Popmusik auf Deutsch war lange Zeit undenkbar. Denn Popkultur war das vielleicht wichtigste Reeducation-Programm, das die Alliierten den Deutschen auflegten. Sie überschrieb die deutsche Kultur und entfremdete die Kids von Scholle und Volksgemeinschaft. Erst mit Punk entstanden deutsche Texte, die sich zur Kolonialisiertheit durch Pop bekannten. Und als aus der guten alten BRD wieder hässliches neues Deutschland geworden war, verstärkten Bands wie Kolossale Jugend oder die frühen Blumfeld (nicht zu verwechseln mit den späten) die Dissonanzen. Ihre Sperrigkeit war eine Abfuhr ans neu verordnete Wir-Gefühl. Aber in ihrem Windschatten entstand eine neue Generation, die endlich ganz unverkrampft deutsch singen wollte. Tomte, Kettcar oder Klee sangen (noch) nicht für Deutschland, aber ihr kleinbürgerlicher Gemütsindiepop passte gut zum Entkrampfungsbefehl der Berliner Republik. An das, was dafür aufgegeben wurde, will Frank Apunkt Schneider erinnern, indem er vom "Fremdwerden in der eigenen Sprache" (NDW) erzählt, von der Materialästhetik der Verkrampfung (Hamburger Schule), von der unglaublich seltsamen Unmöglichkeit deutscher Popaffirmation (Schlager) und natürlich von der Hässlichkeit des Unverkrampften.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 02.09.2015
Stefan Michalzik ist mit den Befunden Frank Apunkt Schneiders weitgehend einverstanden und belässt es in seiner kurzen Rezension darum im wesentlichen beim Referat von dessen wichtigsten Thesen. Einerseits scheint Schneider den in letzter Zeit so gefeierten Beitrag des Krautrocks zur Geschichte des Pop relativieren zu wollen, andererseits gesteht er genau den immer wieder zitierten Verdächtigen von Can bis Kraftwerk ihre Verdienste um Innovation durchaus zu. Kritischer sieht er den späteren deutschen Pop in der Nachfolge von Tocotronic, der alles Subversive aufgegeben habe und zu einer Art offiziellen Musik der Bundesrepublik geworden sei. Nur "das Komplizierte und Verkrampfte" der frühen Zeit könne ein Anknüpfungspunkt für neue Subversion werden.
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