Die Hochzeit der deutschen Volksparteien war sicher zugleich die beste Zeit für die deutsche Gesellschaft im 20. Jahrhundert. Die Volkspartei, ein Produkt von historischen Lernprozessen und Ergebnis sozialer Veränderungen, integrierte unterschiedliche Schichten, Generationen, Kulturen - und sie pazifizierte den zuvor oft antagonistisch ausgetragenen Konflikt. Doch die Zeit der Volkspartei scheint sich dem Ende zuzuneigen: Ihre Fähigkeit zur gesellschaftlichen und politischen Integration schwindet, ihre Vermittlungsleistung zwischen Staat und Bürger mindert sich drastisch. Der Typus "Partei" schlechthin verliert massiv an Zuspruch, wird zunehmend weniger als Medium der Teilhabe genutzt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 22.02.2010
Das neue Buch "Im Herbst der Volksparteien?" des Göttinger Politologen Franz Walter empfiehlt Rainer Kühn vor allem Freunden der intensiven Textlektüre. Die historisch fundierten Analysen des Autors, die sich mit den Hintergründen des Niedergang der Volksparteien beschäftigen, findet der Rezensent "erfrischend" und "verständlich geschrieben", die Pointen erschließen sich aber nur bei genauem Lesen. Als Grund für den Untergang der Volksparteien sieht Walter das Schwinden des "Stamm-Milieus", wie Kühn berichtet. Das frühere "sozio-moralische Milieu" habe sich in ein "sozio-kulturelles Milieu" verwandelt, dessen Verhältnis zu den Volksparteien "einem marketingsstrategischen Ziegruppen-Verständnis" entspricht, bei dem die "Staatsbürger zu Kunden-Bürgern mutieren", so der Rezensent. Trotz der intensiven Untersuchung der historischen Bedingungen für soziale Veränderungen, sieht der Politologe noch keine Alternative, die fehlenden sozio-moralischen Grundlagen wie gemeinschaftliche Werthaltung und soziale Lebensumwelt zu ersetzen, wie Kühn feststellt.
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