Bücher der Saison

Romane

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
18.11.2024. Igiaba Scego ist eine Kassandra in Mogadischu. Cemile Sahin lädt uns zu einem Kunstdiebstahl ein. Iida Turpeinen huldigt der Stellerschen Seekuh. Richard Powers verhandelt die großen Fragen der Menschheit von Feminismus bis Plattformkapitalismus. Vitomil Zupan macht uns mit seinen Knastbrüdern bekannt.
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Bücher Bücher Bücher! Die atemlose und düstere Aktualität mag dieses zuweilen etwas altmodisch erscheinende Medienformat in den Hintergrund rücken, aber natürlich zu Unrecht. Denn sowohl die Sachbücher, als auch und erst recht die literarischen leisten erst die Sehhilfe, die die Aktualität erst verstehen lässt. Ok, manchmal, sind Brillen auch rosa. Aber der Perlentaucher ist nicht die Adresse für "Young Adults", so das Marktsegment, das auf der Buchmesse durch seine Umsatzzahlen auffiel. Wirkliche Erwachsene, natürlich auch junge, informieren sich im Perlentaucher.

Aber was war das für eine Buchmesse! Für viel Trubel im Vorfeld sorgte die Kontroverse um den italienischen Gastauftritt. Viele italienische Autoren wollten aus Protest gegen die Meloni-Regierung gar nicht erst anreisen. Beim Eröffnungsabend war dann weder von den Debatten im Vorfeld, noch vom Krieg in Nahost und der Ukraine oder dem Aufstieg populistischer Kräfte in ganz Europa etwas zu hören. Für Aufregung sorgte dafür Clemens Meyer, nachdem nicht er mit seinem monumentalen Roman "Die Projektoren" (bestellen), sondern Martina Hefter mit ihrem Debütroman "Hey guten Morgen, wie geht es dir?" (bestellen) den Deutschen Buchpreis gewann. Eine notwendige Debatte stieß dann erst Anne Applebaum an, die den Deutschen in ihrer Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ins Gewissen redete: Sie berief sich auf Thomas Mann und Manès Sperber, um daran zu erinnern, dass die Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg nicht "Nie wieder Krieg", sondern "Nie wieder Selbstaufgabe der Demokratie" sein muss.

Und sonst? In der FAZ resümierte Andreas Platthaus: "Gute Luft, aber schlechte Stimmung, kaum Geschäft, dafür weiter wachsende Standgebühren, immer weniger Aussteller und die Durchmischung ehedem rein literarischer Zonen mit Stofftaschenanbietern, Imageständen von Bundesländern oder Repräsentanzen religiöser Eiferer." Wir versprechen: Weder Stofftaschenanbietern noch religiösen Eiferern werden Sie im Folgenden begegnen, stattdessen laden wie Sie ein, einzutauchen in eine Auswahl der besten, gewagtesten und kontroversesten Bücher der Saison! Und so viel vorab: Wir treffen auf ausgestorbene Seekühe, sprechende Insekten, reisen mit der transsibirischen Eisenbahn und tauchen ab in die Schönheit der Ozeane.

Noch ein Hinweis in eigener Sache: Unsere Bestelllinks führen auf eichendorff21, den Buchladen des Perlentauchers. Bestellen Sie dort und unterstützen Sie damit den Perlentaucher. Auch bei einer Bestellung über buecher.de bekommt der Perlentaucher eine Umsatzprovision. Und jetzt: die Bücher.


