Normalität bedeutete das Verlässliche in der Gesellschaft. Es war jene Zeit, als Familie noch lebenslange Schicksalgemeinschaft bedeutete und sich nicht ein- und ausschalten ließ wie ein Pay-TV-Programm. Damals begann nach der Ausbildung der "Ernst des Lebens" und nicht das nächste Praktikum. Es war jene Zeit, als man drei Freunde im Cafe traf und nicht 500 Freunde auf Facebook. Damals bekamen Banker noch einen Schreck, wenn sie das Wort Risiko hörten, und nicht wie ihre Nachfahren einen Erregungszustand. Das Kennzeichen unserer Zeit ist das Verschwinden der vielen Selbstverständlichkeiten. Millionen von Menschen spüren die Überforderung: Jedes Mal, wenn man alle Antworten gelernt hat, wechseln die Fragen. Dennoch muss der Gezeitenwechsel kein Drama sein, sagt Steingart. Das Gefühl der Fremdheit und die Vorfreude auf ein Leben, das anders sein wird als unser bisheriges, schließen sich nicht aus.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 26.03.2011
Nur lustig machen kann sich der Rezensent Johan Schloemann über diese Zeitdiagnose des Handelsblatt-Chefredakteurs (und früheren Spiegel-Manns) Gabor Steingart. Eine unfreiwillig komische Mischung aus - über weite Strecken - kulturkritischen Anmerkungen zur schrecklich angeschwollenen Komplexität des Lebens in der internet- und medien- und in jeder anderen Hinsicht verkomplizierungswütigen Gegenwart. Dann eine seltsam Nietzscheanische Wendung mit dem optimistischen Aufruf an die Mitwelt, angesichts der schwierigen Lage in Richtung Übermensch voranzuschreiten. Sonst hält Schloemann, versichert er, den Autor für zurechnungsfähig, hier aber kommt er ihm doch wie von allen guten Geistern verlassen vor.
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