha, Ions Geliebte, lässt sich nicht täuschen. Denn Ion hatte noch ein paar Rechnungen offen: Anscheinend ging er nicht nur leichtfertig mit Frauen um, sondern auch mit Geld und Versprechungen. Doch für einen Rückzieher ist es zu spät, denn keiner glaubt ihm mehr, wenn er behauptet: Ich bin Tom Kulisch.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 13.07.2016
In Folge eines schicksalhaften Irrtums nimmt der Protagonist in Daniel Goetschs Roman "Ein Niemand" die Identität eines anderen an und lastet sich damit, ohne sich bewusst für irgendetwas entschieden zu haben, dessen Probleme und Geheimnisse auf, verrät Rezensentin Beatrice Eichmann-Leutenegger. Zunächst scheint ihn das nicht zu stören, hatte sein eigenes Leben doch sowieso nie und seit dem Suizid seiner Freundin erst recht nicht viel zu bieten gehabt, lesen wir. Doch bald erscheint es immer verlockender, ein zweites Mal zum "Niemand" zu werden. Eichmann-Leutenegger lässt sich gespannt in das Labyrinth falscher und wechselnder Identitäten führen, ihre Sinne von der geheimnisvollen Mischung aus Lügen und Wahrheiten benebeln und von einem gewandt geschriebenen Roman, seiner komplexen Handlung und einigen interessanten Diskursen begeistern.
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