Kuhlbrodtbuch

Verbrecher Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783957325976
Gebunden, 280 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Dietrich Kuhlbrodt ist Oberstaatsanwalt a. D., Filmkritiker, Schauspieler. In seiner Erinnerung nimmt er uns mit in ein Gerichtsverfahren wegen der Ermordung von über 1000 psychisch kranken Menschen im Nationalsozialismus, der sogenannten Euthanasie, das er führte. Er ringt ebenso um die Kunstfreiheit, führt uns an schillernde Drehorte avantgardistischer Filme, erinnert sich an seine Zeit als Hitlerjunge sowie an lustige Interviewsituationen und leitet über zu größenwahnsinnigen Plänen über die neue Nomenklatura, die am Volksbühnen-Tresen geschmiedet werden, wo es nichts mehr gibt außer Rum. Kuhlbrodt ist nonkonform und integer, als leitender Jurist in der Naziverfolgung ist er genauso konsequent wie als Figur "Opa 16" in einem Punkrave-Kollektiv.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 18.07.2025
Rezensent Ulrich Rüdenauer freut sich über die aktualisierte Neuauflage von Dietrich Kuhlbrodts erstmals 2002 erschienenen Memoiren eines Nonkonformisten. Auch als Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik funktioniert der Band des Nazijägers und Filmkritikers Kuhlbrodt laut Rüdenauer gut, auch wenn es darin manchmal etwas chaotisch zugeht, mündlich, improvisiert, wie der Rezensent feststellt. Von den Trümmerlandschaften Nachkriegsdeutschlands geht es in die 60er und weiter zu Schlingensiefs Chance 2000, wo der Autor auch mitmischte. Höhere Schwurbelei, Quasselstunde, genial dilettantische Zurschaustellung eigenen Freaktums als Befreiung aus der Nazischeiße der Eltern, so umschreibt Rüdenauer den Band abschließend, und das ist natürlich nicht abwertend gemeint.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 16.07.2025
Ein "auf anregende Weise zerhacktes" Memoir, das sich mit Lust der Formlosigkeit verschreibt, findet Rezensent Ulrich Rüdenauer in den Aufzeichnungen von Dietrich Kuhlbrodt vor, die der Verlag nach dreizehn Jahren noch einmal neu herausgegeben und um ein aktuelles Kapitel, ein Interview mit dem Verleger Jörg Sundermeier, ergänzt hat. Dietrich Kuhlbrodt, einst Oberstaatsanwalt und Nazijäger, später Filmkritiker, Performer und Provokateur, inszeniert sich darin als rastloser Nonkonformist, dessen Leben keine geradlinige Erzählung zulässt. Statt eines klassischen Rückblicks bietet das Buch eine "schnoddrige Quasselstunde", in der Erinnerungsfetzen, Anekdoten und Reflexionen auf assoziative Weise ineinanderfließen. Wie ein "betrunkener Regisseur" montiere Kuhlbrodt "Erinnerungsstreifen und Geschichtsrequisiten" zu einem wilden, widersprüchlichen Lebensbild. Diese "höhere Schwurbelei" sei zwar mitunter anstrengend in ihrer "Zurschaustellung des eigenen Freaktums", aber eben auch faszinierend in ihrer Konsequenz, so Rüdenauer. Das Ergebnis sei eine eigenwillige, mal nervige, mal geniale Selbstvergegenwärtigung, die an Filme von Christoph Schlingensief erinnere - voller Brüche, Überraschungen und subversivem Witz.