Paulus ist der Theologe, der das Christentum in seiner Anfangsphase entscheidend geprägt und ihm Weltläufigkeit verschafft hat. In allen folgenden Jahrhunderten hat die Auseinandersetzung mit seiner Theologie prägenden Einfluss auf das Christentum genommen. Die Deutung der komplexen Gestalt ist desungeachtet bis heute umstritten. Dass die Paulusdeutungen sich als von katholischer Kirchenlehre oder lutherischer Rezeption gesteuert erweisen, lässt erkennen, dass Paulus selbst ein Unbekannter blieb. Biser versucht eine Annäherung an Paulus, welche gerade dieses Phänomen beleuchtet. Er versucht zu klären, warum Paulus in aller Aktualität ein Unbekannter ist, in aller erstaunlichen Nähe ein letztlich Fremder bleibt, von dem gleichwohl neue Perspektiven und Impulse für die Gegenwart ausgehen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 01.11.2003
Luther hat Paulus einst unter dem Schlagwort "sola gratia" die Rechtfertigungslehre entnommen, mit der dieser die menschliche Existenz unter den Vorbehalt einer von den Werken des einzelnen unabhängigen Gnade im Glauben gestellt hat. Das Paulus-Bild, das der Theologe Eugen Biser entwirft, hat mit dieser Rechtfertigungslehre, wie Ekkehard W. Stegemann feststellt, nur wenig zu tun. Der "unbekannte" Paulus, den Biser vorstellt, ist ein "esoterischer" Paulus, ein Paulus der christlichen Mystik, die gerade nicht auf "Auslöschung" des Ich abziele, sondern auf "Einwohnung", auf den Dialog zwischen Mensch und Gott. Verbunden damit ist eine paulinisch verstandene Religion als "Religion der Freiheit", die sich den Institutionalisierungen ebenso wie den weltlichen Hierarchien widersetzt. Stegemann lobt die "eindringlichen Analysen" und wohl auch die "kräftigen Striche", mit denen Paulus vorgestellt wird. Die Ausblendung des Rechtfertigungstheologen Paulus scheint ihm jedoch eine Einseitigkeit.
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