Friedrich Sieburg gehörte zu den intellektuellen Gründungsvätern der Bundesrepublik, doch sein Vermächtnis hat man bis heute kaum wahrgenommen. Dieser "sonderbare Kopf" (Thomas Mann) war ein Schriftsteller und Journalist von europäischem Format, der sich mit der rheinischen Provinz-Republik anfreunden musste, ein als Nazi-Kollaborateur Verfemter, der sich zum Propagandisten einer neuen, reizbaren Bürgermoral wandelte. Friedrich Sieburg entwickelte einen konservativen Avantgardismus mit oppositionellem Temperament und versuchte aus den ideologischen Zerklüftungen des 20. Jahrhunderts Geisteskräfte zurückzugewinnen für die Zivilisierung der Deutschen in einem künftigen demokratischen Europa. Dieser Kritiker hat seit den frühen fünfziger Jahren Entscheidendes zur Profilierung der Intellektuellenfigur im Nachkriegsdeutschland beigetragen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 14.11.2015
Wilhelm von Sternburg respektiert Harro Zimmermanns Respekt für den Stilisten und Ästheten Friedrich Sieburg und sein publizistisches und schriftstellerisches Werk, das der Autor ihm genau lesend vorstellt. Allerdings ist Sternburg auch froh darüber, dass Zimmermann Sieburgs Opportunismus und seine Ruhmsucht ebenfalls thematisiert, die ihn zwar nicht zum Antisemiten und Gewalttäter, aber doch zum aktiven Mitläufer des NS-Regimes werden ließen, wie der Rezensent weiß. Wie Sieburg Heine diffamierte und gegen die deutsche Nachkriegsliteratur wetterte, erfährt der Rezensent in Zimmermanns "wichtiger" Sieburg-Biografie außerdem.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2015
Rezensent Lutz Hachmeister sieht in Harro Zimmermanns Biografie über Friedrich Sieburg auch eine gute Grundlage für einen Fernsehmehrteiler. Als auf bekanntem Material basierende Lebensgeschichte taugt der Band ihm aber auch. Schon wegen der eleganten Schreibe des Autors, der den einstigen FAZ-Literaturchef mit ostentativ subjektivem Stilempfinden in seiner ganzen schillernden Persönlichkeit zeigt, wie Hachmeister erklärt. Was lernt er bei Zimmermann hinzu? Er erfährt Genaueres über Sieburgs Beziehungen zum "Tat"-Kreis, erkennt ihn mit Hachmeister als intellektuellen Mitbegründer der BRD und stellt schließlich fest, dass "substantiell" von diesem Publizisten nicht viel geblieben ist. Sieburgs antisemitische Ausfälle gegen Heine mag er lieber nicht mitrechnen.
Harro Zimmermanns Friedrich-Sieburg-Biografie mangelt es laut Tilman Krause vor allem an einem: Notwendigkeit. Wenn schon kaum jemand noch Sieburg liest, wie Krause weiß, dann muss so eine Biografie wenigstens Neues bieten, findet der Rezensent. Bei Zimmermann findet Krause zwar treffende Charakterbeschreibungen für den ersten Literaturpapst der Bundesrepublik, klare Worte für dessen latent nervendes Aufsteigertum und nüchterne Beurteilungen von Sieburgs Karrierestufen. Mehr als eine mitunter sehr weitschweifige Fleißarbeit kann Krause in all dem allerdings nicht erkennen, und vor allem nichts, was nicht schon über Sieburg geschrieben wurde.
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