Marseille jedoch spielte immer eine besondere Rolle unter Frankreichs großen Städten. Sie verteidigte ihre Eigenständigkeit und wehrte sich gegen Zugriffe des Zentralstaats. Dafür wurde sie auch mehrmals hart bestraft. Das Buch beschreibt die große Bedeutung des Marseiller Hafens als Durchgangsstation für Waren und Reisende, Ein- und Auswanderer, Kolonialbeamte, Truppen- und Fluchtbewegungen. Auch Deutsche hatten mit dieser Stadt zu tun - als neugierige Literaten wie Egon Erwin Kisch, Joseph Roth, Siegfried Kracauer, Walter Benjamin, Kurt Tucholsky u.a., als antifaschistische Flüchtlinge oder als Besatzer im Zweiten Weltkrieg. Dass die zentralen Viertel von Marseille noch heute von Immigranten und kleinen Leuten bewohnt sind, passt der aktuellen Stadtpolitik nicht ins Konzept. Ob aber die "Normalisierung" gelingt, ist nicht sicher in dieser Stadt, in der die Dinge selten liefen wie geplant.
Eine "fundierte Stadtgeschichte" hat Günter Liehr hier vorgelegt, meint Knut Henkel, der darin die Stadt Marseille als große und reichlich widerspenstige Gegenspielerin der Hauptstadt Paris kennenlernt, auch wenn ihr das jüngste Domestizierungsprojekt "Euroméditerranée" ordentlich zu Leibe rückt. In seiner wertungsarmen Besprechung referiert der Kritiker im wesentlichen Liehrs Thesen und Beobachtungen: Als "Tor zum Orient" war die Stadt schon immer eher uneindeutig, stark von Einwanderung und, wie Henkel mit Liehr schildert, insbesondere deren Integration geprägt. Aus dieser urwüchsigen Uneindeutigkeit erwächst denn auch das rebellische Potenzial, das, wie sich Liehr Henkels Darlegungen zufolge offenbar recht sicher ist, auch von den gegenwärtigen Maßnahmen wohl nicht unterkriegen lassen dürfte.
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