Im Schnellzug nach Haifa
Reportagen

Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2024
ISBN
9783895614774
Gebunden, 256 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
1933 muss die Berlinerin Gabriele Tergit aus Deutschland fliehen und gelangt über Tschechien nach Palästina. Schreibend bahnt sie sich ihren Weg durch das Völkergewimmel in Jerusalem, Haifa und Tel Aviv und erlebt ein Land im Aufbruch. In hier teils erstmals veröffentlichten Porträts und Reiseschilderungen vermittelt sie ein sinnliches Bild von der ungeheuren Vielfalt Palästinas in den 1930er Jahren, lange vor der Staatsgründung Israels. Tergit trifft einen Fleischer aus Brest-Litowsk, der sich eine japanische Decke um den Bauch bindet und melancholisch Wurst schneidet;eine Berliner Zionistin, tüchtig und patent, die unermüdlich arbeitet und Feste organisiert, und einen Frommen aus Deutschland, den die jungen Leute auslachen. Zusammen mit den faszinierenden Fotos aus dem Archiv Abraham Pisarek schildern Tergits Geschichten eine Welt, in der manche Hoffnung zerbrach und doch vieles möglich schien. Erstmals um neunzehn ursprünglich von der Autorin für den Band vorgesehene Texte aus dem Nachlass erweitert, gewährt Im Schnellzug nach Haifa einen ganz neuen Einblick in die Entstehung des heutigen Israels.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 08.11.2024
Rezensent Natan Sznaider, Professor für Soziologie in Tel Aviv, eröffnet und schließt seine ausführliche Rezension zu Gabriele Tergits Palästina-Reportagen mit Zitaten der großen jüdischen Theoretikerin Hannah Arendt, um sowohl die Berührungspunkte der beiden Frauen und ihrer Biografien aufzuzeigen, als sie auch gegeneinander abzugrenzen. Gemein ist ihnen, abgesehen von der Herkunft natürlich und der Fluchterfahrung, die jüdische Perspektive und ihr ungemein klarer Blick aus dieser Perspektive auf die Gegenwart, sowie auch ein deutliches Bewusstsein dafür, "Teil einer jüdischen Tragödie" zu sein, so Sznaider. Dieses Bewusstsein präge Tergits Denken, jedoch ohne ihr den Humor zu rauben. Sie schreibt mit Witz, findet Sznaider, der ihre kurzen Reportagen als "Besuche bei Bekannten" beschreibt, deren Schicksale einem zugleich vertraut und doch unbekannt sei. Tergit braucht keinen großen theoretischen Überbau, um uns diese Bekannte auch heute, fast ein Jahrhundert später, näher zu bringen, denkt sich der mit den vom Schicksal gebeutelten Porträtierten mitfühlende Sznaider, darin unterscheide sie sich von Arendt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 25.09.2024
Rezensent Claus-Jürgen Göpfert rät dringend zur Lektüre der Reportagen, die Gabriele Tergit während ihres fünfjährigen Exils in Palästina verfasste. Auch, um die aktuellen Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern zu verstehen, wie der Kritiker ergänzt. Auf der Flucht vor den Nazis erreichte die jüdische Gerichtsreporterin 1933 schließlich Israel, wo ihr Mann bereits lebte, wohl fühlte sie sich dort nie, wie Göpfert den Texten entnimmt: Nicht nur, dass sie bald spürte, dass die Zionisten die Exilanten aus Deutschland als "Hochverräter" an der jüdischen Sache verachteten, empört musste sie bei einer Wahlkampfveranstaltung sogar feststellen, dass Zionisten das "nationale Heros" in Deutschland lobten, erfährt der Rezensent. Mit Interesse liest Göpfert darüber hinaus Tergits Beobachtungen von Orthodoxen in Jerusalem, jungen Einwanderen in Tel Aviv, bewundert ihre Schilderungen avantgardistischer Architektur oder ihre Notizen aus Haifa: Den Gegensatz zwischen der alten arabischen Stadt und dem modernen jüdischen Geschäftsviertel kann ihm Tergit gut vermitteln. Die in den Zwanzigern entstandenen Palästina-Fotografien von Abraham Pisarek, die im Band enthalten sind, sind für Göpfert ein zusätzlicher Gewinn.