Graham Swift

Nach dem Krieg

Zwölf Erzählungen
Cover: Nach dem Krieg
dtv, München 2025
ISBN 9783423284622
Gebunden, 296 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Ein menschliches Panorama über Krieg und Frieden nach 1945. 1959: Herr Büchner steht einem britisch-jüdischen Soldaten gegenüber, der seine deutsche Verwandtschaft sucht. 1962: Kurz vor der Hochzeit seiner Tochter fürchtet Frank Green den Atomkrieg. 11. September 2001: Lucy, philippinische Hausangestellte einer Diplomatenfamilie, besucht mit deren vierjährigem Sprössling den Londoner Zoo. 2020: Der bereits pensionierte Dr. Cole fährt durch leere Straßen zu seiner Schicht im Krankenhaus. Privates trifft auf Politisches in diesen Geschichten, die Figuren erinnern sich, reflektieren ihr Leben. Was machen Krieg, Terror und gesellschaftliche Ausnahmezustände mit uns?

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.05.2025

Rezensent Thomas Steinfeld schreibt einen kleinen Exkurs zum Wesen, zur Gefahr, aber auch zum Potenzial der Sentimentalität, um uns die besondere Qualität und Originalität von Graham Swifts selbstbewusst sentimentalen Nachkriegsgeschichten zu vermitteln. Als Nachkriegsgeschichten - "Post-War Tales", wie es im Original-Titel heißt - versteht Swift Erzählungen, die sich mit Kriegen im weiteren Sinne, mit Katastrophen beschäftigen oder besser gesagt; mit jenen, die diese Katastrophen überleben, die zurück bleiben. In seinen zwölf sehr diversen Geschichten sind dies etwa der Verlust von nahestehenden Angehörigen, der 11. September 2001, der Zweite Weltkrieg oder die Covid-Pandemie. Mit einer Präzision und Präsenz, die Steinfeld als "fast unheimlich" beschreibt, eröffnet uns der sehr viel mehr als seine Figuren wissende Erzähler das Gefühlsspektrum der Überlebenden, lässt uns mitfühlen, schmerz- und zugleich genussvoll schwelgen in den Emotionen - den Emotionen anderer! Und genau das ist hier der Dreh: Wo sich Sentimentalität für gewöhnlich egozentrisch nach innen richtet, ändert dieser Autor die "Bewegungsrichtung" und verwandelt Sentimentalität so zu einem "Mittel der Erkenntnis", erklärt der mitfühlende Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 10.05.2025

"Meisterhaft" findet Kritiker Christoph Schröder die zwölf Erzählungen des Engländers Graham Swift, die sich der Frage widmet, wie Gewalt weitergetragen wird und nachwirkt. Die Auftakterzählung widmet sich beispielsweise der Begegnung des in Deutschland stationierten Soldaten Joseph Caan, der 1959 auf den Beamten Büchner trifft - dass dieser Englisch spricht, ist Überbleibsel seiner Kriegsgefangenschaft, ersterer hat sich auf das Amt begeben, um Auskünfte zum Verbleib seiner jüdischen Familienmitglieder einzuholen. "Emotional fein austariert" erzähle Swift auch von einem Großvater, der erst seine Frau, dann seine Enkeltochter verloren habe, oder von einer Frau, die einen Skandal auslöst, weil sie im Bus einen Sitzplatz neben einem schwarzen Soldaten wählt. Die Erzählungen werden für Schröder von der feinen Beobachtungsgabe des Autors getragen, aus dessen Zeilen zudem eine große Menschenfreundlichkeit spricht, wie er schließt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.04.2025

Rezensent Paul Jandl betrachtet Graham Swift als "brillanten Gegenwartsseismographen", das zeigt sich auch in diesen zwölf Erzählungen, die ganz präzise auf die Menschen schauen, die verschiedene Kriegszustände erleben und erlebt haben: In der Geschichte "Zoo" beispielsweise geht es um Lucy, das Kindermädchen eines Diplomatenpaars, das sich mit Danny, auf den sie aufpasst, verbrüdert, beide sind den Diplomaten irgendwie lästig und im Weg - plötzlich bricht der 11. September in den Alltag. Auch in den anderen Geschichte komme es immer wieder zu so einem plötzlichen Riss, zu den "Konkretionen eines Traumas", wie Jandl erklärt. In jenen Momentaufnahmen schimmern für Jandl aber immer auch Zuneigung und Versöhnung durch, wie etwa in der Geschichte um den ehemaligen Wehrmachtssoldaten Büchner, der nun als Beamter versucht, dem britischen Gefreiten Caan bei der Suche nach verschollenen Verwandten zu helfen. Für den Kritiker ein sehr gelungener Band, der auch die inneren Dimensionen seiner Figuren auszuleuchten versteht.

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