Klimawandel, Kriege, Kapitalismuskrise. Der Ausnahmezustand wird zum Normalfall. Wer geglaubt hat, es könnte nicht schlimmer kommen, wurde jüngst eines Besseren belehrt. Im April 2010 havarierte die Ölplattform Deepwater Horizon, fast genau ein Jahr später brachte ein Tsunami das AKW Fukushima an den Rande des Super-GAUs. Erdöl und Atomkraft - die Pfeiler, auf denen die westliche Welt steht, wanken beträchtlich. Allen Warnzeichen zum Trotz lautet die Maxime: "Immer schneller, immer mehr". Doch wo soll diese Tempofahrt hinführen? Bleibt auf dieser Flucht nicht gerade das auf der Strecke, was unser Menschsein wirklich ausmacht?
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2011
Eine Warnung vor Expertenkultur ausgerechnet von einem Physiker? Christian Geyer stuft das Buch von Hans-Peter Dürr denn auch als pointierte Polemik ein, mit der der Heisenberg-Schüler die Binnenlogiken der Forschung zwar transzendieren, aber nicht aufheben möchte. Der Mann, so Geyer, sei schließlich kein Feind der Wissenschaften. Dürr liegt nur daran, die Verantwortung nicht den natur- und wirtschaftswissenschaftlichen Pfadfindern allein zu überlassen. Geyer entdeckt hinter diesem Anspruch ein Programm der Erkenntniskritik, das es in sich hat. Zwar legt der Autor dem Rezensenten keinen zusammenhängenden Essay vor, eher eine Art "Wörterbuch des Wandels". Dürr schreckt dabei jedoch nicht davor zurück, seinen Ansatz quantenmechanisch zu unterfüttern. Da kann Geyer nur staunen, weil er die Biologie hier eigentlich für zuständig hielt. Doch Dürr macht ihm klar: Verantwortung erstreckt sich weiter, auf die Bereiche Wissenschaft und Zivilgesellschaft, Arbeit und Zukunft und Poesie. Ja, Poesie. Gerade ihr traut der Autor im Zusammenspiel mit Wissenschaft offenbar einiges zu. Der Rezensent ist gespannt, wer den Faden aufnimmt.
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