Gastland Italien

Unter den literarischen Neuerscheinungen des Buchmessen-Gastlandes Italien gab es einen klaren Favoriten bei den Kritikern: Igiaba Scegos "Kassandra in Mogadischu" (bestellen) ist ein Buch über die Folgen des italienischen Kolonialismus in Somalia. Aber es ist noch viel mehr: ein Nachdenken über migrantische Existenzen und das Porträt einer zerrissenen, über Kontinente verstreuten Familie, die nicht einmal mehr eine gemeinsame Sprache spricht. Darum schreibt Scego ihr Buch auch als Brief an ihre Nichte in Kanada, um ihr die Geschichte ihrer Vorfahren bis heute zu erzählen. Dazu gehört auch die Geschichte von Scegos Mutter: Die Familie war in Rom, wo Scego auch geboren wurde, als der Bürgerkrieg in Somalia ausbrach. Die Mutter, die kurz zuvor dorthin gereist war, blieb zwei Jahre lang verschollen. Ihre siebzehnjährige Tochter "kotzte Granatwerfer, Revolver, Maschinengewehre" vor Angst. Als sie wieder auftaucht, erzählt die Mutter, sie sei sicher gewesen, ihr Clan würde siegen: "Ich wollte auch Teil der Geschichte sein. Des Ruhms. Unseres Sieges. Der Nation. Mir meinen Teil der Beute und der Zukunft sichern." Auch wenn der Rassismus in Italien bei Scego durchaus eine Rolle spielt: Opfergeschichten klingen anders, denkt sich ein beeindruckter Jörg Häntzschel in der SZ. Und in der FAZ bewundert Niklas Bender Scegos sprachlichen Mix, ein von somalischen Wörtern durchzogenes Italienisch, ebenso wie den "fröhlichen" kulturellen Mix, "in dem die Referenzen durcheinanderwirbeln, von Dante und der Lieblingsautorin Jane Austen bis zu Malcolm X und Agatha Christie".

Glücklich sind die Kritiker auch, dass Giula Caminitos Debütroman "Das große A" (bestellen) über das Leben italienischer Kolonialherren in Eritrea nun endlich auf Deutsch vorliegt: Wie "Arthousekino auf Papier" erscheint dem SZ-Rezensenten Jörg Häntzschel der Roman, der die 13-jährige Giada begleitet, die von ihrer Mutter nach Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem faschistischen Italien nach Eritrea geholt wird und sich dort zunehmend fremd fühlt. taz-Kritikerin Nina Apin lobt den Roman als "geschichtenpralles Panoptikum des Lebens in Italienisch-Ostafrika". Auch Francesca Melandri blickt in "Kalte Füße" (bestellen) auf die Vergangenheit Italiens, die sie gekonnt mit der Gegenwart und der Geschichte ihres Vaters verknüpft, der als Teil der faschistischen Armee Mussolinis im Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjetunion kämpfte. Mit Ausbruch des Kriegs in der Ukraine glich Tochter Francesca die Erfahrungen des Vaters an der Ostfront, die dieser in den Siebzigerjahren niederschrieb, mit der Gegenwart ab und verfasste diesen Roman als Brief an den verstorbenen Vater: Herausgekommen ist dabei eine zornig aufklärerische Abrechnung mit Italien und seiner Geschichtsvergessenheit, aber auch ein Hinterfragen der eigenen linken Positionen, loben die Kritikerinnen in Welt, FAZ und SZ.

Über einen zu Unrecht vergessenen Klassiker der italienischen Literatur freut sich die in der FAS rezensierende Schriftstellerin Bettina Hartz anlässlich der Übersetzung von Vincenzo Ceramis im Jahr 1976 erschienenen Debütroman "Ein ganz normaler Bürger" (bestellen). Er erzählt die Geschichte des aufstiegsbesessenen kleinen Beamten Giovanni, dessen Sohn ermordet wird, woraufhin Giovanni den Täter in Eigenjustiz in eine Hütte verschleppt und zu Tode foltert. Wie Cerami indirekt die depressiven siebziger Jahre in Italien und den aufkommenden "Menschentypus" einfängt, den er als immer nur auf den eigenen Vorteil bedachten Konsumenten beschreibt, imponiert Hartz sehr. Im Fall von Melania G. Mazzuccos Roman "Die Villa der Architektin" (bestellen) ist nicht die Autorin, sondern ihr Sujet die Wiederentdeckung: Die 1616 geborene Plautilla Bricci war die erste Architektin Roms, wenig wusste man bisher über sie, bis Mazzucco auf ihren Namen stieß und zu recherchieren begann und in einen nahezu filmisch geschriebenen Roman verwandelte, hat die Kritikerinnen in SZ und taz beeindruckt.


