Ian Bostridge

Das Lied & das Ich

Betrachtungen eines Sängers über Musik, Performance und Identität
Cover: Das Lied & das Ich
C.H. Beck Verlag, München 2023
ISBN 9783406808661
Gebunden, 142 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Annabel Zettel. "Wenn man als Sänger auftritt, dann nimmt man eine Stimme an, aber bis zu welchem Grad ist diese Stimme Deine eigene? Oder die des Komponisten? Oder die des Dichters oder Librettisten? Und inwieweit bringt das Musikstück, das Du interpretierst, eine stille, manchmal unterschwellige Geschichte mit sich, die vielleicht Fragen aufwirft, welche im Konzertsaal selten gestellt werden können?" Ian Bostridge erkundet in seinen Essays die hochkomplexe Interaktion zwischen der Identität des aufführenden Künstlers und den Identitäten, die intentional in einem Kunstwerk zum Ausdruck gelangen oder doch darin verborgen eingelagert sind. Claudio Monteverdis Oper "Il combattimento di Tancredi e Clorinda", Robert Schumanns "Frauenliebe und Leben" und die "Chansons Madécasses" von Maurice Ravel bilden dabei Anschauungsmaterial, an dem sich sowohl die "ewigen" Fragen der Interpretationskunst wie auch aktuelle Herausforderungen, etwa das Problem der "kulturellen Aneignung", diskutieren lassen. Gender, Race und Tod in der Musik

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2024

Statt sich wie früher als Historiker mit Hexen zu beschäftigen, ergründet der erfolgreiche Tenor Ian Bostridge in seinen an der Universität Chicago gehaltenen Vorlesungen die "epischen Tiefenschichten" von Gesang und Interpretationen ausgewählter Opern, schreibt Rezensent Patrick Bahners. Ein Glück für andere Hexenforscher, dass er das Terrain gewechselt hat, so der Kritiker, denn Bostridges Analysen sind so so intelligent wie pointiert. So auch hier: Bostridge nimmt sich beispielsweise Humphrey Carpenters Biographie über den Komponisten Benjamin Britten vor und weist auf Fehlschlüsse hin, die dem Autor in der Werkinterpretation von Brittens Oper "Curlew River" unterlaufen. Bostridge konzentriert sich auf die "Objektivität der Werkgestalt" und zeigt, dass Carpenter den lebensgeschichtlichen Hintergrund des Komponisten überschätzt. In der Folge teilt weitere Rügen aus, so der Rezensent, schreibt gegen "musikkritische Klischees" an und denunziert die Tendenz, äußere Faktoren eines Werkes und Inhaltliches zu vermischen. Ein wichtiger Beitrag zur Debatte um die Rolle der eigenen Identität in der Kunstszene, schließt der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.11.2023

Wenn Ian Bostridge sich über Musik äußert, wird Rezensent Helmut Mauró hellhörig. Der Brite ist nämlich nicht nur einer der bekanntesten Tenöre weltweit, sondern auch studierter Historiker, der sich bereits mit Arbeiten zu Hexerei und zu Schuberts "Winterreise" auch in der Theorie einen Namen gemacht hat. In seinem neuen Buch widmet er sich dem Verhältnis von Künstler oder Künstlerin und Figur. Seiner Überzeugung nach ist Musik immer eine "Aufführung" und jede Figur bedarf der interpretierenden Darstellung - sie muss sozusagen erst durch den individuellen Charakter des Darstellenden ins Leben gerufen werden. In seinem ersten Kapitel geht Bostridge dann gesondert auf Genderidentitäten ein - das Spiel mit Geschlechterrollen in einem von Monteverdis Stücken zum Beispiel. Mauró kann Bostridge in allem folgen und zustimmen, fragt sich allerdings, ob es nicht auch ein "Identitätsproblem" zwischen dem Theoretiker Bostridge und dem Künstler bzw. Autor Bostridge gibt, der immer als "nonbinäre" Figur auftrat. Dass der Autor auf dieses "Problem" nicht eingeht, tut dem intellektuellen Mehrwert seines Buches aber offenbar keinen Abbruch. Bostridge deutet die ausgesuchten Musikstücke auf spannende Weise neu, ohne ihnen Gewalt anzutun durch den Anspruch, die gesamte Musikgeschichte umzuschreiben - sein Buch ist vielmehr ein "aufschlussreiches ergänzendes Kapitel", so der angetane Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.10.2023

Positiv und routiniert bespricht Christine Lemke-Matwey diesen Band: Reflexionen eines cantor doctus seien das, auch wenn er bestimmt nicht so genannt werden will, der in seinen Texten um viele Komponisten kreist, von Monteverdi bis Ravel, und immer wieder um Benjamin Britten, dabei aber immer wieder eine Frage stelle, nämlich die Frage "wer singt, wenn er selber singt". Ist das Singen ein Schauspielen, eine Identifikation mit einer Rolle, ein Vorführen? Es handelt sich um Vorlesungen, die Bostridge wohl per Bildschirm in der Corona-Zeit gehalten hat, erläutert die Rezensentin. Der Sänger hatte Zeit, und das hat der Reflexionstiefe seiner Texte nur genutzt, so scheint es. Lemke-Matwey kann das Bändchen jedenfalls nur empfehlen.

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