Ingeborg Bachmann

"Senza casa"

Autobiografische Skizzen, Notate und Tagebucheintragungen. Salzburger Bachmann Edition
Cover: "Senza casa"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783518431573
Gebunden, 336 Seiten, 42,00 EUR

Klappentext

Autobiografische Versuche, 'Kriegstagebuch' und bislang unveröffentlichte Selbstzeugnisse sowie das 'Neapolitanische Tagebuch' aus Bachmanns aufregender frühen Zeit als freie Schriftstellerin: Aus diesen Texten, erstmals versammelt im neuen Band der Salzburger Bachmann Edition, lassen sich bisher unbekannte biografische Einblicke gewinnen. Sichtbar werden die Schattenseiten eines Vagabundierens zwischen vielen Orten und Sprachen - von der italienischen Wohngemeinschaft mit Hans Werner Henze auf Ischia und in Neapel über Aufenthalte in Wien, Klagenfurt, Paris und Rom bis zu Lesereisen durch Deutschland. Deutlich erkennbar wird die Spannung zwischen der Utopie eines freien Künstlerlebens und der Sorge um das ökonomische Überleben. Die vielen bruchstückhaften Notate und Textsorten spiegeln ein buchstäblich 'verzetteltes' Leben wider, das Wagnis, sich einem ungesicherten Dasein auszusetzen. Aus ihnen spricht die intime Stimme eines Ich, die ebenso spontan und unmittelbar wie auch zögernd, manchmal hart und apodiktisch wirkt und die im Lauf der Jahre zunehmend brüchiger und fragiler wird. In ihrer Poetik der 'Übergängigkeit' von Kunst und Leben eröffnet sich Bachmann einen Experimentier- und Erfahrungsraum für eine Existenz "senza casa".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.10.2024

Neue Erkenntnisse über die Freundschaft und verhinderte Partnerschaft von Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze enthält diese Veröffentlichung laut Rezensentin Christiane Albiez. Bachmanns bisher unbekannte Tagebuchaufzeichnungen legen dar, meint Albiez, dass die Beziehung, die Henze und Bachmann in den 1950ern eingingen, von Ungleichheit bestimmt war. Verantwortlich war dafür zum einen, erläutert Albiez entlang der Lektüre, dass Henze als Komponist schon sehr erfolgreich war, Bachmann jedoch noch am Anfang ihrer Karriere Schriftstellerkarriere stand. Zudem stand der Hoffnung auf erfüllte Zweisamkeit Henzes Homosexualität im Weg, beziehungsweise Bachmanns Frustration darüber, dass er sie nicht sexuell begehrte. Die Tagebuchaufzeichnungen legen den tiefen Schmerz offen, den Bachmann damals empfand und von dem sie sich nie wieder ganz erholte, beschreibt Albiez. Außerdem findet sich in dem Buch laut Rezensentin eine Neuedition des Kriegstagebuchs Bachmanns aus 1944/45. Insgesamt eine relevante Veröffentlichung, die neue Einblicke verschafft in das bewegte Leben Bachmanns und auch Henzes, so das Fazit.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.09.2024

Eine wichtige Ergänzung der Literatur zu Ingeborg Bachmann liegt laut Rezensentin Andrea Köhler mit diesem Band vor: eine Kompilation von Tagebucheinträgen und autobiografischen Skizzen der Autorin, die die Zeit bis 1969 umfassen und unter anderem die Beziehungen Bachmanns mit Max Frisch und Paul Celan umfassen. Von tiefen Existenzängsten und einer grundlegenden Einsamkeit, aber auch von einem extremen Liebesbedürfnis künden die hier versammelten Texte, beschreibt Köhler, die allerdings darauf hinweist, dass Bachmann nicht regelmäßig Tagebuch führte, sondern lediglich dann, wenn es ihr schlecht ging. So fügen sich, erläutert die Rezensentin, die Texte dieses Buches nicht zu einer abgerundeten Geschichte, sondern erhellen eher schlaglichtartig die inneren Zustände einer Autorin, ihre Gier nach Leben sowie ihren unbändigen Schaffensdrang. Ebenfalls deutlich wird aus dieser Kompilation, meint Köhler, das stets einer unbedingten Wahrhaftigkeit verpflichtete Denken Bachmanns. Ein erhellender Einblick in eine zerrissene Schriftstellerinnenseele, so das Fazit.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.08.2024