Deutsch-deutsche Perspektiven

In dieser Saison durchstreifen wieder viele Autoren das eigene Soziotop, aber einige lesenswerte Bücher sind durchaus dabei. Sehr aktuell ist Domenico Müllensiefens neuer Roman "Schnall dich an, es geht los" (bestellen), der uns direkt in die ostdeutsche Provinz Anfang der Nullerjahre führt. In Müllensiefens Prosa klammern sich die Menschen an scheinbar auferstandene Fußballlegenden wie die des 1. FC Magdeburg oder an fragwürdige, ja rechtsnationale und extremistische Ansichten. Die Provinz ist hier ganz trostlos, aber Müllensiefs Schreibe ist es nicht, versichert Cornelia Geißler (FR), die sichtlich begeistert ist von den präzisen und schnellen Sätzen über den Alltag jener Jahre. taz-Kritiker Dirk Knipphals legt uns leidenschaftlich Roman Ehrlichs so "düsteren wie brillanten" Roman "Videotime" (bestellen) ans Herz, der eine Jugend in der westdeutschen Provinz in den Achtzigern und Neunzigern auslotet und gegen Actionfilme aus der gleichen Zeit gegenschneidet, mit denen der übergewichtige Held der bundesrepublikanischen Enge entflieht.

Und wie war das so in den Siebzigern in Frankfurt? Davon erzählt Ulrike Edschmid in "Die letzte Patientin" (bestellen), in dem sie ihrer einstigen WG-Mitbewohnerin ein Denkmal setzt: Edschmid bewunderte jene junge Luxemburgerin schon damals für den "lasziven Lebensüberdruss", der ihr Leben prägen sollte: Zunächst brannte sie mit einem spanischen Anarchisten durch, ließ sich bald mit einem uruguyaischen Guerilla-Kämpfer ein, reiste mit einem Italiener durch das bürgerkriegsgebeutelte Guatemala oder hing mit einem kolumbianischen Guajiro ab. Edschmid beschreibt dieses Leben in einer Sprache, so präzise wie ein Uhrwerk bewundert NZZ-Kritiker Paul Jandl: Regelrecht filmisch findet er das Buch, wenn es sich den linken Milieus jener Jahre zuwendet.

Noch tiefer in deutsche Vergangennheit taucht Monika Zeiner mit ihrem Roman "Villa Sternbald oder Die Unschärfe der Jahre" (bestellen) hinab, der uns an der Seite von Schulmöbelfabrikantensohn Nikolas Finck auf eine 125-jährige fränkische Familiendynastie blicken lässt. Hingewiesen sei auch auf "Ein anderes Leben" (bestellen), den Debütroman der Schauspielerin Caroline Peters, der von einer Mutter erzählt, die, nachdem sie sich drei Töchter von drei Männern machen lässt, der Häuslichkeit entflieht, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Welt-Rezensenten Tilman Krause hat selten eine derart selbstbewusste, trinkfeste und moderne Intellektuelle wie Peters' Heldin Hanna erlebt.


