Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.05.2000
In einer Doppelrezension bespricht Christiane Zintzen zwei Bücher über den sogenannten Narrenturm, der im 18. Jahrhundert als Teil eines österreichischen Krankenhauses zur Unterbringung der `unglücklichen Opfer des Wahnsinns` erbaut wurde. Seit 1971 befinden sich die Sammlungen des Pathologisch-Anatomischen Bundesmuseums in diesen Räumen.
1.) Alfred Stohl: "Der Narrenturm oder Die dunkle Seite der Wissenschaft" (Böhlau-Verlag)
Nicht ohne Verwunderung stellt die Rezensentin fest, dass der Autor hier Deutungsweisen recht okkulter Art favorisiert. So versuche Stohl vermeintlichen Verschlüsselungen auf die Spur zu kommen, in dem er die Zahl der Geschosse und der Zellen durch "griechische, jüdische, islamische und christliche Zahlensymbolik" zu deuten versucht. Auch die Freimaurersymbolik, Tarot, die Rosenkreuzer und die Alchemie werden bemüht. Dass diese Interpretationen nicht ohne Ergebnis bleiben, ist angesichts der Beliebigkeit wenig überraschend, findet die Rezensentin. Qualtitativ lasse diese "kühne Mixtur" jedoch zu wünschen übrig. Lediglich den Passagen, die Aufschluss über die Anfänge der Psychiatrie und deren Auswirkungen auf die Insassen geben, kann Zintzen etwas abgewinnen.
2.) Ernst Hausner: "Das Pathologisch-Anatomische Bundesmuseum im Narrenturm des Alten Allgemeinen Krankenhauses" (Edtition Hausner)
Wesentlich aufschlussreicher als Alfred Stohls Buch "Der Narrenturm oder Die dunkle Seite der Wissenschaft" findet die Rezensentin den Band von Ernst Hausner. Die Fotografien von medizinischem Instrumentarium, von Präparaten und Skeletten fassen ihrer Ansicht nach auf "spektakuläre wie geglückte Weise (...) das Unerträgliche mutig ins Auge". Auch die beigefügten Dokumentationen gefallen ihr, da sie dazu beitragen, den "Narrenturm" auf sinnvolle Weise im historischen Kontext darzustellen, so die Rezensentin.
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