Perlen und Edelsteine sind Metaphern für die Dichtung schlechthin. Friedrich Ohly, der Begründer der Bedeutungs- und Motivforschung, hat sich gefragt: Wie versteht Dichtung sich historisch - und innerhalb der Chronologie thematisch - geordnet, von den Ursprüngen des Perlen-Bildes in der Bibel bis in die Spätzeit selbst? Ohly lässt sich auf die Perlenmetaphern des orientalischen Mittelalters ein und thematisiert ihre enge Beziehung zum Mythos. Auch macht er auf den mentalitätsgeschichtlichen Bruch zu Beginn der Neuzeit aufmerksam, der die Bedeutung des Perlen-Bildes nachhaltig verändert. In der Neuzeit ist die dominante Vorstellung vom Werden der Perle die einer Krankheit der Muschel, der Entstehung des Werks aus dem Leiden. Nur zwei seiner Perlenaufsätze sind zu Ohlys Lebzeiten publiziert worden. Die anderen hob er für diese Edition auf, die noch kurz vor seinem Tod mit ihm gemeinsam geplant wurde.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 13.01.2003
Ralf Berhorst ringt dieser postum erschienene Band mit Aufsätzen zur Metapher der Perle in der Literatur nicht zuletzt deshalb einige Bewunderung ab, weil der 1996 gestorbene Autor während eines Vierteljahrhunderts einen "riesigen Textkorpus" nach der Perlenmetapher durchsucht habe. Der Rezensent würdigt Ohly als Begründer der mittelalterlichen Bedeutungsforschung und versteht das Buch als Frucht einer "großen Obsession". Besonders in orientalischen Texten hat der Philologe das Perlenmotiv gefunden, während es in westlichen Texten seltener vorkommt, fasst Berhorst die Ergebnisse des Philologen zusammen. Etwas unbefriedigend findet es der Rezensent allerdings, dass Ohly sich seinem Thema nicht "systematisch" genähert habe und nichts zum geschichtlichen und ästhetischen Hintergrund seiner Textfunde schreibt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 14.11.2002
Dass die Motivgeschichte der Perle Friedrich Ohly, im Hauptberuf bis zu seinem Tod 1996 Professor für Philologie an der Universität Münster, zur Passion geraten sei, glaubt man der Rezensentin Cornelia Jentzsch gerne. Nicht nur den unterschiedlichen Entstehungsgeschichten, die versuchen, den Mythos, der sich um sie rankt, zu erklären, hat er nachgespürt. Die Forschung nach der Bedeutung der Perle für den Menschen hat ihn sowohl in die Kultur- und Geistesgeschichte des Christentums, als auch in die Indiens, Arabiens, Chinas und des Judentums eintauchen lassen, staunt Jentzsch. Und auch ihre Präsenz in der Dichtung werde ausführlich beleuchtet. Entstanden sei somit eine Art Lexikon, und die Rezensentin ist überzeugt, dass der literarisch Interessierte dieses Buch, auch wenn es manchmal nicht einfach zu lesen sei, als Nachschlagewerk zu schätzen wisse.
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