Abenteuer, Mafia und Seekühe

Bevor Sie jetzt wegzappen: Es gibt auch eine Literatur jenseits von Vergangenheitsbewältigung, Identitätssuche und Autofiktion. Da ist zum Beispiel Isabelle Lehns Roman "Die Spielerin" (bestellen), der die Geschichte von Martina N. aufgreift, die offiziell als Mitarbeiterin der Nachrichtenagentur ddp tätig war, aber jahrelang undercover für die kalabresische Mafia gearbeitet haben soll. Bei Lehn ist die Protagonistin eine Zürcher Bankerin, die immer weiter in der Welt der Hochfinanz aufsteigt und schließlich, offenbar im Auftrag der Mafia, für die Insolvenz einer großen Nachrichtenagentur verantwortlich ist. Ein so "rasantes" wie "erfindungsfreudiges Erzählstück", freut sich Paul Jandl in der NZZ, auch SZ und FR loben diesen spannenden, "sehr feinen feministischen Roman". Einen Banker der ganz anderen Art stellt uns Patrick Holzapfel in seinem Debütroman "Hermelin auf Bänken" (bestellen) vor: Statt zu studieren streift Holzapfels Held in Wien von Bank zu Bank auf der Suche nach einem Obdachlosen im Hermelinmantel. taz-Kritikerin Birthe Mühlhoff freut sich nicht nur, dass hier verschiedene Bänke in den Blick geraten, sondern auch, dass Holzapfel nicht autofiktional oder politisch sendungsbewusst auftritt, sondern einen Roman über eine sympathische Haltung zum Leben geschrieben hat.

Cemile Sahin nimmt in ihrem neuen Roman "Ajax" (bestellen) die Kunst aufs Korn: Im Zentrum steht der kurdische Künstler Ali Hüseyin, der vor der türkischen Armee nach Holland geflohen ist, versehentlich über die Beute eines großen Kunstdiebstahls stolpert und einen Teil der Gemälde durch eigene Selbstporträts austauscht. Berührend, liebevoll und unheimlich lustig findet FAS-Kritiker Niklas Maak den Roman, der ihn auch als "kurdisches Familienepos" begeistert. Eine ganz andere Welt eröffnet uns auch Eckhart Nickel in seinem neuen Roman "Punk" (bestellen): Musik ist verboten, stattdessen sollen die Menschen rundum achtsam sein. Wer will da noch jung sein? Aus Widerstand gründen die Brüder Esra und Lambert sowie ihre neue Mitbewohnerin Karen in ihrer Pop-Intellektuellen-WG eine Band - ein "Versteck gegen die Unkultur", wie Jan Drees es im Dlf nennt. "Punk" ist Pop in Reinform, jubelt in der FR Rezensentin Marlies Müller: "Witzig und gewitzt", leichtfüßig erzählt, raffiniert gebaut, voller Gegenwart, voller Verweise, lobt sie, und auch die Figuren könnten poppiger kaum sein. In der FAZ hofft Erika Thomalla auf eine Fortsetzung.

Das hat es in der Literatur auch noch nicht gegeben: In ihrem ersten Roman "Das Wesen des Lebens" (bestellen) macht die finnische Autorin Iida Turpeinen die ausgestorbene Stellersche Seekuh zur Protagonistin. Und der acht Meter große Säuger, der wohl erstmals vor zwei Millionen Jahren in den Meeren auftauchte, hat eine Menge zu erzählen. Wir lesen von obsessiven Sammlern und Wissenschaftlern, von begeisterten Naturschützern und Naturerforscherinnen und von Expeditionen in die Nordmeere. FAZ-Kritiker Matthias Hannemann erfreut sich am rasanten Erzählton und starken Bildern, aber auch an Abschweifungen, etwa zu Einzellern und Algen und restaurierten Skeletten in Museen. Geradezu ein "Hexengebräu" von einem Roman empfiehlt uns in der NZZ Franz Haas mit Matias Faldbakkens neuem Roman "Armes Ding" (bestellen). Zwei Landeier fliehen in die Stadt, wo sie mit dem "überkultivierten Intellektualismus" der modernen, urbanen Welt konfrontiert werden. 


