Schnall dich an, es geht los
Roman

Kanon Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783985681266
Gebunden, 352 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Früher begann in Jeetzenbeck die Freiheit. Der Ort in der Altmark war die erste Station auf der Reise in die weite Welt: nach Amerika. Doch heute kommt niemand so leicht von hier weg. Die Zugverbindung nach Altenwedel soll eingestellt werden, und die Einfamilienhäuser am Ortsrand verfallen. Die guten Zeiten, wenn es sie denn jemals gab, sind vorbei. Wie die des 1. FC Magdeburg. Doch Marcel, der als Drehspießverkäufer am Bahnhof arbeitet, will nicht aufhören zu träumen. Von Steffi, seiner großen Liebe, von einer heilen Familie, von einem besseren Leben im Takt der Tanzmusik. Bekommen hat er stattdessen einen besten Freund, der säuft, einen Vater, der nie und nimmer in Amerika war, und eine Schwester, die gegen die Friedhofsmauer gerast ist. Doch warum ist Vanessa noch immer tot, und was hat Steffi damit zu tun, die eines Tages wieder vor Marcel steht: mit ihren roten Haaren, ihrer Traurigkeit und ihrem unergründlichen Lächeln.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 13.11.2024
Rezensentin Corneila Geißler hat mit spürbarem Interesse diesen Roman über die düsteren Transformationsjahre in der östlichen Provinz gelesen, wo die Transformation allerdings arg holprig vor sich ging. Domenico Müllensiefen erscheint der Rezensentin wie ein sensibler Zuhörer, der jeder Stimme Würde und Relevanz zuspricht. So entstehe ein Mosaik der Trostlosigkeit, in dem die von Verbissenheit und Resignation zerrissenen Gesichter und Schicksale nur noch abgehängt erscheinen. In Müllensiefens Prosa klammern sich die Menschen an scheinbar auferstandene Fußballlegenden wie die des 1. FC Magdeburg oder an fragwürdige, ja rechtsnationale und extremistische Ansichten. Obwohl die Provinz hier ganz trostlos ist, hält Geißler die Lektüre nicht für deprimierend. Und das liegt am Schreibstil des Autors. Präzise und in schnellen Sätzen schildert er den Alltag in einem Osten, der längst nicht mehr an Utopien glaubt, und Geißler kann von dieser Prosa gar nicht genug bekommen, denn sie vermittelt den Eindruck, dass hier alles seinen Platz hat.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 01.10.2024
Rezensent Jens Uthoff wird hineingezogen in Domenico Müllensiefens Roman über das Erwachsenwerden in der ostdeutschen Provinz Anfang der Nullerjahre. Der Roman jongliert nicht nur geschickt sämtliche "Ost-Diskurse" von der Bildungsmisere über die Lohnungerechtigkeit bis zum Rassismus, er nimmt als eine Art Roadmovie auch ungeheuer Fahrt auf, meint Uthoff. Filmische Dialoge und Konflikte und überzeugend gezeichnete Figuren erfreuen den Rezensenten. Anschlussfähig an die Gegenwart ist das durchweg spannende Buch natürlich (leider) auch, findet Uthoff. In der Moral am Schluss sieht er eine lässliche Schwäche.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 06.09.2024
Rezensent Nico Bleutge lässt sich von Domenico Müllensiefen in das Erleben und Empfinden eines jungen Mannes in der ostdeutschen Provinz hineinversetzen, eine Provinz, die zwar fiktiv ist und doch wahrhaftig, findet Bleutge. Jeetzenbeck heißt Marcels Heimatort, es soll irgendwo in der Nähe von Magdeburg liegen. Die Menschen, von denen Müllensiefen auf zwei verschiedenen Zeitebenen erzählt, könnten aber auch in vielen anderen beliebigen Orten Ostdeutschlands leben - die enttäuschten Erwartungen, die brüchigen Biografien, das Abgleiten in den Faschismus, auch die "schnoddrigen Sprüche, der Bierdunst und die Fußballseligkeit", mit denen die männliche Perspektive des Erzählers markiert wird - man kennt das, teils allzu gut vielleicht, findet Bleutge. Letzteres ist daher auch eine von mehreren Schwächen, die der Rezensent an diesem Roman erkennt. Eine weitere: dass Müllensiefen mit Marcel teilweise Vorurteile über den Osten reproduziert, die er doch eigentlich in Frage stellen will. Sehr gelungen dagegen ist die feine Dramaturgie des Buches. Auch lobt Bleutge Müllensiefens scharfes Auge fürs Detail. Vor allem aber bewundert er, mit welchem Feingefühl dieser Autor emotionale Verflechtungen darstellt wie etwa die Auswirkungen von Gewalt, Arbeitslosigkeit und Lieblosigkeit auf das Empfinden, ja die Weltsicht der Menschen.