Der Nonkonformismus der sechziger Jahre: Jugendszenen haben literarische Ambitionen. Sehr zum Ärger des Establishments, sie beschimpfen die "Keller-Poeten" als "Nonkonformisten". Diese verstehen das als Ehrentitel und beginnen fortan, laut und deutlich gegenzureden ? an heißen Themen fehlt es nicht: die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, das bernische "Asozialengesetz", die Expo in Lausanne ? Man demonstriert gegen die Inhaftierung von Militärdienstverweigerern, provoziert den Burgdorfer Literaturskandal, hisst die Vietcongflagge auf dem Berner Münster. Als Führer durch den nonkonformistischen Untergrund fungiert der Gammlerpoet René E. Mueller. Als Kind ein administrativ versorgter Unerziehbarer, später ein von Friedrich Dürrenmatt und Dieter Bührle finanziell unterstützter Schriftsteller, schließlich Asche im Indischen Ozean. Auf seinem Weg durch die sechziger Jahre hat er als Bürgerschreck kein Fettnäpfchen ausgelassen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 02.08.2001
Reto Sorg ist voll des Lobes über Fredi Lerchs Studie über den Nonkonformismus im Bern der sechziger Jahre. Achthundert Seiten dick, bleibt sie durch die gelungene Einteilung in fünf Hauptkapitel und viele überschaubare Kleinkapitel dennoch übersichtlich, findet er. Darüber hinaus begegne der Autor der Gefahr, sich zu verzetteln, mit der Einführung des Gammlerpoeten Mueller, dessen Geschichten sich wie ein roter Faden durch das Werk ziehen, erklärt Sorg. Die Figur dieses klassischen Antihelden sei auch deshalb ein gelungener Kunstgriff, weil durch sie die Schattenseite des Nonkonformismus vorgeführt und dadurch der Gefahr einer Verklärung entgegengearbeitetet werde. Eine Leistung der Studie sieht Sorg darin, dass sie den Achtundsechziger-Mythos unterlaufe und vor Augen führe, wie nonkonformistisch gewisse Aspekte der "bürgerlichen Kultur" und wie konformistisch ein Teil "der Linken" sei. Es werde deutlich, dass "Nonkonformismus im Kleinen zur Voraussetzung einer Emanzipation im Großen und Ganzen" werde, resümiert er abschließend.
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