Experimente

Als "großartiges Leseerlebnis", das an Vladimir Nabokov und Sophie Calle erinnert, legt uns Dlf-Kritikerin Angela Gutzeit den neuen schmalen Roman der russischen Autorin Maria Stepanova ans Herz, der uns unter dem Titel "Der Absprung" (bestellen) mit einer nur als M. betitelten, aus Russland geflohenen Heldin zunächst auf den pannenreichen Weg zu einem Literaturfestival und schließlich immer weiter aus der Realität hinaus schickt. Auf "hochreflektierte Weise" und an die "strenge Schönheit" der Bücher J.M. Coetzee erinnernd, blickt Stepanova auf ihre Hauptfigur und flicht dabei Geheimnis- und Fantasievolles ein, staunt im Dlf Kultur Jörg Plath. Sieglinde Geisel (FAZ) bewundert, wie Stepanova in der Verbindung von ernsthaftem Thema und spielerischer Erzählweise den spannungsreichen Zustand des Exils deutlich macht, an dem ein Untier schuld ist, von dem sie möglicherweise selbst ein Teil ist. Großes Lob auch in Zeit, FR und taz. Raus aus Russland, und zwar mit der transsibirischen Eisenbahn, wollen auch die beiden Helden aus Maylis de Kerangals in Frankreich bereits 2012 erschienenem Roman "Weiter nach Osten" (bestellen): hier treffen eine unabhängige, gebildete Französin, die aus einer Beziehung flieht, und ein junger, russischer Deserteur, der vor dem Militärdienst flieht, aufeinander. Im Dlf ist Dirk Fuhrig hingerissen von der dichten, bilderreichen und hochpoetischen Sprache, mit der Kerangal das Gefühlsleben ihrer zwei so unterschiedlichen Charaktere nachvollziehbar macht. Auch Barbara von Machui lobt in der FAZ die sprachliche Palette des Romans von "lyrisch-poetischen" Schilderungen bis zu unflätigem "Argot".

Empfohlen werden außerdem Oxana Wassjakinas Roman "Die Steppe" (bestellen), der im Original bereits 2022 erschien: Die russische Autorin schickt ihre Heldin, eine jungen Frau, mit dem Vater, einem drogensüchtigen Fernfahrer, den sie zehn Jahre lang nicht gesehen hat, auf einen gemeinsamen Trip durch die karge sibirische Steppe. Wie Wassjakina die Spiegelung "gesellschaftlicher Umbrüche" austariert, erinnert die SZ-Kritikerin Philine Bickhardt an Tschechow. Ein "Wagnis", das gelingt, ist für den Welt-Kritiker Dirk Schümer der Roman "Stramer" (bestellen) des polnischen Schriftstellers Micolaj Lozinski, sich dem unsagbaren Grauen des Holocausts in Polen von einer ungewöhnlichen Seite nähert: In seiner kleinen Familiensaga wirken die Stramers mit ihren Tändeleien, ihren Abenteuern, ihren Eskapaden und ihren jüdischen Witzenfast wie eine New Yorker Großfamilie aus einem Woody Allen Film. Die Leichtigkeit und Verve, mit der Lozinski aus diesem Alltag erzählt, findet Schümer beeindruckend. Lozinski muss das Grauen nicht benennen: Was der Leser an Wissen mitbringt und was der Autor andeutet, das genügt, um diesem Roman seine tiefe, tragische Grundierung zu geben, so der Rezensent.

Die unter dem Titel "Unsere Fremden" (bestellen) erschienenen Kurz- und Kürzestgeschichten der Amerikanerin Lydia Davis hat Perlentaucher-Kolumnistin Angela Schader bereits in ihrem Vorwort empfohlen: Die  Miniaturen bestechen nicht zuletzt durch "diamantenklar" funkelnde Sprache, hält Schader fest. Auch die KritikerInnen aus FAZ, FR, NZZ, Dlf und Dlf-Kultur widmeten Davis hymnische Besprechungen: Das menschliche Leben in "Nussschalen aus Sprache", findet FR-Kritikerin Sylvia Staude für diese herausragenden Stories von Davis bräuchte es die  Bezeichnung "davisesk", jubelt Rezensent Ulrich Rüdenauer im Dlf. Unbedingt empfohlen werden auch Monika Helfers meisterliche Geschichten für jeden Tag, "Wie die Welt weiterging" (bestellen).


