Helon Habila

Reisen

Roman
Cover: Reisen
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2020
ISBN 9783884236369
Gebunden, 320 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Susann Urban. Ein in den USA lebender nigerianischer Akademiker besucht seine amerikanische Frau Gina in Berlin. Gina ist Kunststipendiatin und arbeitet derzeit an einem Projekt über Migrant*innen. Auch der Protagonist lernt in Berlin viele afrikanische Immigrant*innen und Geflüchtete kennen und erfährt so von ihren Fluchterlebnissen. Diese Begegnungen führen bei ihm, der als schwarzer Intellektueller ein privilegiertes und sicheres Leben führt, völlig unerwartet zu einer tiefen Selbstreflexion: Er stellt sein bisheriges Leben in Frage und merkt, dass er unlösbar mit deren Schicksalen verbunden ist und sein Leben nicht länger getrennt von der alltäglichen Not der Migrant*innen führen kann. Die Geschichten dieser Menschen führen ihn von einem Berliner Nachtclub in ein Flüchtlingslager auf Sizilien, zu einem Arzt aus Libyen, dessen Frau und Kind im Mittelmeer ertrunken sind, sowie nach London zu einem im Exil lebenden Dichter aus Malawi.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.02.2021

Rezensent Jonathan Fischer fällt vor allem die Solidarität und Nähe auf, die Helon Habila für die Flüchtlingsschicksale aufbringt, die er in seinem Buch dem Leser vermittelt. Auch wenn schon viel über die Flucht nach Europa geschrieben wurde, gelingt es dem Autor laut Fischer, den Leser für seine Figuren zu interessieren, den libyschen Arzt, der Frau und Kind im Meer verloren hat, den Transsexuellen, der in der Berliner Szene unterkommt, dann aber doch Suizid begeht, die sambische Studentin, die den Tod ihres Bruders untersucht. Die Mischung aus Zeitzeugenberichten und damit lose verbundenen Notizen des Autors über Begegnungen mit Flüchtlingen überzeugt Fischer, weil sie den Menschen das Wort gibt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 03.02.2021

Rezensentin Marie-Sophie Adeoso ist Helon Habila dankbar für einen differenzierten Blick auf die Lebensrealitäten afrikanischer Migranten in Deutschland. Wie Habila seinen Protagonisten, einen nigerianischen Stipendiaten, auf Reisen durch Europa auf das Elend der Flüchtlinge stoßen und ihren Schicksalen nachspüren lässt, empathisch, ohne Melodramatik, hat die Rezensentin berührt und überzeugt. Umso mehr, als dabei kein Pamphlet herauskommt, sondern ein Roman mit genauen Beobachtungen und berührenden Geschichten.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.01.2021

Acht Jahre lang hat Rezensent Uwe Stolzmann auf den nächsten Roman des phänomenalen Helon Habila gewartet. Mit "Reisen" wird er dafür reichlich belohnt, wobei es erst einmal gar nicht danach aussieht. Der Anfang der Geschichte wirkt nämlich vor allem verwirrend auf den Rezensenten. Der Ton ist lax, die Handlung unklar - alles in allem so gar nicht das, was er von dem nigerianischen Talent kannte. Sobald sich Habila jedoch seinem eigentlichen Gegenstand zuwendet, erreicht er wieder die vertraute Größe, so Stolzmann. In sechs Kapitel beschreibt Habila sechs teilweise brutale Schicksale von Geflüchteten, lesen wir. Dass Stolzmann so lange darauf warten musste, liegt auch an Habilas Recherchemethode. Zur Vorbereitung hat er mit den Überlebenden eines Bootsunglückes vor Lampedusa gesprochen. Immer wieder hat er sich die Geschichten der Geflüchteten angehört, nun vermittelt er sie uns. Oder wie der Rezensent sagen würde: "Er hat die Unsichtbaren sichtbar gemacht", und zwar auf so eindrückliche Weise, dass wir sie nicht mehr übersehen können.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 01.12.2020

Dank einer großzügigen literarischen Standortförderung hat sich so etwas wie das Genre des "Berlin-Romans" herausgebildet, freut sich Rezensentin Insa Wilke und verortet darin auch Helon Habilas Erzählungen "Reisen". Der nigerianisch-amerikanische Autor hat mit einem DAAD-Stipendium einige Monate in der Stadt verbracht, und wie er nun in seinen Transitgeschichten von Menschen erzählt, die den Weg seines Alter Ego kreuzen - eine Transperson aus Malawi, eine Frau aus Sambia, ein Arzt aus Libyen, der als Türsteher arbeitet, dazu Figuren aus der Berliner Kunst- und Aktivistenszene -, das findet Wilka klug, ergreifend und schillernd. Und sehr Berlin.