Ferdinand Seibt versucht zu ergründen, was unsere Großväter und -mütter wirklich wissen konnten, was sie wirklich zu sehen vermochten und was sie wirklich bewegt hat. Nicht den nachträglichen Erklärungsmustern gilt sein Interesse, sondern den Erfahrungen und Erlebnissen, auch den Ängsten, Hoffnungen und Träumen.
Friedrich Prinz hält diesen Band für ein "bedeutendes, im besten Sinn pädagogisches Buch", in dem der Autor jedoch auf den erhobenen Zeigefinger verzichtet und das keine Anklage an die Generation der Väter und Großväter darstellt. Noten werden vom Autor nicht vergeben, betont Prinz. Eine große Stärke des Buchs liegt nach Ansicht des Rezensenten vor allem darin, dass Seibt nicht die ausgetretenen Pfade eines "Katastrophenreports diplomatisch-faktografischer Art" beschreitet, sondern sich vielmehr auf massenpsychologische Phänomene konzentriert und dabei die bekannten Stereotypien vermeidet. Schwerpunkt in dem Buch ist, wie Prinz erläutert, der "Nationalitätenkampf zwischen Tschechen und Deutschböhmen/Sudetendeutschen", zu dem es nach Ansicht des Rezensenten in der Gegenwart Parallelen gibt, etwa bei Flamen und Wallonen oder im Baskenland. Und so wertet er Seibts Buch auch als Appell an die Gegenwart, als einen großen Essay, in dem auch Hoffnung mitschwingt. Bedauerlich findet der Rezensent lediglich, dass manche Behauptungen nicht näher begründet werden und Seibt an mancher Stelle etwas pauschal wird, etwa wenn er behauptet, "die größten Zeitungen seine `in jüdischer Hand` gewesen". Auch das Literaturverzeichnis hätte ausführlicher ausfallen können, so Prinz. Doch alles in allem findet der Rezensent, dass niemand das Buch lesen kann, "ohne in Zustimmung wie Widerspruch tief berührt und in Atem gehalten zu sein".
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 12.04.2000
Ein solches Buch hat Johannes Wilms vermisst. Seibt habe das "anekdotischen Parlando" unserer Urgroßväter "genau getroffen", schreibt er und rühmt das "große literarische Talent" des Autors, das er bei einem emeritierten Ordinarius für Geschichte nicht vermutet hätte. Auch wenn der Autor eigentlich nichts Neues erzähle, gelinge es ihm doch immer wieder, Altbekanntes "in ein neues Licht zu rücken". Als Beispiel nennt Wilms die Beschreibung der deutschen Intellektuellen, die ihre jüdischen Kollegen nicht verteidigt haben und, so der Autor, `Verrat an intellektueller Solidarität` geübt haben. Eine Vergleich mit Sebastian Haffners "Anmerkungen zu Hitler" habe das Buch "nicht zu fürchten", resümiert der begeisterte Rezensent.
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