Elias Hirschl: SchleifenFranziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In…
Die große literarische Reportage ist nicht gerade eine deutsche Spezialität. Man muss Navid Kermani also allein schon dafür dankbar sein, dass er unseren Blick mit seinem Buch "In die andere Richtung jetzt" (bestellen) über 272 Seiten nach Afrika lenkt, Ostafrika, um genau zu sein. "Es gab einen konkreten Auslöser", erklärte er im Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger, "die Hungerkatastrophe im Süden von Madagaskar, die nach Angaben der UN historisch die erste war, die direkt durch den Klimawandel verursacht wurde. Aber kaum jemand bekam das in Europa, in der Welt mit", so wenig wie die Bürgerkriege in Tigray oder dem Sudan, die in hiesigen Medien kaum eine Rolle spielen. Kolonialismus, Klimakatastrophe - Kermani nimmt all das in den Blick, doch verfällt er nicht in den Miserabilismus, mit dem Afrika oft beschrieben werde, er sucht auch nach Schönheit, die er vor allem in der Musik finde, erklärt Pascal Moser in der NZZ. Günter Wessel (dlf kultur) hat vor allem die Nähe und Empathie gefallen, mit der Kermani sich den Menschen auf den Komoren, in Mosambik, Tansania oder Äthiopien zuwendet. SZ-Rezensent Michael Bitala ist deutlich skeptischer: Einerseits rechnet er es Kermani hoch an, uns immer wieder ignorierte Ecken der Welt näher zu bringen. Andererseits sind ihm die Schilderungen in diesem Buch oft zu anekdotisch. Er vermisst die klassischen Journalistenfragen: wie, wer, wo, warum. Wenn Kermani sie doch mal stellt, lässt er sie "von Leuten beantworten, die selbst nicht viel wissen und nur mutmaßen können: von einem Geschäftsmann oder einem Imam", kritisiert Bitala, der dennoch "kleine, großartige Perlen" in diesem Buch findet.
Vielleicht ein Mittel gegen die Winterdepression ist Maike Albaths "Bitteres Blau" (bestellen), das vierte ihrer wunderbaren Italienbücher. Diesmal lässt sie uns in "einer Mischung aus Reportage, Autorenporträts und Stadtgeschichte" an ihren Streifzügen durch Neapel teilhaben, die unter anderem in den Stadtteil Sanità führen, wo die Vergangenheit lebendig wird, wie Rezensent Ulrich van Loyen in der FAZ verrät. Außerdem genießt sie den neapolitanischen Kaffee und bewundert Totenschädel in Krypten oder besucht den Palazzo Donn'Anna, am Ufer von Posillipo, der auf einem Vulkan sitzt. Aber auch auf geistige Ausflüge nimmt sie den Kritiker mit, wenn sie die reiche Literaturgeschichte der Stadt Revue passieren lässt und sich mit Matilde Serao, Benedetto Croce, Anna Maria Ortese und, natürlich, der mysteriösen Elena Ferrante beschäftigt. Am Ende findet Loyen einen Zugang zu der "sehr modernen Ambivalenz" Neapels.

Ans Herz legen möchten wir Ihnen außerdem noch Wassili Grossmans "Armenische Reise" (bestellen), die der russische Romancier 1961 unternahm, nachdem sein großer Roman "Leben und Schicksal" von den Behörde beschlagnahmt worden war. Die Schilderung seiner Reise durch Armenien, der fremden Kultur zwischen Verdauungsproblemen durch ungewohnte Kost oder Nahtoderfahrungen nach einem Besäufnis und Erinnerung an den Genozid ist äußerst lebendig und klug geraten, lobt in der NZZ Ulrich M. Schmid. Zugleich kann Grossman es kaum fassen, wenn die Armenier öffentlich vom Leiden der Juden unter den Nazis sprechen - anders als die Russen, die dieses Leiden lieber ignorierten, erzählt Olga Hochweis im dlf Kultur. Weil er im Buch seinen Dank dafür aussprach, durfte es in der Sowjetunion nicht erscheinen. Empfohlen werden auch Gabriele Tergits Reportagen "Im Schnellzug nach Haifa" (bestellen), die sie 1933 schrieb. Mit Interesse liest Claus-Jürgen Göpfert (FR) Tergits Beobachtungen von nationalistischen Zionisten, Orthodoxen in Jerusalem und jungen Einwanderen in Tel Aviv und Haifa: Den Gegensatz zwischen der alten arabischen Stadt und dem modernen jüdischen Geschäftsviertel kann ihm Tergit gut vermitteln. Und sie schreibt mit Witz, findet der Soziologe Natan Sznaider, der ihre kurzen Reportagen als "Besuche bei Bekannten" beschreibt, deren Schicksale einem zugleich vertraut und doch unbekannt sei. Und schließlich noch Leonie D'Aunets Bericht über die "Reise einer Frau in die Arktis" (bestellen) aus dem Jahr 1839. Die 19-Jährige begleitete damals ihren Verlobten, den Maler François-Auguste Biard, auf einer Forschungsreise nach Spitzbergen. Es geht um Frost in der Kabine, Hunger, Seekrankheit und anderes Ungemach, das die Autorin unverblümt schildert, aber auch um Besuche in Museen in Amsterdam und in den Bergwerken von Falun. Wie die Autorin schreibt, prägnant und mit Witz und viel Eigensinn, scheint Maximilian Gillessen in der FAZ bemerkenswert. Vor allem d'Aunets geradezu im "Rausch" notierte Naturbeschreibungen reißen NZZ-Kritikerin Walburga Hülk-Althoff mit, aber sie zeugen auch von einer eingehenden Beschäftigung mit dem wissenschaftlichen Material, versichert im dlf Kultur Dirk Fuhrig.