Frau Schmidt "geht Aldi", Paul "muss Training" und die Freunde "sind am Abend Kino". Leute jeden Alters und aus allen Schichten reden so - keineswegs nur coole Jugendliche, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Was die Soziolinguistin Diana Marossek "Kurzdeutsch" nennt, zeichnet sich vor allem durch einen Hang zur Verknappung aus, dem nicht bloß Präpositionen zum Opfer fallen. Marossek zeigt ungeahnte Parallelen zwischen dem sogenannten Türkendeutsch und älteren deutschen Sprachgewohnheiten auf, sie lernt, was eine rituelle Beschimpfung ist und dass viele von uns "codeswitchen", ohne es zu merken. Müssen wir uns deshalb Sorgen um die deutsche Sprache machen? Nein, sie ist quicklebendig, und die Beschäftigung mit ihr macht großen Spaß.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.04.2016
Über Kiezdeutsch hat Rezensent Wolfgang Krischke in den letzten Jahren schon so einiges gelesen, insofern entnimmt der Kritiker Diana Marosseks Studie bezüglich der grammatischen, lautlichen und sozialen Merkmale wenig Neues. Dennoch liest er Marosseks "locker" plaudernd vorgetragene Schilderungen mit Interesse, denn im Gegensatz zu anderen Publikationen untersucht die Autorin auch deren Auswirkungen auf die deutsche Umgangssprache. Während der Lektüre beschleichen den Kritiker allerdings Zweifel an der Haltbarkeit von Marosseks These: Beispiele für präpositionslose Formen - etwa "Ich geh Arzt" - nennt die Autorin in Folge ihrer ausführlichen Recherche an Berliner Schulen unterschiedlicher Milieus zwar viele. Dass diese Formen bereits beim Durchschnittsbürger angekommen sind, beruht laut Krischke jedoch nur auf Prognosen der Autorin. Darüber hinaus vermisst er neben Marosseks Betonung der Innovationskraft des Kiezdeutsch kritische Einschätzungen, etwa zu rituellen Beschimpfungen wie "Kartoffelfresse" oder "Dönerknecht".
Das artikellose, grammatisch verknappte Kurzdeutsch, schreibt Matthias Heine, ist nach Meinung der Linguistin Diana Marossek längst von einer rein migrantischen Klientel in die allgemeine Umgangssprache übergegangen - es gelte nicht mehr als Ausdruck geringer Bildung, sondern vielmehr von Coolness. Der Rezensent hat da so seine Zweifel, sogar "manchmal das Gefühl, auf einem anderen Planeten zu leben", denn in seiner eigenen Umgebung spreche niemand so. Auch die liberale Einstellung Marosseks teilt er nicht: Ihn stimmt die sprachliche Verknappung eher traurig, er ängstigt sich um Zukunft und Aufstiegschancen der Kurzdeutsch-Sprecher. Heine unterstellt der Autorin eine verklärende Haltung, die er aus der Linguistik zu kennen meint. Er selbst wittert stattdessen eine "ungeheuerliche Verschwendung" von Intelligenz, wenn Jugendliche kein Standarddeutsch mehr lernen.
Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…