Schwergewichte

Geradezu auf die Knie gehen die Kritiker vor dem neuen Roman von Richard Powers, der in "Das große Spiel" (bestellen) nicht weniger als die großen Fragen der Menschheit von Feminismus bis Plattformkapitalismus verhandelt, wie uns Tobias Haberl in der SZ verrät. Vier Figuren, ein Tiefseetaucherin, eine Künstlerin, ein Büchernarr und ein Computernerd treffen auf einer kleinen Insel im Pazifik, die von staatsmüden Risikokapitalisten übernommen werden soll, zusammen. Haberl fühlt sich angesichts der opulenten, exotischen Beschreibungen von Flora und Fauna mitunter an Melville und Emerson erinnert, während Joachim Scholl im Dlf Kultur jubelt: So atemberaubend schön, zugleich so spannend, so berührend und im konstruktiven Sinne beunruhigend können nur wenige über den Ozean, seine Artenvielfalt und Gefahren schreiben. Und Volker Weidermann, der sich für die Zeit mit Powers getroffen hat, möchte dem Autor spätestens nach diesem "modernen Epos" den Literaturnobelpreis verleihen.

Auf den neuen Roman "Thedoros" (bestellen) von Mircea Cartarescu, für die Kritiker das Opus magnum des Rumänen, haben wir schon in unserem Bücherbrief des Monats September hingewiesen. In einem Atemzug mit Cartarescu und Powers nennt Zeit-Kritiker Adam Soboczynski auch Philip B. Williams' Roman "Ours. Die Stadt" (bestellen), der die Geschichte einer kleinen Stadt bei St. Louis erzählt, die im 19. Jahrhundert aussschließlich von Schwarzen bewohnt wird. Gründerin und Schutzengel Saint vermag es, durch magische Riten die Weißen von der Stadt fernzuhalten, erzählt in der Zeit Adam Soboczynski, den der Mix aus Fantasie und Realität rundweg begeistert. Auch Fridtjof Küchemann empfiehlt den Roman in der FAZ, jedoch mit Einschränkungen: Williams traut seinem Publikum nicht immer zu, Uneindeutiges auszuhalten, bemängelt er.

Den Literaturnobelpreis hat die koreanische Schriftstellerin Han Kang gewonnen, deren erst dieses Jahr auf Deutsch erschienenen Roman "Griechischstunden" (bestellen) wir bereits in unserem Bücherbrief des Monats April empfohlen haben. Heißer für den Literaturnobelpreis war zuvor die chinesische Autorin Can Xue gehandelt worden, deren Erzählband "Schattenvolk" (bestellen) nun auch auf Deutsch erschienen ist. Die sechzehn Geschichte, in denen mitunter Insekten oder einzelne Körperteile als Handelnde auftreten, erscheinen Maximilian Mengeringhaus (dlf Kultur) wie Sprengsätze. In der FAZ fühlt sich Marie Luise Knott an Kafka erinnert: Wie bei Kafka ist die erzählte Welt unheimlich und voller Sehnsucht, meint sie. Can Xues Sprache destilliert aus dem Surrealen eine starke Realität und die Schönheit des Augenblicks, so Knott. Aber auch Überwachung und Verdrängung spielen bei der chinesischen Autorin eine Rolle, ergänzt in der taz Julia Hubernagel.


