Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Nicoliens Mutter vergisst. Erst vertauscht sie die Tage, dann kann sie ihre Lieblingslieder nicht mehr mitsingen, zuletzt verirrt sie sich in der Wohnung. Über knapp drei Jahrzehnte wird ihre Demenz in vielerlei Alltags- und Ausflugsszenen mit den schleichenden Veränderungen beschrieben. Alsbald wähnt man sich im Wohnzimmer der Familie, mit Schnaps in der Hand und Kuchen auf dem Tisch, erfüllt von Zuneigung und Hilflosigkeit. Wie in einem Super-8-Film werden der Gedächtnisverlust und die Reaktionen der Angehörigen, die zwischen Verärgerung, Irritation, Trauer und Ungeduld schwanken, in einer Fülle von lebendigen Details nachgesponnen. In genau abgelauschten Dialogen und auf musikalische Weise, in Varianten, Schleifen, Pausen erzählt J. J. Voskuil die Geschichte einer Frau, die zunehmend unerreichbar wird. Eine Frau wird buchstäblich um den Verstand gebracht - von einer Krankheit. Mitunter ist es zum Lachen, welche absurden Bemerkungen sie macht. Doch vor allem ist ihr Vergessen beunruhigend. Schleichend entwickelt sich die Demenz, unberechenbar. Eine wahre, ebenso traurige wie alltägliche Geschichte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.01.2022
Rezensent Wolfgang Schneider liest das Spin-off von J. J. Voskuils Romanzyklus "Das Büro" mit Beklemmung. Die Geschichte der Ehefrau des Romanhelden Maarten, genauer ihrer dementen Mutter, erzählt Voskuil laut Schneider als Abfolge der unausweichlichen Stadien der Erkrankung. Unheimlich wirkt das auf Schneider auch deshalb, weil der Autor nichts erklärt, sondern nur genau dokumentiert. Spannung entsteht dennoch, so Schneider, da der Leser auf die jeweils nächste Krankheitsstufe wartet. Ein Schrecken mit Ansage für den Rezensenten. Gerd Busses Übersetzung folgt der Lakonie des Originals, lobt Schneider.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 24.06.2021
Rezensent Thomas Steinfeld ahnt die Hintergründe der Sachlichkeit in diesem Text von J. J. Voskuil, einem "Abkömmling" des "Büro"-Siebenteilers mit dem bereits bekanntem Personal. Die Geschichte der Demenz der Mutter der "Büro"-Helden-Gattin Nicolien von den 50ern bis in die 80er erzählt der Autor laut Steinfeld undramatisch Stück für Stück, konzentriert auf die kleinen Veränderungen im Leben der Mutter. Dass es "keinen gemeinsamen Gefühlsraum" gibt zwischen Autor, Story und Leser heißt für Steinfeld nicht, dass der Schmerz und die Verzweiflung in der Geschichte keinen Platz haben.
Rezensentin Sabine Peters hat dieses Spin-off von J. J. Voskuils Kultserie "Das Büro" gern gelesen. Ihr zufolge beschreibt der Autor darin mit kargem Wortschatz, wie die Schwiegermutter des Helden seiner bekannten Romanreihe an Demenz erkrankt und wie Maarten, seine Frau und die Betroffene selbst damit umgehen. Die Kritikerin bekam so gut wie keinen Einblick in das Innere der Figuren, Voskuil beschreibt die Oberfläche ihr zufolge aber so genau, dass es zu einer "Tiefenbohrung zwischen den Zeilen" wird, die sie sehr berührt hat.
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