Herausgegeben von Martin Gasser. 12 Bücher und eine DVD in einer handgefertigten Holzkiste. In englischer Sprache. Die Schlüsselthemen von Jakob Tuggener, die sich durch sein gesamtes Werk hindurch ziehen, sind die Fabrikarbeit, das einfache Landleben und - im Gegensatz dazu - die glamourösen Gesellschaftsereignisse der High Society. Gleichzeitig war er fasziniert von Straßen, Häfen und Schiffen, Autorennen und Flugschauen. Mithilfe seiner Kamera suchte er alle Facetten des modernen Lebens abzubilden - eine Welt zwischen dunklen Fabrikhallen und strahlenden Tanzsälen. Während der 1930er Jahre stellte Tuggener druckfertige Buchdummys zusammen, die sich mit all diesen Themen befassten, also gebundene Bilderserien aus bis zu 150 ganz- oder doppelseitigen Originalabzügen, von denen jedoch keine einzige zu Lebzeiten veröffentlicht wurde - mit Ausnahme des 1943 erschienen Titels "Fabrik", Tuggeners "Bildepos der Technik", das den Grundstein für seine internationale Bekanntheit legte. Viele seiner Motive stehen außerdem im Mittelpunkt seiner Kurzfilme, deren Genre jedoch irgendwo zwischen Dokumentation und Fantasie oszilliert. "Bücher und Filme" versammelt sowohl faksimilierte Ausgaben der ersten zwölf original Buchdummys aus den Jahren 1936 bis 1982 als auch eine Auswahl seiner 16mm-Kurzfilme auf DVD. Alle Filme sind schwarzweiß und ohne Text - genauso, wie der Künstler es immer gewollt hat. Damit wird zum ersten Mal Jakob Tuggeners umfangreiches Werk einem breiten Publikum vorgestellt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.08.2018
700 Euro für auf alt getrimmte Balenciaga-Sneaker würde Rezensent Jonas Lages nie ausgeben, für die bei Steidl erschienene Holzbox mit einer zwölfbändigen Werkauswahl des Schweizer Fotografen Jakob Tuggener indes schon. Denn auch wenn der Kritiker den Hype um reproduzierte Gebrauchsspuren nicht nachvollziehen kann, wird er beim Anblick und vor allem Anfassen der hier versammelten Faksimilies geradezu von einem "haptischen Taumel" ergriffen. Flecken, Kratzer, abgestoßene Ecken und vergilbtes Leinen auf glänzender Oberfläche ergeben für den Rezensenten eine ganz eigene Poetik. Einige Worte verliert Lages dann schließlich auch über die Fotos selbst: Wenn er Tuggeners Aufnahmen von Hafenarbeitern in Antwerpen oder Feiernden in St. Moritz betrachtet, meint er sogar zu sehen, wie dem Fotografen der Moment entwischt. Schon allein die beiden Bände "schwarzes Eisen" und "Maschinenzeit" lohnen die Anschaffung, findet er.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.07.2018
"Wo Wahn herrscht, kann Buchkunst sein", jubelt Rezensent Daniele Muscionico, nachdem er die siebzehn Kilo (und siebenhundert Euro) schwere Holzkiste geöffnet, die zwölf Bände plus DVD gesichtet hat und von Jakob Tuggeners fotografischer und Gerhard Steidl verlegerischer Megalomanie gleichermaßen überwältigt ist. Was für eine Symbiose, fährt der hingerissene Kritiker fort, für den das Werk schlicht das "ideale Fotobuch" darstellt. Selten ist ein Fotokünstler derart gewürdigt worden wie jetzt der Schweizer Avantgarde-Fotograf Tuggener, der unermüdlich und mit unerschütterlichem Selbstvertrauen fotografierte, zu Lebzeiten aber lediglich den Bildessay "Fabrik" im Selbstverlag herausbrachte und ansonsten nur Misserfolge einfuhr, erklärt Muscionico. Dieser Band ist purer Luxus - in jedem Sinne, verspricht der Kritiker.
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