Rezensent Helmut Böttiger atmet auf: Endlich ein Buch zu Ingeborg Bachmann, das die Dichterin weder mystifizieren noch entmystifizieren will, sondern tatsächlich einen weitgehend unverstellten Blick auf gewisse Lebensaspekte Bachmanns ermöglicht - im Rahmen des Möglichen: Denn es sind nur wenige persönliche Notizen und Tagebucheinträge, die Bachmann auf verstreuten Zetteln zwischen ihren literarischen Werken hinterlassen hat und die die Herausgeberinnen in diesem schmalen Band der Werkausgabe treffend unter dem Begriff "Verzettelung" versammeln, lobt Böttiger. Augenscheinlich werden dem Kritiker dabei verschiedene, zum Teil auch noch unbekannte Elemente von Bachmanns Dasein: Es geht um die Verzweiflung angesichts der verschiedenen Rollen, über die sie die Kontrolle zu verlieren schien, um Schlaflosigkeit wegen finanzieller Nöte, um die langjährige Beziehung zum französischen Journalisten Pierre Évrard, zählt Böttiger auf. Als die besondere "Entdeckung" der Edition hebt er das "Neapolitanische Tagebuch" (so benannt von Herausgeberinnenseite) hervor, das spannende Einblicke in die vor allem künstlerisch, aber auch sinnlich aufwühlende Zeit im Jahre 1956 biete, wo Bachmann mit dem homosexuellen Hans Werner Henze zusammen in Neapel wohnte. Ein "eindrücklicher" Band, der die "radikale Konfrontation von Künstlertum und Gesellschaft" in Bachmanns Leben hervorkehre, lobt Böttiger.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 07.08.2024

Mit Ingeborg Bachmanns unter dem Titel "Senza casa" versammelten Tagebuchaufzeichnungen ist in der Salzburger Werkausgabe ein höchst bedeutsamer, bisher unentdeckter Teil des Werkes der Schriftstellerin erschienen, urteilt Rezensent Helmut Böttiger. In großen Abständen, auf verstreuten Zetteln hat Bachmann Skizzen und Notate geschrieben, die laut dem Rezensenten von ihrer existenziellen Unsicherheit und von empfundener Ortlosigkeit zeugen, aber auch viel über das Bachmanns Werk prägende problematische Verhältnis von Leben und Schreiben, Künstlerinnentum und bürgerlicher Existenz aussagen. Besonders wertvoll sind Böttiger zufolge Bachmanns Notizheft aus dem Jahr 1956, das sie großenteils mit dem Komponisten Hans Werner Henze in dessen Wohnung in Neapel verbrachte. Die mit einem Vorwort von Hans Höller versehene Herausgabe dieser intimen Notate Bachmanns begrüßt der Rezensent sehr.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.07.2024

Rezensentin Sigrid Löffler vergleicht die mit dem zehnten Band der Salzburger Gesamtausgabe vorliegenden autobiografischen Skizzen und Notate Ingeborg Bachmanns und namentlich die beiden "Kernstücke" miteinander, die Journale von 1945 und 1953 und stellt fest: Erst die Vorfreude eines "Jungmädchen-Journals" und dann: Enttäuschung, Gefühlskrise. Was die Herausgeber aus dem Nachlass gefiltert haben, zeigt laut Löffler eindringlich, wie sehr die Mesalliance mit Hans Werner Henze, die in einem gemeinsamen Aufenthalt auf Ischia kulminierte, die Autorin erschütterte und bei ihr Existenzängste auslöste. Tragisch, meint Löffler, die in den angehängten Faksimiles der Briefentwürfe die pure Verzweiflung erkennt.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 19.07.2024

Rezensentin Elke Schlinsog liest gebannt Ingeborg Bachmanns "nacktesten" Nachlass-Texte in dieser von Isolde Schiffermüller, Gabriella Pelloni und Silvia Bengesser besorgten Edition. Die versammelten autobiografischen Zeugnisse bieten ihr Bekanntes wie das "Kriegstagebuch", vor allem aber nicht Bekanntes wie das "Neapolitanische Tagebuch", in dem Bachmann ihre hoffnungslose Liebe zu Hans Werner Henze und ihren gemeinsamen Aufenthalt in Neapel 1956 behandelt. Das ist emotional, das ist poetisch, freut sich Schlinsog, und humorvoll ist es auch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.07.2024

In der Salzburger Werkausgabe von Ingeborg Bachmann ist ein neuer Band mit bisher überwiegend unveröffentlichten Texten erschienen, den die Germanistin Martina Wagner-Egelhaaf bespricht: Die in den 40er und 50er Jahren entstandenen Aufzeichnungen sind stark autobiografisch geprägt, erklärt sie, und sie zeigen, wie auch die Herausgeberinnen meinen, die "Übergängigkeit von Leben und Literatur." Ein literaturwissenschaftlicher Kommentar interpretiert behutsam die Texte um Autorschaft, Selbstbild, nicht gelingende Liebe, aber auch die Selbststilisierung, die damit einhergeht, so Wagner-Egelhaaf, die den Band offenbar mit Gewinn gelesen hat. Dass die Texte zum Teil auch mit Faksimiles ediert sind, lässt für die Rezensentin die Arbeitsweise Bachmanns greifbar werden. Auch erste Bezüge auf Bachmanns späteres "Todesarten"-Projekt offenbaren sich ihr.

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