Das 20. Jahrhundert begann mit einer vernichtenden Klage gegen die Großstadt: Sie sei grenzenlos und unübersichtlich, chaotisch und ungeordnet. Der Großstädter sei haltlos; er fühle sich ungeborgen und nicht sesshaft - deshalb die allgemein akzeptierte Forderung, die Stadt von Grund auf zu erneuern ("Gesundung des kranken Stadtkörpers") oder gar aufzulösen. Wohl bedachte Beglückungsstrategien von Stadtplanern und Architekten zielten darauf, die überkommene Stadt durch eine bessere zu ersetzen. Dabei ging es nicht nur um neue Räume, sondern vor allem um andere soziale Ordnungsmuster. Im Rückblick ist nicht zu übersehen, dass die Umsetzung dieser Versprechen zum unbedingten Glück immer wieder an den Realitäten scheiterte. Erst im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts setzte sich allmählich die Erkenntnis vom hohen kulturellen und sozialen Wert der bestehenden Stadt durch. Diese widersprüchliche und kontrastreiche Entwicklung der Stadt sowie die Ideengeschichte des Städtebaus werden im Spiegel der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung zwischen 1922 und 1975 entfaltet - von den Anfängen in der Weimarer Republik über ihre Rolle und Funktion in der Zeit des Nationalsozialismus bis zu ihrem Wirken in der Bundesrepublik.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.01.2020
Rezensentin Sophie Wolfrum, selbst Professorin für Städtebau, hat nur wenig auszusetzen an diesem Band ihrer Kollegen Jörn Düwel und Niels Gutschow. Auf der Grundlage sorgfältiger Recherche untersuchen die beiden Experten für Städtebau in dem von der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung beauftragten Werk die Karrieren und Theorien deutscher Städtebauer, informiert die Kritikerin, die hier etwa nachliest, wie nahtlos berufliche Biografien während und nach der Zeit des Nationalsozialismus fortgesetzt werden konnten: Die stadtfeindliche Ideologie galt bis weit in die sechziger Jahre, klärt Wolfrum auf. In den zehn auch separat lesbaren Kapiteln bekommt die Kritikerin einen guten Überblick darüber, wer den westdeutschen Städtebau wie prägte. Dass sich einige Passagen doppeln beziehungsweise "sperrig" zu lesen sind, geht für Wolfrum in Ordnung. In jenen Kapiteln, in denen die Autoren Stellung zur Bodenfrage - etwa im Hinblick auf die Vergesellschaftung von Boden - beziehen, hätte sich die Rezensentin allerdings etwas mehr Differenzierung gewünscht.
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