Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2000
Jürgen Kesting befasst sich in einer im Detail recht interessanten Besprechung mit der Habilitationsschrift von Hinrichsen über den Pianisten, Dirigenten und Musikpädagogen von Bülow, der die Musikpraxis des 19. Jahrhundert maßgeblich beeinflusste. Vorab - zur Lesbarkeit des Buches: Kesting konstatiert 1497 Anmerkungen auf 360 Seiten und bemängelt zugleich das Fehlen eines Registers. Dennoch vergibt er Pluspunkte für diese komplexe musikwissenschaftliche Untersuchung, die er "sorgsam strukturiert" findet. Bülow verstand sich, schreibt Kesting, als aktiver Vermittler der Musik, das heißt er trat als Interpret nicht hinter dem Werk zurück, sondern erlaubte sich interpretatorische Eingriffe - bis hin zu regelrechten Änderungen. So sehr er damit einem - heutigen - puristischen Verständnis von Interpretation zuwider handelte, arbeitet Kesting im folgenden Hinrichsens These heraus, antizipierte von Bülow damit eine Akzentverschiebung von der "Kompositionskultur" - wo die Interpretation nichts galt - zur "Interpretationskultur": und das im "Zeitalter vor der technischen Reproduzierbarkeit" von Musik. Im übrigen erfährt man aus der Besprechung, dass sich die Urtextausgaben, die Klavierschülern heute geläufig sind, einer Gegenreaktion zu von Bülows eigenmächtigen Bearbeitungen verdanken.
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