Die letzte Einstellung
Graphic Novel

Reprodukt Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783956404528
Gebunden, 304 Seiten, 29,00
EUR
Klappentext
Berlin, Spätsommer 1944: Heinz Hoffmann lebt seit elf Jahren als "verbotener Autor" in der inneren Emigration, als ein Luftangriff seine Wohnung zerstört und er Zuflucht bei seiner ehemaligen Geliebten Erika Harms suchen muss. Die UFA-Mitarbeiterin bringt ihn ins Spiel, als händeringend ein Ghostwriter für das Drehbuch eines vom NS-Propagandaministerium dringlichst angeforderten "Durchhaltefilms" gesucht wird. Durch Widrigkeiten und staatliche Repressalien mürbe geworden, lässt Heinz sich schließlich darauf ein… Als die Filmproduktion dauerhafter Bombardierungen wegen von Babelsberg aufs Land verlegtwird, finden sich auch Heinz und Erika unter den Glücklichen, die mitreisen dürfen. Und während in ihrem Potemkinschen Dorf bald niemand mehr weiß, ob ihr Tun angesichts der auch hier nahenden Alliierten noch zielführend ist, ringt Heinz Hoffmann mit seinem Gewissen: Wie sehr ist er um des Überlebens willen ein Teil des national-sozialistischen Systems geworden?
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 26.07.2025
Kritiker Christoph Haas befasst sich mit zwei Graphic Novels von Paco Roca und Isabel Kreitz, die vom "Zeitalter der Extreme" im 20. Jahrhundert handeln, aber auch einiges über unsere heutige Zeit wissen. Paco Roca erzählt vom spanischen Bürgerkrieg und vom Franquismus anhand seiner Protagonistin Josefa Celda, die 2013 nach über siebzig Jahren das Skelett ihres Vaters identifizieren konnte, weil ein Totengräber sich die Mühe gemacht hatte, jede Leiche mit Namen zu versehen, erfahren wir. Gestalterisch seien die Panels im Stil der "Ligne claire" angelegt, es gehe vor allem darum, in den Vor- und Rückblenden die Gefühle der Personen zu zeigen. Bei Isabel Kreitz geht es um die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs, so Haas, im Zentrum steht der verfemte Autor Heinz Hoffmann, Erich Kästner nachempfunden, der dank einer früheren Affäre anonym an einem Durchhaltefilm der Ufa mitarbeiten kann. Im naturalistischen, aber bisweilen etwas "rückwärtsgewandtem" Stil zeichne Kreitz eine Welt, in der sich jeder irgendwie so durchschlägt und in der die Absurdität der finalen Phase der Nazi-Herrschaft zum Ausdruck komme. Haas überzeugen besonders die lebendigen Dialoge, in denen die Nazis als ehrlos und niederträchtig erscheinen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 22.07.2025
Einen starken Comic legt Isabel Kreitz Rezensent Christian Gasser zufolge hier vor. Hauptfigur ist Heinz Hoffmann, ein fiktiver Schriftsteller, der teilweise, auch grafisch, Erich Kästner nachgebildet ist - wie Kästner wird Hoffmann nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 mit Berufsverbot belegt, bleibt aber in Deutschland und geht in die sogenannte "innere Emigration". Zwei Episoden dieses Lebens stehen im Comic laut Gasser im Zentrum, zunächst befinden wir uns am Anfang der Nazizeit, in der sich Hoffmann, stets dem Alkohol und auch Frauengeschichten zugetan, mit einer Assistentin in einen Kurort absetzt, um an einem Drehbuch zu arbeiten. Die zweite Episode spielt am Ende des Zweiten Weltkriegs, Gasser hat Geldsorgen und wird in die Arbeit an einem Propagandafilm hineingezogen, den Goebbels in Auftrag gegeben hat. Klug verhandelt Kreitz Themen wie den Widerstreit zwischen Gewissensbissen und faktischer Kollaboration, beschreibt der Rezensent, dem auch die dunkel eingefärbten Bleistiftzeichnungen gefallen, die die Veröffentlichung in visueller Hinsicht prägen. Besonders beeindruckt ist Gasser davon, dass die Geschichte allein über Dialoge statt über erklärende Texte vorangetrieben wird. In Zeiten eines grassierenden neuen Autoritarismus ist dieser Comic nicht zuletzt hoch aktuell, bekräftigt Gasser.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 27.06.2025
Rezensent Wilfried Hippen lobt die einfallsreiche und vielschichte filmische Erzählweise der Comic-Künstlerin Isabel Kreitz. Der neue Comic der Autorin, der sich mit dem faschistischen Film im Dritten Reich befasst, mit den Machtspielen bei der Ufa, mit Erich Kästner und mit einem verliebten Paar in der Trümmerlandschaft Berlins überzeugt Hippen durch seine Detailfülle, seinen emotionalen Ton, seine ausdrucksstarken Nahaufnahmen und seine gekonnte Verzahnung der verschiedenen Erzählstränge.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 11.06.2025
Es ist kaum verkennbar: Hinter Heinz Hoffmann, dem Helden von Isabel Kreitz' neuester Graphic Novel, verbergen sich zumindest Anleihen an Erich Kästner, klärt uns Rezensent Fritz Göttler auf. Kreitz, die bereits Kästner-Bücher in Graphic Novels verwandelte, erzählt hier die Geschichte eines Schriftstellers, der trotz Berufsverbots Drehbücher für die Nazis schrieb. Die Parallelen zu Kästner sind dabei offenkundig, so der Kritiker: Jener Hoffmann trinkt nicht wenig, jagt Frauen hinterher, auch während seiner Beziehung Ufa-Assistentin Erika und verharrt die Nazi-Jahre über in einer "dubiosen" Grauzone zwischen Opportunismus und Widerstand, fährt der Rezensent fort, der von der Autorin auch mit ans Set von Durchhaltefilmen genommen wird. Allein die Porträts, die Kreitz von Branchengrößen entwirft, findet Göttler großartig. Vor allem aber bewundert er, wie die Autorin das Grau des Kriegsalltags gegen die "Gewitztheit" der Filmleute schneidet. Und schon der "atemberaubend dichte", vorangestellte Epilog ist die Lektüre wert, versichert Göttler.