Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall und Bernhard Hartmann. Eine makabre Dystopie, überraschend nonchalant und bei all den Zombies bisweilen mit Witz erzählt: Der polnische Schriftsteller Jacek Dehnel beschreibt, was geschehen mag, wenn die Geister der Vergangenheit tatsächlich zurückkehren, wenn sie buchstäblich zu Tausenden aus ihren Gräbern kriechen - und wenn sie versuchen, das wahre Polen (wieder) herzustellen. Eine bittere Parodie auf polnische Verhältnisse, die sich aber nun - drei Jahre nach dem Erscheinen des Originals - auch noch ganz anders lesen lässt: Was passiert, wenn Wahnvorstellungen aus der Verhangenheit eine ganze Gesellschaft zu ergreifen scheinen und blutige Realität für die Nachbarn werden, kann man derzeit am Beispiel Russlands und seinem Krieg gegen die Ukraine beobachten. Das Buch schärft auch dafür den Blick. - Das Projekt wird kofinanziert durch das Programm Kreatives Europa der Europäischen Union.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.05.2023
"Herrlich respektlos" findet Rezensentin Marta Kijowska den neuen Roman des polnischen Schrifstellers Jacek Dehnel, in dem eine Horde nationalistischer Zombies Polen unsicher macht. Der Fernsehjournalist Kuba wird in ein Dorf geschickt, auf dessen Friedhof vermeintlich Randalierer gewütet haben, lesen wir. Schnell stellt sich heraus: Die Gräber wurden von auferstandenen Toten selbst beschädigt, die sich in der Folge recht ungebremst in der polnischen Gesellschaft ausbreiten können. Denn: Es gibt unter ihnen auch bekannte Persönlichkeiten wie den Militär und Politiker Józef Piłsudski, um den sich schnell eine Art Ahnen-Kult bildet, und auch ihre rechtspopulistische Agenda kommt gut in der Bevölkerung an. Wie es ausgeht, möchte die Rezensentin nicht verraten, und kann nur mit Nachdruck diesen Genre-Mix als "fulminant-makabre Satire" auf die aktuellen politischen Verhältnisse empfehlen.
Der Roman ist in Polen 2019 erschienen, manches liest sich als politische Satire etwas schräg in Bezug auf die grausame Aktualität von Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine. Rezensent Fabian Wolff liest ihn als Reflexion über Chauvinismus in den osteuropäischen Ländern im allgemeinen. Und er begrüßt diesen Zombieroman, in dem polnische Nationalisten von einst aus den Gräbern steigen und sich dummerweise den Rechtspopulisten anschließen, sehr herzlich. Virtuos spiele Dehnel, der mit seinem Ehemann in Berlin lebt, mit den Topoi des Zombieromans, so Wolff. Und er ist dabei klug genug, um allzu platte Dechiffrierungen des Romans zu verweigern, versichert der Rezensent. Dehnel greife in seinem Roman bestimmte Themen der polnischen Literatur auf, so knüpfe er etwa an die bekannte Intellektuelle Maria Janion an, die die nationalistisch fokussierte und die Juden ausschließende Erinnerungskultur in Polen kritisiert hatte. Die polnischen Juden steigen in Dehnels Roman übrigens offenbar nicht aus ihren Gräbern, das sei eine "unausgesprochene bittere Pointe" des Romans, die Wolff aber nicht näher erklärt.
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