Aus dem Englischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube. Schon kurz nach ihrem Umzug von Antigua nach New York unternimmt Jamaica Kincaid erste Schreibversuche, bleibt in der literarischen Welt vorerst aber ein Nobody. Bis sie 1974 den Herausgeber des New Yorker trifft: William Shawn zeigt sich begeistert von ihren Texten und stellt sie ein. Kincaids eigenwillig-originellen Beiträge erscheinen fortan in der "Talk of the Town"-Kolumne. Mal legt sie als Story einfach die Spesenabrechnung vor, ein andermal tippt sie ein aufgeschnapptes Gespräch über Sting ab, statt eine Konzertkritik zu schreiben. Und auch die Absurditäten des Verlagswesens schildert sie schonungslos. Mit einem feinen Gespür für Ironie und Komik hält Kincaid in ihren Kolumnen fest, wie sie die Welt der Bücher und Partys, der Mode und Popmusik kennenlernt. Erst später druckt der New Yorker auch Kincaids fiktionale Geschichten. Ihren eigenen Stil und ihren unverwechselbaren Sound hat sie da bereits gefunden. Und so dokumentieren die zwischen 1974 und 1983 entstandenen "Talk Stories" Kincaids Entwicklung von einer jungen Autorin, die selbstbewusst ihre Beobachtungen notiert, zu einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen unserer Zeit.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.03.2024
Mit Jamaica Kincaids gesammelten Kolumnen aus dem New Yorker atmet Rezensentin Johana Adorján den Duft der Freiheit: Zunächst ist die illustre Autorin als Figur des New Yorker Nachtlebens selbst Gegenstand der legendären "Talk of the Town"-Texte, dann darf sie selbst schreiben. Der "Westindische Karneval in Brooklyn" wird von ihr ebenso aufregend und lebendig geschildert wie etwas schräge Pressetermine, versichert die begeisterte Adorján. Der Termin eines Nobelpreisträgers wird von Kincaid beispielsweise minutiös auf seine gigantischen Kosten ("40 002 018,34 Dollar") heruntergerechnet, sodass die Kritikerin das angenehme Gefühl befällt, als Außenstehende nichts verpasst zu haben. Ein einordnendes Vorwort hätte dem Buch vielleicht gut getan, überlegt sie, aber so oder so handelt es sich um eine lohnenswerte Lektüre.
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