Wieder-Entdeckungen

Die Kritiker danken dem Suhrkamp-Verlag dafür, dass er das Werk der Schweizer Schriftstellerin, Intellektuellen und engen Bachmann-Vertrauten Fleur Jaeggy endlich auf Deutsch zugänglich macht. Mit den Erzählbänden "Ich bin der Bruder von XX" (bestellen) und "Die Angst vor dem Himmel" (bestellen) sowie der Novelle "Die seligen Jahre der Züchtigung" (bestellen) liegen nun gleich drei Bände vor, um das Werk der Schweizerin kennenzulernen, die offenbar keine Scheu vor Düsternis hat: FAS-Kritikerin Annabelle Hirsch lässt sich faziniert in den Bann ziehen von der kalten Perfektion, die Jaeggy mit ihrer doch so "unkühlen Sprache" erzeugt, ganz gleich, ob sie von einer im Käfig gefangenen Frau, von ihrer Freundin Ingeborg Bachmann, von Waisenkindern oder von einem Auschwitz-Besuch erzählt. Präzise Beobachtungen, die Autobiografisches gekonnt verzerrt aufgreifen, attestiert Maike Albath im Dlf den Texten. Dass Tezer Özlüs in den Achtzigern erschienener Roman "Suche nach den Spuren eines Selbstmords" (bestellen) erst jetzt auf Deutsch vorliegt, kann Zeit-Kritikerin Juliane Liebert kaum fassen: Dabei hatte die türkische Autorin und Übersetzerin den Text 1982 auf Deutsch geschrieben, aber nur auf Türkisch veröffentlicht.  Umso schöner allerdings, den Text jetzt entdecken zu können, meint Liebert, und der Autorin auf den Reisen zu folgen, die sie auf den Spuren ihrer Lieblingsschriftsteller - unter anderem Kafka, Svevo, Pavese - unternahm.  Auch von Özlüs Sprache und den mitunter lyrischen Miniaturen ist Liebert hingerissen. Eine wunderbare Neu-, beziehungsweise Wiederentdeckung, die zeigt, wie weltläufig die deutsche Literatur der 1980er gewesen wäre, wenn man sie nur gelassen hätte, so ihr Fazit.

Einen "vulkanischen Geheimtipp" verrät uns Rezensent Jörg Plath mit Vitomil Zupans im Jahr 1970 fertig gestelltem "Roman - oder auch keiner" (bestellen). Die Geschichte um Held Jakob Levitan ist angelehnt an die Biografie des slowenischen Schriftstellers, der von 1948 an wegen angeblicher Verunglimpfung des jugoslawischen Staates lange Jahre in Haft saß. Zupan und Levitan gleichen sich fast aufs Haar, so Plath, der einem "Homme à Femmes, Bohémien, Seefahrer und Parteischreck" begegnet: Mit Witz, Ironie und einem Haufen sexueller Anspielungen erzählt Levitan vom Gefängnisalltag und von seinen Mitinsassen und schafft so, schwärmt Plath, eine "Anthropologie" voller geistreicher Ideen. Im Dlf Kultur warnt Maximilian Mengeringhaus: Der Roman ist harter Tobak, denn Zupan breitet nicht nur schamlos seine erotischen Fantasien aus, er erzählt auch von Schutzbündnissen, von Schmuggelaktionen, vom allgegenwärtigen Misstrauen und von Solidarität unter den Insassen, die nicht unterscheidet zwischen politischen Gefangenen, Kriegsverbrechern und Frauenmördern. Dass wir dieses herausragende Buch nun wieder entdecken können, ist auch Erwin Köster zu verdanken, der Zupans teils wüste Aufzeichnungen mutig übersetzt hat, sowie dem Guggolz Verlag und dessen Anmerkungs- und Quellenapparat, der nichts weniger ist als "maßstabsetzend", so der begeisterter Rezensent. Hingewiesen sei außerdem auf Joseph Conrads nun neuübersetzten Roman "Nostromo" (bestellen), der von einem italienischen Hafenarbeiter erzählt, der im fiktiven Ort Sulaco im Dienst der herrschenden Europäer steht. Für Dlf-Kultur-Kritiker Rainer Moritz ist dies einer der besten Romane des Autors.

Das waren die Romane der Saison. Weitere Empfehlungen finden Sie in Angela Schaders Kolumne "Vorworte" und unseren Bücherbriefen der vergangenen Monate.

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